Aktivisten schaffen es nicht, der Autoschau am neuen Standort in München Sand ins Getriebe zu streuen. Den Herstellern gelingt es, neue Zielgruppen anzusprechen.
München - Obwohl es noch keine elf Uhr ist und sich die Innenstadt erst langsam füllt, beträgt die Wartezeit beim Daimler-Stand am Odeonsplatz schon zehn Minuten. Vögel zwitschern aus zwei Lautsprechern. Seitdem am Vortag Aktivisten den 1800-Quadratmeter-Stand geentert und Plakate vom Obergeschoss entrollt haben, nehmen es die Ordner strenger mit der Gepäckkontrolle. „Du musst auch den Beutel kontrollieren“, mahnt ein Aufseher seinen Kollegen mit der blauen Weste.
Nach Vorfall werden weniger Besucher zugelassen
Nach dem Vorfall lässt Daimler nicht mehr so viele Menschen auf den Stand, der eigentlich bis zu 2500 Besuchern zugleich fassen kann. Dennoch drängen sich die Zuschauer um die 13 ausgestellten Daimler-Fahrzeuge. Es ist eng. Jung und Alt, Frauen und Männer, viele Familien sind an diesem Samstag gekommen.
Zunächst erscheint es wie immer bei einer Autoschau: Der Blick vieler verrät die Faszination für das Auto. Sie sind begeistert, die neuesten Modelle zu sehen. Sie wollen die Limousinen anfassen, sich reinsetzen, darüberstreichen über die kantenlose Karosserie des windschnittigen EQS. Eine Frau deutet auf die Studie des vollelektrischen G-Modells, tippt ihren Mann an und sagt: „Den würde ich schon nehmen.“
Neue IAA mit anderer Zielgruppe
Und doch ist es anders: Ein Auspuffrohr sucht man vergebens. Hier am Publikumsstand hat Daimler die neue Strategie „Electric only“ („Nur Elektro“) bereits umgesetzt. Daimler stellt nur vollelektrische Fahrzeuge ins Schaufenster, sechs von den 13 ausgestellten Modellen kann man bereits kaufen. Die Zielgruppe ist auch eine andere. Während früher in Frankfurt Autofans angesprochen wurden, die bereit waren, teure Tickets für die Schau zu erwerben, zielen die Hersteller jetzt auf ein breiteres Publikum. Keiner muss bezahlen, um dem neuen Smart über das Dach zu streichen. Bettina Fetzer, Marketing- und PR-Chefin des Herstellers, sagt, dass das IAA-Format lange intern und mit dem VDA diskutiert wurde. Über anderthalb Jahre liefen die Vorbereitungen. „Uns ging es darum, auch mit Menschen in den Dialog zu treten, die sonst nicht zur IAA gekommen sind.“
An diesem Publikumssamstag schlendert eine vierköpfige Familie aus Dessau durch die Schau. Sie waren bisher allenfalls im Autohaus, jedenfalls noch nie auf einer Autoschau. Der Sohn Lennart („ich tendiere schon noch zum Verbrenner“) hat sich das Wochenende in München zum 18. Geburtstag gewünscht. Der Vater, ein Architekt, lobt den Daimler-Stand, der luftig gebaut ist und dem Besucher ungewöhnliche Perspektiven auf die barocke Theatinerkirche und auf die Feldherrenhalle bietet: Als Ostdeutscher, der verwaiste urbane Zentren kennt, könne er die Kritik, die Konzerne blockierten den öffentlichen Raum mit der IAA, nicht teilen: „Ich finde es sehr munter, hier wird mit Erfolg viel Aufwand getrieben, um neue Zielgruppen mitzunehmen.“
„Echt cooles Konzept“
Dicht umlagert ist das Chassis einer vollelektrischen S-Klasse (EQS). Eine junge Frau erklärt, wo bei dem Luxusmodell der Stuttgarter die Batterien sitzen, dass hier jeweils ein E-Motor eine Achse antreibt. Die 30-Jährige ist keine Studentin im Ferienjob. Sie ist Ingenieurin, Produktentwicklerin, Projektleiterin mit Wurzeln in Nordafrika und erst seit wenigen Jahren in Deutschland. Sie findet die frei zugängliche Fläche in der Innenstadt „ein echt cooles Konzept“: Die Besucher wüssten mehr über E-Mobilität als noch bei der letzten IAA, die in Frankfurt massiv von Autogegnern gestört wurde.
Auch in München gibt es Proteste. Auf der Theresienwiese haben die ganze IAA-Woche etwa tausend Aktivisten gecampt. Sie werfen den Herstellern vor, dass die E-Mobilität nur vorgeschoben ist. „Wir wollen eine echte Verkehrswende und nicht dreckige Lügen von der Klimakiller-Autoindustrie“ steht auf einem Plakat. Antikapitalistische Botschaften sind zu lesen: „Autokonzerne entmachten und enteignen.“ Die Münchener Behörden haben dafür gesorgt, dass Demonstration und Fahrradsternfahrt, an der eine fünfstellige Zahl von Menschen teilnehmen, nicht in die Nähe der Aussteller kommen.
Teure Bratwurst auf der IAA in München
Draußen im Münchener Osten in der Messestadt findet in Hallen der Teil der IAA statt, wie man ihn aus Frankfurt kennt. Geduldig stellen sich die Autofans an für Tickets, sie ertragen, dass die digitale Verknüpfung von Karte und Impfausweis nicht funktioniert. Willig zahlen sie sechs Euro für die Bratwurst und strömen in Scharen in die „Automania“-Halle, wo es fast nur Verbrenner gibt. Vielen ist die kindliche Freude ins Gesicht geschrieben, wenn sie einmal auf den Fahrersitz eines über 50 Jahre alten SL klettern oder die Kofferraumklappe eines Rolls Royce öffnen dürfen.
Ein Rentner aus Fulda mit signalrotem ADFC-Shirt, der an der Fahrrad-Demo teilnahm, wird später im ICE nach Mannheim über die IAA sagen: „Wir haben sie aus Frankfurt vertrieben und werden das auch noch in München schaffen.“ Der Sand, den die Aktivisten in das Getriebe der IAA streuen wollten, ist aber weder am Stand noch in der Halle zu spüren. Die Hersteller können eine zufriedene Bilanz ziehen.