Zwischen Särgen und Urnen: Krimiautor Jürgen Seibold in den Räumen des Waiblinger Bestattungsinstituts Hofmeister. Foto: Gottfried Stoppel

Der Leutenbacher Autor Jürgen Seibold sprüht nur so von Einfällen für seine diversen Regionalkrimis – und siedelt auch seine Lesungen an ganz besonderen Locations an.

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Ob der Rems-Murr- Krimiautor Jürgen Seibold öfter ebenfalls derartige Zweifel hegt, wie sie der Publizist Richard David Precht im Titel seines 2007 veröffentlichten Philosophie-Sachbuchs formuliert hat, ist nicht überliefert.

 

Seibolds durchaus beträchtliche Fanschar, die womöglich sämtliche seiner mehreren Dutzend Werke gelesen hat, dürfte jedenfalls gelegentlich Schwierigkeiten haben, den Überblick zu behalten. Denn das Portfolio des 65-Jährigen weist eine für Außenstehende fast unübersichtliche Vielfalt auf – an Protagonisten wie an Schauplätzen, an denen die Mörder zuschlagen und später überführt werden.

Apothekerin Ursinus und ihr „M“-Faible

Da gibt es die Schorndorfer Kripo, deren Kommissare, der Schwabe Rainer Ernst und sein badischer Kollege Klaus Schneider, auch mal in Backnang oder im Alfdorfer Maisfeld ermitteln. Es gibt den wehleidigen Kommissar Stefan Linder vom Landeskriminalamt, der am Albrand in Bad Boll ermittelt.

Oder den neig’schmeckten Niedersachsen Eike Hansen, der als Kommissar im Allgäu Verbrechen aufklärt. Dann die Reihe mit der Apothekerin Maja Ursinus, deren detektivische Spürnase sie zu Orten führt, die alle mit M anfangen – mal geht’s nach München, mal nach Mannheim oder Marburg.

Ein Restaurant-Krimi trägt den Titel „Mord am Spieß“

Am Marktplatz von Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) – in den Romanen zu Remslingen umbenannt – wiederum hat Robert Mondrian seine Buchhandlung. Doch der vermeintliche Bücherwurm hat eine von fast niemandem bekannte Vorgeschichte als Top-Agent von Deutschlands geheimstem Geheimdienst. Sein neuester Roman heißt „Herr Max Moritz mahlt nicht mehr“ und geht der Frage nach, warum der Müller nun tot in seiner an der Rems gelegenen Mühle liegt. Mondrians erstes Buch, 2020 erschienen, trägt den Titel „Schneewittchen und die sieben Särge“.

Apropos Särge: Dann ist da ja noch der etwas korpulente Esslinger Bestatter Gottfried Froelich, der nicht locker lässt, die wahren Hintergründe der Leiche auf dem Stocherkahn des Neckar-Seitenkanals aufzuklären. Nicht zu vergessen die lustigen, auf Verlagsanregung unter dem Pseudonym Tim Berger geschriebenen Restaurant-Krimis mit Titeln wie „Mord am Spieß“

Außergewöhnlich sind nicht nur Seibolds Stoffe und Schauplätze, sondern auch seine Lesungen. Die allerdings nichts vom handelsüblichen Vortrag haben, bei dem der Autor mit mehr oder weniger klarer Aussprache seine Schriftwerke wiedergibt.

„Tatort Zwerchfell“: In „Remslingen“ siedelt Autor Jürgen Seibold seine skurrilen Fälle mit Buchhändler Robert Mondrian an. Foto: Gottfried Stoppel

Vielmehr ist der in Leutenbach (Rems-Murr-Kreis) lebende Seibold vor allem live in seinem Element. Das entwickelt sich bei dem Mann mit einem Faible für karierte Hemden schon mal zu Stand-up-Comedy; mal plaudert er aus dem Kriminalschriftsteller-Nähkästchen, berichtet von den akkuraten Vorabrecherchen für seine Schauplätze, hat Tatwaffen parat wie eine Spätzlespresse, eine Sichel oder Mostäpfel.

Die Gesamtauflage seiner Romane liegt mittlerweile bei 570.000 Exemplaren. Mit seinen Figuren aus den diversen Reihen ist Seibold zudem zu insgesamt rund 40 Lesungen pro Jahr unterwegs, und zwar nicht nur im südwestdeutschen Raum, sondern auch weit darüber hinaus – in Österreich oder der Oberpfalz, in Iserlohn, Luxemburg, in der Schweiz oder in Emden bei den ostfriesischen Krimitagen.

Doch Jürgen Seibold kann nicht nur Prosa, sondern auch Lyrik. Vor wenigen Wochen wurde ihm der renommierte Sebastian-Blau-Preis für schwäbische Literatur verliehen. Vor allem sein ganz aktuelles Gedicht „Dahoim“ überzeugte die Jury. Ein kurzer Auszug: „Dahoim isch, wo du du selber bisch. Dahoim isch, wo’s di nâtragt, wo‘s di nâlenkt, ohne dass d’es willsch, ohne dass de woisch,/ wo nâ/de eigentlich gohsch.“ Seine Gedichte, so die Juroren, beschreiben die Suche nach einem Zuhause, das nur gefunden werden kann, wenn man mit sich im Reinen ist.

Immer wieder auf „Mordstour“ durch die Waiblinger Altstadt

Weniger besinnlich und eher heiter hingegen sind weitere kriminalistische Formate wie Seibolds „Mordstour“ in Form eines Spaziergangs durch die Waiblinger Altstadt zu den Orten seiner Fälle mit Robert Mondrian.

Der ehemalige Journalist schreibt zudem Ausflugsführer durchs Ländle oder Hörspiele („Bloß keine Maultaschen“), Ratgeber, Historienromane („Der Arme Konrad“) oder Theaterkomödien. Er kombiniert Weinproben mit seinen detektivischen Storys, und immer mal wieder gibt der leidenschaftliche Sänger und Gitarrist auch ein Liedchen zum Besten.

Aus Schokostäbchen werden „Sargnägel“

Manchmal darf sich das gespannt lauschende Publikum die Aufregung durch „Sargnägel“ (Schokostäbchen) weg knabbern. Womöglich auch in der skurrilen Location von Seibolds nächster Lesung im Remstal: Am Donnerstag, 20. November, gastiert er mit seinem Bestatterkrimi „Unsanft entschlafen“ beim Bestatter, nämlich dem Institut Hofmeister im Waiblinger Gewerbegebiet. Im Empfangsbereich vor dem Sarg- und Urnen-Schauraum des Unternehmens ist Seibold gemeinsam mit seinem Gitarristen Martin Hofpower zu Gast, der wiederum die Familie Schneider gut kennt und so den ersten Kontakt herstellte.

„Wir hatten hier schon einige kulturelle Ereignisse mit Publikum, etwa bei einem, gemeinsam mit dem Holzblasinstrumentenbauer Moosman von nebenan organisierten Konzert mit einer Fagottspielerin“, berichtet Seniorchef Klaus-Ulrich Schneider, „aber eine Lesung mit einem Bestatterkrimi noch nie – ich bin gespannt, wie gruselig das wird“, sagt er schmunzelnd.

Der Autor Seibold

Sebastian-Blau-Preis
Der Preis für schwäbische Literatur wird ausgelobt vom Verein schwäbische mund.art. Er ist benannt nach Sebastian Blau – unter diesem Pseudonym wurde der frühere Herausgeber und Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, Josef Eberle, zu einem der bedeutendsten Dialektdichter.

Lesung
Die Lesung von Jürgen Seibold beim Bestattungsinstitut Hofmeister, Anton-Schmid-Straße 21, im Gewerbegebiet Eisental in Waiblingen, beginnt am Donnerstag, 20. November, um 19 Uhr. Tickets zu 18 Euro gibt es per Mail unter: medien@seibold.de