Die Folgen der Corona-Pandemie sind bei Daimler immer noch spürbar. Der Neustart läuft nur langsam an. Der Stuttgarter Autobauer könnte deshalb sein Sparprogramm weiter verschärfen.
Stuttgart - Gut anderthalb Wochen vor der Hauptversammlung der Daimler AG am 8. Juli klingen die Worte des Betriebsratschefs drastisch. „Wir befinden uns in einer der schlimmsten Phasen, die es in der Geschichte des Unternehmens gegeben hat“, sagt Michael Brecht im Gespräch mit unserer Zeitung.
Grund ist die Coronavirus-Pandemie, die bei dem Stuttgarter Autobauer zu einem mehrwöchigen Produktionsstopp geführt hat und zu einem globalen Einbruch der Nachfrage nach Neuwagen. Der Konzernbetriebsrat befürchtet deshalb, dass das bestehende Sparprogramm verschärft und langfristig auch Stellen in der Produktion abgebaut werden könnten.
Reisebusse nicht mehr nachgefragt
Das bestehende Sparprogramm sieht vor, dass bis 2022 rund 1,4 Milliarden Euro an Personalkosten eingespart werden. Mindestens 10 000 Stellen in den indirekten Bereichen – etwa in der Verwaltung – sollen abgebaut werden. Noch gebe es keine konkreten zusätzlichen Forderungen des Unternehmens, sagt Brecht. Aber: „Wir erwarten, dass die Krise länger andauert.“
Weil Daimler in zusätzliches Wachstum investiert habe, werde bei einer Unterauslastung der Druck zur Kostensenkung in der Produktion zunehmen. „Je länger es dauert, bis wir wieder hochkommen, umso stärker dürfte dieser Druck werden“, schätzt Brecht. Ziehe die Nachfrage nicht an, werde es wohl zunächst Leiharbeiter treffen.
Zwischen Mitte April und Anfang Mai hatten die Daimler-Werke in Baden-Württemberg ihre Arbeit schrittweise wieder aufgenommen. Das gelte laut einer Daimler-Sprecherin etwa für die Pkw-Werke in Stuttgart-Untertürkheim, Sindelfingen und Rastatt, aber auch für die Lkw- und Bus-Werke. „Sowohl im Werk Gaggenau als auch in Mannheim wird seitdem wieder produziert“, sagt die Sprecherin.
Produktion fährt langsam hoch
Im Werk für Reisebusse in Ulm hingegen herrscht laut Betriebsratschef Brecht Stillstand. „Das haben wir noch nie erlebt“, sagt Brecht. Hier komme es darauf an, wann die Leute sich wieder trauen, mit dem Bus in den Urlaub zu fahren.
Nach wie vor hängt der Hochlauf von den Lieferketten der globalen Nachfrage nach Autos ab. „Wie sich die Auftragslage im weiteren Jahresverlauf entwickelt, lässt sich derzeit noch nicht sagen“, sagt die Daimler-Sprecherin. In einzelnen Bereichen werde deshalb die Kurzarbeit fortgesetzt. „Je nach Programm- und Produktplanung variiert auch die Anzahl der Schichten grundsätzlich in den verschiedenen Werken.“
In den zu Untertürkheim gehörenden Werkteilen Bad Cannstatt und Hedelfingen etwa habe man von Beginn an in zwei Schichten gearbeitet, immer mit umfassenden Hygieneregeln. „Wir steigern unsere Produktionskapazitäten schrittweise auf Normalniveau.“
Krise wird noch länger dauern
Die zu Beginn der Coronavirus-Pandemie fragil gewordenen Lieferketten haben sich laut Daimler stabilisiert. „Wir sind in sehr engem Kontakt mit unseren Lieferanten und überprüfen und steuern die weltweiten Bedarfe und Bestände durch ein engmaschiges Monitoring der einzelnen Lieferanten und Lieferketten“, sagt die Sprecherin. Durch großes Engagement der Lieferanten sowie Daimlers Flexibilität halte man die Lieferketten stabil.
Betriebsratschef Brecht sagt: „In den Sommermonaten wird es kaum Kurzarbeit geben, weil viele Kollegen in Urlaub sind.“ Das verleite dazu zu denken, dass danach wieder alles gut wird. „Doch wir werden uns im Herbst weiter damit beschäftigen müssen, wie wir die Krise meistern.“ Es gehe zunächst darum, das Überleben zu sichern und dann die Zukunftsfähigkeit von Daimler zu gestalten.
Kritik am Unternehmen
Vorerst verweist Brecht darauf, dass es noch keine Entscheidung über schärfere Sparmaßnahmen gegeben habe. Man sei aber im Dialog mit dem Vorstand. Und selbst wenn es soweit komme: „Es gilt weiter die Zukunftssicherung für alle Beschäftigen in Deutschland und die Transformationszusage: Bis 2030 wird es keine betriebsbedingten Kündigungen geben, und wenn eine Funktion gestrichen wird, muss den Beschäftigten eine Alternative angeboten werden“, bekräftigt Brecht.
Vor der Hauptversammlung am 8. Juli ergibt das für den Konzern eine schwierige Gesamtsituation. Hinzu kommen nun Berichte, wonach die Fondsgesellschaft Union Investment sowie eine Reihe Kleinaktionäre Vorstand und Aufsichtsrat nicht entlasten wollen. In der Kritik stehen die geringen Gewinne, der Umgang mit dem Diesel-Skandal sowie der verschlafene Wandel hin zur E-Mobilität. Angesichts der schwierigen finanziellen Lage Daimlers steht außerdem die Forderung im Raum, die geplante Dividende von 90 Cent pro Aktie doch nicht auszuzahlen.