Die Automobilbranche der Region Stuttgart steht vor einem Strukturwandel. Neben dem Verbrennungsmotor müssten neue Antriebsarten entwickelt und gebaut werden. Damit Firmen nicht abwandern, will die Region ein großes Gewerbegebiet entwickeln. Doch es gibt viele Fragen.
Stuttgart - Die A 8 und die Bundesstraße 465 in unmittelbarer Nähe, die Teckbahn nicht weit entfernt, das Areal so groß wie 59 Fußballfelder – das zeichnet das Gebiet Hungerberg im Dreieck Nabern, Dettingen und Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen) aus. Es könnte ein strategischer Vorhaltestandort der Region werden. Auf dieser Fläche sollen Unternehmen einen Platz finden, die den wirtschaftlichen Strukturwandel vorantreiben – vor allem den Transformationsprozess in der Automobilindustrie weg vom herkömmlichen Verbrenner hin zu anderen Antriebsformen (Elektro, Wasserstoff). „Wenn wir schon Freiräume in Anspruch nehmen müssen, dann für Zwecke, die dies wirklich rechtfertigen“, sagt Regionaldirektorin Nicola Schelling.
Doch es gibt eine planungsrechtliche Hürde: Der Hungerberg ist als regionaler Grünzug ausgewiesen und darf nicht bebaut werden. Deshalb muss der Regionalplan geändert werden, falls es mit der Gewerbenutzung etwas werden soll. Eine Zweidrittelmehrheit in der Regionalversammlung aus CDU, Freien Wählern, SPD, AfD und FDP hat ein solches Änderungsverfahren nun beschlossen, dagegen stimmten die Fraktionen Grüne und Linke/Pirat.
Was spricht für den Standort Dettingen?
Bereits 2009 wurde in einer Machbarkeitsstudie ermittelt, dass sich die Lage des Standorts mit unmittelbarem Anschluss an das überörtliche Verkehrsnetz mit Autobahn und Bundesstraße sowie Schienenanschluss für Industrie und Gewerbe eignet. Die verfügbare Fläche könnte bis zu 42 Hektar umfassen – angestrebt wird derzeit eine Flächengröße von 20 Hektar mit Erweiterungsoptionen. Zudem hat die Verwaltungsgemeinschaft (VVG), in der Dettingen zusammen mit Kirchheim/Teck und Notzingen organisiert ist, bereits signalisiert, dass sich die Kommunalpolitik eine solche Nutzung vorstellen könnte. „Die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart arbeitet mit den Gemeinden mit Hochdruck an einer Regelung zur Entwicklung des Standortes“, sagt Schelling.
Gab es Alternativen?
Die Wirtschaftsförderung-GmbH der Region (WRS) hat andere Kommunen befragt, auf deren Markung 19 regionale Gewerbeschwerpunkte mit mindestens 15 Hektar freien Flächen ausgewiesen sind – ohne positive Resonanz. Anders die Stadt Weilheim an der Teck, die ihren Standort Rosenloh vorschlug, und Vaihingen an der Enz mit dem südlichen Teil des Gewerbeareals Perfekter Standort. Beim Perfekten Standort müsste auf eine bessere Anbindung über die B 10 zur A 81 gewartet werden, bei Rosenloh könnten sich auf 20 Hektar schon jetzt Firmen ansiedeln.
Was ist das grundsätzliche Problem?
Zwar gibt es in der Region Stuttgart mehr als 1000 Hektar reservierte Gewerbeflächen. Doch die Hälfte kann frühestens ab 2025 bebaut werden, nur sechs Gebiete sind größer als 20 Hektar. Oft stehen Kommunalpolitiker und Bevölkerung wegen der Verkehrsbelastung und des Flächenverbrauchs einer Ansiedlung ablehnend gegenüber. „Der durchschnittliche jährliche Bedarf an neuen Gewerbeflächen von 100 Hektar kann nicht mehr gedeckt werden“, klagte WRS-Geschäftsführer Walter Rogg schon vor einem Jahr. „Die Betriebe suchen händeringend Flächen“, warnte die Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart. Jahrelang wollte die Region ein interkommunales Gewerbegebiet an der A 81 im Kreis Ludwigsburg etablieren, scheiterte aber an den Kommunen. Neuerdings ist ein Areal bei Mundelsheim im Gespräch, aber auch das liegt im regionalen Grünzug. Eine Planänderung wird vorbereitet.
Was ist speziell am Vorhaltestandort?
Das Gelände ist nicht für normale Gewerbeansiedlung gedacht. Es soll baureif vorgehalten werden, falls Unternehmen sich kurzfristig zu Investitionen in neue Fabriken entschließen, vor allem in der Automobilbranche, aber auch in anderen Zukunftsfeldern wie Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung, in denen staatliche Förderung winkt. Sollten dann keine Flächen bereitstehen, „besteht die Gefahr, dass zukunftsfähige Produktionsanlagen nicht realisiert werden mit erheblichen negativen Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort“, so der Regionalverband.
Wie wird der Regionalplan geändert?
Im Regionalplan ist grob festgelegt, welche Fläche wie genutzt wird. Besonders stolz ist die Region auf das Netz von regionalen Grünzügen. Sie sollen dem Zusammenwachsen von Siedlungsgebieten entgegenwirken und Naturflächen erhalten. Deshalb kann auch das Gebiet Hungerberg momentan nicht bebaut werden. Für die Gewerbenutzung müssen der Regionalplan und die Pläne der Kommunen geändert werden. Dazu werden die Bevölkerung und Verbände angehört. In den momentan geschlossenen Rathäusern liegen die Änderungspläne noch bis zum 12. März aus, in Dettingen soll es dazu am 17. Februar eine Bürgerinformation geben. Am Ende müssen die Regionalversammlung und die Gemeinderäte zustimmen.
Wie argumentieren die Befürworter?
Für sie müssen für die wirtschaftliche Entwicklung und die Sicherung von Arbeitsplätzen große Flächen für neue Fabriken vorgehalten werden. Wer Innovationen wolle, müsse dazu bereit sein, auch Freiräume zu belasten und die Nachteile gewerblicher Ansiedelungen in Kauf zu nehmen, sagt Roland Schmid (CDU/ÖDP). Mit Jammern und Nichtstun sei nicht geholfen, die Politik müsse „handeln, um den Strukturwandel zu ermöglichen”, meint auch Wilfried Dölker von den Freien Wählern. Volker Weil (FDP) betont, Standorte an der Autobahn seien ökonomisch und ökologisch sinnvoll. Auch Harald Raß (SPD) sagt, es sei die Aufgabe der Region, „mit Produktionsstandorten die Voraussetzung für wettbewerbsfähige und nachhaltige Technologien zu schaffen“. Grünflächen seien aber klimatologisch von hoher Bedeutung, deshalb müsse nun die „Abwägung mit nicht festgeschriebenem Ergebnis“ abgewartet werden. Joachim Hülscher (AfD) hält den Strukturwandel in der Autobranche für „politisch aufgenötigt“, man gehe aber „offen ins Verfahren“.
Und was entgegnen die Kritiker?
Die Kritiker sagen, dass in einem dicht besiedelten Raum wie hier nicht weitere Areale versiegelt werden dürften. Der Strukturwandel müsse in Zeiten des Klimaschutzes in bestehenden Gewerbegebieten möglich sein. Dorothee Kraus-Prause (Grüne) meint, die „Grenzen der Naturnutzung und -belastung müssen zentraler Maßstab sein, auch für eine der wertvollsten Ressourcen: die Fläche“. Zudem bezweifelt sie, dass gleichzeitig Fabriken für Verbrenner und Elektroantrieb gebraucht würden. Sebastian Lucke (Linke/Pirat) spricht vom „Armutszeugnis regionaler Planungs- und Verkehrspolitik“.