Sabine Fessler (links) und Christina Schmid sitzen auf einem Stäffele. In der Mitte ein eigens gefertigter Tisch zum Verweilen auf der Treppe. Foto: /Marion Jäger

Ein Jahr lang flanierten Christina Schmid und Sabine Fessler über die Stuttgarter Stäffele. Ihr Buch „Treppauf – Treppab“ ist als eines der 25 schönsten Deutschen Bücher 2020 ausgezeichnet worden. Wie das Projekt entstanden ist, erzählt die Autorin – natürlich im Gespräch auf einer Treppe.

Stuttgart - Das Café ist geschlossen, wohin nun für ein Gespräch in Ruhe? Christina Schmid gibt die Richtung vor, hoch zur Pauluskirche im Stuttgarter Westen. Sie kennt da eine Treppe, die sich eignet – und behält Recht. Das Stäffele ist breit genug für zwei sitzende Personen, Bäumen umschmiegen den Ort von links und rechts – das schafft eine Ruhe, die so stadtnah selten ist.

Woher kennt sich die 34-Jährige so gut aus? Sie ist Stäffele-Expertin, könnte man sagen. Rund ein Jahr flanierte sie durch Stuttgart, zusammen mit ihrer Freundin Sabine Fessler. Mit dem Skizzenbuch unter dem Arm entdeckten sie die Treppen der Stadt. „Ich habe geschrieben, sie hat gezeichnet“, sagt Christina Schmid. Beide haben sitzend das Treiben der Stadt beobachtet. Menschen, die zum Bus hasten. Autos, die in der grünen Oase fern wirken. Ein Rollator, der alleine vor dem Treppenaufgang steht.

Eines der schönsten Deutschen Bücher 2020

Die beiden Freundinnen haben das alles aufgeschrieben und gezeichnet, 100 Stuttgarter Treppen haben eine Geschichte und ein Gesicht bekommen. Das Ergebnis ist das Buch „Treppauf – Treppab“, ausgezeichnet von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten Deutschen Bücher im Jahr 2020. Die Autorin sagt: „Treppauf – Treppab“ steht nicht nur für den Höhenunterschied, sondern auch für das Auf und Ab des Lebens. Über das Jahr hinweg haben wir uns in den unterschiedlichsten Stimmungen getroffen.“ Ein Auszug aus dem Buch zeigt das, drückt ihre Urlaubssehnsucht aus: „Im Rücken die Reinsburgstraße, Motorräder, das Rauschen im Feierabendverkehr – ach wenn’s doch Wellen wären“.

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Für Christina Schmid war das ganze Projekt eine Maßnahme, um sich Stuttgart näher zu bringen. Im Jahr 2013 zog sie bereits das dritte Mal in die Landeshauptstadt, ohne Stuttgart und die Viertel je wirklich gekannt zu haben, sagt sie. Und ein bisschen Therapie ist bei den Treppen-Sitzungen auch dabei gewesen. „Es wird immer so viel gemotzt über Stuttgart. Ich übe mich darin, auf die guten Dinge der Stadt zu schauen“, sagt sie und blickt plötzlich von ihrem Sitzplatz hinauf.

Ein älterer Mann läuft dicht am Geländer mit einer Plastiktüte von Feinkost Böhm die Stufen herunter. „Das passt schon so“, sagt er in freundlichem Ton, als er die Sitzenden passiert. Dann wird es wieder ruhig. Das müsste so eine kurze Begegnung im Alltag gewesen sein, die Christina Schmid und Sabine Fessler bewusster beim Verweilen wahrnehmen wollten.

Grüne Oasen in der Stadt

Wie haben sie sich die Orte für den Kessel ausgesucht? Die Basis habe ein Student mit einer Stäffele-Karte gemacht, sie als Kessel-Bewohnerinnen sind aus der Stadt heraus immer weiter auf die Suche gegangen: „Oft haben wir mit unseren Treppenspaziergängen unten angefangen. Gestresst, im Lärm der Stadt, zwischen all den Autos. Sobald man treppauf geht, findet man Oasen, ganz unerwartete Grünräume. Eigentlich sind die Staffeln eine riesige Parkerweiterung.“ Auf einer Karte in ihrem Buch sind 200 Treppen in Stuttgart eingezeichnet, insgesamt gibt es offenbar über 500 in der Stadt.

Ihre schönsten Orte hat die 34-Jährige schon entdeckt. Als Grafikdesignerin sieht sie Dinge mit einem anderen Auge. Sie findet den Verlauf der Ginsterstaffel in Gablenberg außergewöhnlich, er sieht für sie aus wie ein Elefant. „Sie geht vorbei an Gärten, weiter oben sind Schafe, es ist total ländlich“. Vom Blauen Weg hinunter nach Heslach stoßen Spaziergänger auf eine Stäffele-Kreuzung, erzählt sie. „Sie ist ganz verwunschen, die Stufen sind schief und voller Moos.“

Wie viele Menschen die Treppen jeden Tag hoch und runter marschieren, kann wohl niemand sagen. Doch die Stuttgarter haben wohl das gleiche Empfinden, wenn es bergauf geht. Die Stäffele-Expertin kann das bestätigen und sagt lachend: „Ja, viele ächzen, wenn sie die Stufen hochgehen.“ Warum dann nicht einfach mal hinsetzen?

Das Buch „Treppauf – Treppab“ ist bestellbar über Prima.Publikationen und kostet 24 Euro, die Karte einzeln 8 Euro.

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