Der Gebrauchtwagenmarkt ächzt unter der globalen Lieferketten- und Rohstoffkrise. Auch im automobilfokussierten Kreis Böblingen leiden Händler und Kunden unter Preissteigerungen und teils langen Wartezeiten. Die Gründe sind vielfältig.
Deutschland – das Paradies für Autohändler und Autofahrer? Aktuell kann davon zumindest im Bereich der Gebrauchtwagen keine Rede mehr sein. Während Premiummodelle von Automobilriesen weiter satte Renditen einbringen, stockt der Gebrauchtwagenmarkt. Teils lange Wartezeiten und Preissteigerungen von rund 30 Prozent reißen bei Verkäufern und Käufern immer tiefere Löcher in die Kassen und Portemonnaies – so auch bei Händlern im autoaffinen und -begeisterten Landkreis Böblingen.
Dass globale Probleme wie Lieferkettenschwierigkeiten, Rohstoff- und Lkw-Fahrermangel auch nicht an den Gebrauchtwagenhändlern im Kreis Halt machen, davon kann Ayse Demirayak ein Lied singen: „Die Situation gerade für uns freie Autohändler hat sich im Laufe der Coronazeit verschärft“, sagt die Geschäftsführerin von Efe, einem Gebrauchtwagen-Händler in Sindelfingen mit Schwerpunkt auf das Mittel- und Hochpreissegment, „da ist der oft zitierte Chipmangel nur ein Aspekt. Wir haben Kostensteigerungen beim Fahrzeugkauf, sofern wir die gewünschten Modelle überhaupt bekommen. Aber auch steigende Spritpreise, die bei den deutschlandweite Überführungsfahrten anfallen, spüren wir deutlich. Eine Fahrt von Hamburg nach Sindelfingen schraubt die Kosten aktuell weit hoch.“
Ankauf verteuert sich um mehrere Tausend Euro
Für Demirayaks Unternehmen verteuert sich aber nicht nur die Abholung. Es beginnt schon bei allerersten Schritt, dem Kauf: „Haben wir vorher fünf Fahrzeuge für 50 000 Euro erworben, überweisen wir nun 70 000 Euro – für vier Fahrzeuge aber.“ Es entwickele sich ein „Teufelskreis“, denn weniger Autos einkaufen zu können, bedeutet auch ein reduziertes Angebot. Die Folge: Kunden warten teils Monate. Solang das neue Fahrzeug nicht vor der eigenen Garage steht, verkaufe auch keiner sein „Auslaufmodell“ – sonst sitze dieser selbst auf dem Trockenen. Das verschärft die ohnehin schwierige Lage.
Diese ist zudem durch die Pandemie seit zwei Jahren aus dem Gleichgewicht. Stefan Iskan, Professor für Logistik und Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen, sieht verschiedene Gründe für den leergefegten Markt von gebrauchten Autos. „Wir haben es hier mit einem sogenannten ‚supply chain chaos’ zu tun, also Verwerfungen auf der Ebene der gesamten Lieferkette. Es gibt einen Halbleitermangel, der für die Chipkrise verantwortlich ist. Chips, wie sie auch heimische Hersteller wie Mercedes-Benz für die Autosensorik verwenden. Aber auch andere Rohstoffe sind knapper geworden. Dadurch stockt die Neuwagenproduktion. Und wo keine Neuen, da auch keine Gebrauchten“, erläutert der Experte.
Bekannte Probleme haben sich weiter verschärft
Durch die Coronakrise haben sich systemischen Probleme verstärkt, denn immer wieder waren Handelswege – beispielsweise durch geschlossene Häfen wie zuletzt in Shanghai – gekappt. Außerdem, so Stefan Iskan, bereite der fast weltweite Mangel an Lkw-Fahrern seit Jahren Sorgen. Hinzu würden immer knappere Lagerkapazitäten kommen. Seit Kurzem schlägt sich auch der Krieg in der Ukraine auf den Automobilmarkt nieder, wie Iskan erklärt: „Neongas, das für die Halbleiter benötigt wird, wird zu einem großen Teil aus Mariupol und Odessa, also der Ukraine, geliefert. Und Kautschuk kommt aus Russland, was derzeit nicht beschafft werden kann.“ Das seien alles Gründe dafür, dass die Preise auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt zuletzt um etwa 30 Prozent gestiegen sind.
Die Kfz-Innung der Region Stuttgart rechnet mit ähnlichen Zahlen. Geschäftsführer Christian Reher erklärt: „Die Deutsche Automobil-Treuhand hat ermittelt, dass sich der Preis für dreijährige Gebrauchtwagen binnen eines Jahres quer über alle Segmente und Marken um fast ein Drittel erhöht hat.“ Das liege auch nach Einschätzung der Vertretung der Autohäuser an dem „niedrigen Fahrzeugangebot als Folge von Corona, Chipkrise und Teilemangel“.
Innung sieht Probleme schon beim Neuwagenverkauf
In diesem Zusammenhang müsse erwähnt werden, dass die Neuwagenpreise in den letzten drei Jahren um sieben Prozent gestiegen seien. Daniel Kargl, Kreisvorsitzender der Innung in Böblingen und Serviceleiter beim Autohaus Weeber, das Filialen in Weil der Stadt, Herrenberg und Leonberg unterhält, ergänzt: „Es fehlen die Leasingrückläufer, weil diese nicht zeitgerecht durch Neufahrzeuge ersetzt werden können. Die klassische Inzahlungnahme von Gebrauchten gibt es aktuell nicht. Es fehlen die Neufahrzeuge. Deshalb sehen wir einen Gebrauchtwagenpreis auf Allzeithoch.“
Während die Autohändler selbst kaum eine Prognose für die Zukunft wagen, äußert sich Automotive-Supply Chain-Experte Stefan Iskan deutlich: „Das Chaos in den Lieferketten ist aktuell kaum mehr lösbar. Dafür hakt es an zu vielen systemisch wichtigen Stellen gleichzeitig. Die Situation läuft bis 2024 hinein.“
Die Gründe für die Krise
Preise
Die Deutsche Automobil-Treuhand (DAT) hat in einer bundesweiten Studie eine Erhöhung der Preise für Gebrauchte von bis zu 30 Prozent im Vergleich zu 2021 festgestellt. Die Rechnung bezog sich auf ein gebrauchtes Benziner-Fahrzeug. Für das fiktive Durchschnitts-Auto mussten Kunden fast 28 000 Euro aufbringen.
Gründe
Lieferengpässe durch Materialverknappung bei Neuwagen, gestörte Handelswege, fehlende Lkw-Fahrer und Lagerstätten sowie die hohe Inflation sind verantwortlich für die Entwicklung.