Der Verein Alternatives Wohnen Esslingen steht vor seinem ersten gemeinschaftlichen, selbstverwalteten Wohnprojekt: Die Esslinger Wohnungsbau will der Projektgruppe Hohenkreuz die Grundstücke für ein Kettenhaus im Tobias-Mayer-Quartier verkaufen.
Manche träumen vom eigenen Häusle im Grünen. Manche von der Penthouse-Wohnung mitten in der Stadt. Die freiberufliche Hebamme Ariane Gölz (38) und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter vom Verein Alternatives Wohnen (AlWo) Esslingen haben derzeit vor allem eine gemeinsame Vision: Sie wollen nicht nebeneinander her-, sondern miteinander leben. Und das mit mehreren Generationen unter einem Dach, wie Irene Gölz, 64-jährige Gewerkschaftssekretärin, unterstreicht. Sie wollen teilen, nicht besitzen. Angefangen von der Immobilie bis hin zum Auto. Wobei jeder trotzdem seine Rückzugsflächen haben soll. Sie suchen ein flexibles Zuhause, das sie je nach Lebensphase entweder in ein größeres oder ein kleineres eintauschen können. Eine sichere Wohnung, die nicht nur auf dem Papier nachhaltig ist. Und die ihnen dennoch eine bezahlbare Miete garantiert, die nicht an die Renditeerwartungen anderer gekoppelt ist.
Experimentierfeld für alternative Wohnformen
So etwas gibt es nicht? Doch. Über 170 Mal in Deutschland. Und wenn alles klappt, demnächst auch in Esslingen. 174 autonome Hausprojekte und 16 Projektinitiativen sind in einem Verbund zusammengeschlossen, dessen Bindeglied das sogenannte Mietshäuser-Syndikat ist. Und wenn alles nach Plan läuft, wird die AlWo-Projektgruppe Hohenkreuz, wie ihr Arbeitstitel derzeit noch lautet, ab Anfang 2025 mit Beteiligung des nicht kommerziell organisierten Syndikats ein neues viergliedriges Kettenhaus bauen. Das ist Teil der Neugestaltung des Tobias-Mayer-Quartiers im Stadtteil Hohenkreuz, mit dem sich Esslingen auch in die Internationale Bauausstellung (IBA) 2027 in Stuttgart einklinken will. Die Esslinger Wohnungsbau (EWB) ist bereit, der Initiative die bislang noch bebauten Grundstücke Palmstraße 33-39 zum Bodenrichtpreis zu überlassen, berichtet Ariane Gölz. Ihr Projekt wird somit die Experimentierfläche für alternative Wohnformen.
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Lange hatte die heute rund 30 Personen umfassende Gruppe aus allen Alters-, Berufs- und Beziehungssparten nach einem geeigneten Objekt im Kreis gesucht. Im Zuge des Beteiligungsverfahrens für das Quartier auf der Flandernhöhe hatte sich dann der Kontakt zur EWB intensiviert. Aus dem zweistufigen Architektenwettbewerb, den die EWB und die Baugenossenschaft Esslingen als Grundstückeigentümer des insgesamt drei Hektar großen Areals zwischen Tobias-Mayer- und Palmstraße initiiert hatten, waren zwei Projekte hervorgegangen, die jetzt in einem ersten Bauabschnitt realisiert werden sollen. Darunter besagtes Kettenhaus, das vier nicht mehr sanierbare Altbauten ersetzen soll und für dessen Hochbauplanung das Studio Vlay Streeruwitz aus Wien mit Carla Lo Landschaftsarchitektur, Wien, und das Ingenieurbüro P. Jung, Hamburg, den Zuschlag bekommen hatten.
Unkonventionelle Wohnungszuschnitte
Wie viele Wohnungen das drei-bis fünfstöckige Ensemble in Holzhybridbauweise mit einer Wohnfläche von 2500 Quadratmetern am Ende beherbergen wird, wird eine von vielen Arbeitsgruppen der künftigen Hausbewohner mit dem Architekturbüro im Detail planen. Vorgestellt wurden in dem Entwurf laut EWB-Projektentwicklerin Shaira Haas 27 Wohnungen. Die Dachterrassen will die Hausgemeinschaft gemeinsam nutzen, die Wohnungszuschnitte werden sicher in vielen Bereichen eher dem Wohngemeinschafts-Gedanken als dem der traditionellen Kleinfamilie folgen. „Wir wollen uns auf jeden Fall auch ins Quartier einbringen“, berichtet Ariane Gölz: Für die gewerblichen Räume im Erdgeschoss hätte man gerne öffentliche Nutzungen.
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Gemeinsam mit dem Mietshäuser-Syndikat wollen die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner, zusammengeschlossen im Haus-Verein, jetzt eine GmbH gründen, die das Grundstück kauft und dann das Haus baut. Das Syndikat verhindert durch seine Beteiligung, dass die Immobilie jemals wieder verkauft werden kann. Wer einziehen darf und was im Haus passiert, bestimmt aber allein der Haus-Verein. „Die Gruppe sucht sich dann Direktkreditgeber, die ihr Geld anlegen oder die Idee des autonomen Wohnens unterstützen wollen“, erläutert Irene Gölz. Das ist dann das Eigenkapital für das 15- bis 20-Millionen-Euro-Projekt. Das restliche Geld wird über Bankkredite mit möglichst langer Laufzeit finanziert, über Gelder für den geförderten Wohnungsbau und Eigenleistungen. Die Miete soll zehn Prozent unter der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen, inklusive eines Solidarbeitrags für das Syndikat. Die Idee hinter dem Syndikat stammt ursprünglich aus der Hausbesetzerszene. „Wir sind keine Spontis, sondern hochprofessionell“, betont Ariane Gölz. Für die EWB, die der Stadt und der lokalen Wirtschaft gehört, sind die „AlWos“ Partner auf Augenhöhe. Deshalb habe man sich auch gemeinsam und unterstützt von der IBA‘27-Gesellschaft um Fördergelder des Landes beworben, unterstreicht der EWB-Geschäftsführer Hagen Schröter die Ernsthaftigkeit des „außergewöhnlichen und unkonventionellen“ Wohnprojekts.
Alternatives Wohnprojekt im Tobias-Mayer-Quartier
Verein
Rund 15 Bürgerinnen und Bürger, Selbstständige wie Gewerbetreibende haben 2019 den Verein Alternatives Wohnen Esslingen (AlWo-ES) gegründet. Derzeit bestimmt vor allem der Wunsch nach dem gemeinsamen Wohnprojekt im Tobias-Mayer-Quartier die Arbeit der Gruppe. Sie bietet aber generell eine Plattform, auf der sich Menschen finden und organisieren können, die sich für alternative Wohnformen interessieren. Auch bei der Suche nach Immobilien für gemeinschaftliche Wohnprojekte bietet der Verein Unterstützung an. Kontakt: wohnen@alwo-es.de
Quartier
Zwischen Tobias-Mayer- und Palmstraße soll ein Wohnquartier für möglichst viele Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen entstehen. Die Esslinger Wohnungsbau und die Baugenossenschaft hatten dafür ein breit angelegtes Beteiligungsverfahren inklusive eines zweistufigen Architektenwettbewerbs initiiert. Da das Quartier Teil des IBA’27-Netzes geworden ist (Internationale Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart), muss es zudem gewissen Standards genügen. In einem ersten Bauabschnitt sollen ein L-förmiges Gebäudeensemble und ein Kettenhaus entstehen. Letzteres wollen Mitglieder des Vereins Alternatives Wohnen bauen.