Der lange Fußweg vom S-Bahn-Halt Universität in Vaihingen zum Fraunhofer-Institut verleitet Mitarbeiter, das Auto zu nehmen. Die Lösung: ein autonomer Shuttle. Doch es gibt Hürden.
Rund 15 Minuten Fußweg sind es von der S-Bahn-Station Universität in Vaihingen bis zum Fraunhofer-Institutszentrum Stuttgart (IZS) in der Nobelstraße – täglich eine halbe Stunde nur für die Strecke zwischen Haltestelle und Büro. Aufs Jahr gerechnet sind das fast zwei Wochen Lebenszeit. Für viele der rund 1800 Mitarbeiter ein Grund, das Auto zu nehmen, statt auf den öffentlichen Nahverkehr zu setzen. In absehbarer Zukunft soll ein autonomer Shuttlebus diese Lücke schließen. Vorerst wird das E-Fahrzeug im Rahmen des Projekts IZS-Mobility, kurz IZSMO, nur auf dem Campus unterwegs sein.
Shuttlebus fährt auf Autonomie-Level 4
Noch sind jedoch nicht alle Hürden überwunden. „Wir hoffen, dass die Genehmigung für die Erprobung noch vor der Sommerpause erteilt wird“, sagt Alexander Merkel von der Bertrandt AG. Das Unternehmen aus Ehningen hat die Kleinbusse, die über sechs Sitzplätze und per Absenkung über einen barrierefreien Einstieg verfügen, entwickelt. Sie tragen den Namen BumbleB – abgeleitet vom englischen Wort für Hummel – und wurden bereits auf der Bodenseeinsel Mainau getestet.
Der Shuttle fährt mit bis zu 30 Kilometern pro Stunde auf Autonomie-Level 4, der zweithöchsten Stufe autonomen Fahrens. Er ist hochautomatisiert, aber noch nicht komplett führerlos. Vorgegebene Strecken kann er komplett eigenständig zurücklegen. In Deutschland schreibt die Gesetzgebung vor, dass ein Fahrer zur Sicherheit an Bord sein muss, der im Notfall eingreifen kann. „Während man in den USA weniger Auflagen benötigt, müssen deutsche Hersteller jeden Schritt behördlich genehmigen lassen. Ich muss nachweisen, dass mein System fehlerfrei funktioniert“, sagt Merkel. „In Amerika ist es andersherum: Wenn ich sicher bin, kann ich fahren.“
Shuttlebus nur ein Baustein des Projekts
Heike Münch, Klimamanagerin und Nachhaltigkeitsexpertin bei der Fraunhofer-Gesellschaft in München, betonte bei der Präsentation des Shuttlebusses, dass die Mobilität für die Klimastrategie des Forschungsinstituts, das bis 2045 klimaneutral sein will, eine ganz zentrale Säule ist. „Insbesondere der Pendelverkehr. Die Fahrten unserer Mitarbeiter zwischen Wohnung und Arbeitsstätte machen acht bis zwölf Prozent der Treibhausgasemissionen der Fraunhofer-Gesellschaft aus.“
Ein Ziel des Projekts IZSMO ist es, die Bedingungen für ÖPNV und Fahrrad attraktiver zu machen – und so den Fokus vom Pendeln mit dem Auto zu nehmen. „Denn der Shuttlebus ist nur ein Baustein“, sagt Theresa Strobel-Vogt, Mitarbeiterin im Forschungsbereich „Smart Energy and Mobility Solutions“ am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). Unter anderem wird ein Teil der knapp 700 Parkplätze auf dem Gelände in Vaihingen in einen Mobility Hub umgewandelt.
Dort stehen als Alternative zum Auto künftig kostenlose Sharing-Fahrräder, Lastenräder und E-Scooter zur Verfügung. „Sie sollen auch für kurze Fahrten rund um das Campus-Gelände genutzt werden – zu anderen Instituten oder in der Mittagspause in die Ortsmitte Vaihingens“, sagt Strobel-Vogt. Selbst ein zweisitziges Kabinenfahrrad mit Kofferraum könne geliehen werden. Überdies stehen Lademöglichkeiten für private E-Bikes, eine Fahrradservicestation und Schließfächer bereit. Parallel wird die Fahrgemeinschaftsbörse „Stuttgart fährt mit“ eingeführt, über die Mitarbeiter einfach Fahrgemeinschaften bilden können.
Das Projekt, das von der Hochschule Esslingen koordiniert wird, läuft von September 2025 bis Februar 2027. Die am Anfang und Ende erhobenen Daten werden miteinander verglichen. „Wir machen das Institutszentrum zum Reallabor und zeigen, wie nachhaltige Mobilität in der Praxis funktioniert, den Arbeitsweg für Beschäftigte attraktiver macht und gleichzeitig die Umwelt entlastet.“ Erste Erfahrungswerte sollen zeigen, ob das Konzept auch auf andere Unternehmen übertragbar ist. Das rund 500 000 Euro teure Projekt findet im Auftrag des Bundesamts für Logistik und Mobilität statt – es wird zu 100 Prozent vom Bundesverkehrsministerium gefördert.