Der Abriss weiter Teile des Bohnenviertels ist 1942 ebenso geplant wie ein „Parkway“ durch den Schlossgarten. Nach dem Krieg wird manche Idee wieder aufgegriffen – und realisiert.
Ein neuer Rathaustrakt im Bohnenviertel, eine breite Parkstraße mitten durch den Schlossgarten, ein Gauforum auf der Uhlandshöhe – das sind einige der teils gigantomanischen Pläne, die unter nationalsozialistischer Herrschaft für Stuttgart geschmiedet werden.
Doch als das Stadtplanungsamt 1942 in der Denkschrift „Neugestaltung der Stadt der Auslandsdeutschen Stuttgart“ die jahrelangen Diskussionen um eine städtebauliche Entwicklung im Sinne der Nationalsozialisten zusammenfasst, ist es zu spät. Niedergeschlagen notiert der OB Karl Strölin: „Die Denkschrift ist nun nach unendlichen Schwierigkeiten endlich fertig. Aber die Probleme, die wir damals erörtert haben, scheinen nun in so weite Ferne gerückt, daß man den Eindruck hat, die ganze Arbeit ist umsonst gemacht.“
„Städtebaulicher Ausdruck der Naziherrschaft“
Die NS-Führung sucht in den deutschen Großstädten grundsätzlich nach „einem städtebaulichen Ausdruck ihrer Herrschaft“, so der ehemalige Leiter des Stadtarchivs, Roland Müller, in seinem Buch „Stuttgart zur Zeit des Nationalsozialismus“. Die Stadt als wirtschaftlich attraktives Rüstungszentrum ist zudem gezwungen, handfeste Verkehrs- und Wohnungsprobleme zu lösen. Schon 1936 beauftragt die Stadt deshalb drei Architekten und Stadtplaner mit der Erstellung eines Gutachtens für ein neues Verkehrskonzept. Alle drei, darunter Paul Bonatz, sind sich einig, dass die Stadt einen leistungsstarken Innenstadtring benötigt.
Auch neue Standorte für einen großen Rathaustrakt sowie ein Parteihaus werden gesucht. Ein Modell von Bonatz aus diesem Jahr zeigt einen Straßendurchbruch vom Charlottenplatz bis zur Hauptstätter Straße mit zahlreichen Großbauten. „Weite Teile des Bohnenviertels und der Kernstadt hätten dafür abgerissen werden müssen“, sagt Christian von Holst, der vor einiger Zeit die städtebauliche Entwicklung des Stadtkerns erforscht hat.
Umgesetzt wird davon nichts. „Offenkundig konnte oder wollte sich die Gauleitung nicht festlegen“, erklärt Roland Müller. Versuche, bei der Reichsführung für die Umgestaltungspläne zu werben, verhallen ungehört. Die Angst ist bei den Stadtoberen groß, dass Stuttgart nach dem Anschluss Österreichs 1938 unter der neuen Achse Berlin-München-Wien ins Abseits gerät.
Hauptbahnhof nach Bad Cannstatt?
Als 1939 die Pläne weitergeführt werden, schreibt Müller in einem Aufsatz von 2010, „bestand Einigkeit über den Abriss der Weißenhof-Siedlung zugunsten eines neuen Wehrkreiskommandos“. Auf der Karlshöhe sollte ein monumentales Reichsrundfunkgebäude entstehen. Ein Jahr später fassen neue Gutachten auch die Verkehrsplanung wieder ins Auge – mit der Idee, den Hauptbahnhof nach Bad Cannstatt zu verlegen. Das wiederum will vermutlich der „Obergutachter“ und Hauptbahnhof-Erbauer Paul Bonatz verhindern.
m Rosensteinpark zu bauen. Stattdessen soll das 400 Meter breite Bauwerk mit riesigem Kundgebungsplatz, 100 Meter hohem Glockenturm und Aufmarschstraßen auf der Uhlandshöhe entstehen. Wohl auch, um seinen Hauptbahnhof zu retten, der vom Standort im Park tangiert würde.
Der „Parkway“ kommt nicht – eine ander Straße schon
Bonatz hat noch weitere Ideen – darunter eine gewaltige Parkdurchfahrt im Schlossgarten, die jener in Berlin durch den Tiergarten oder den Champs-Élysées in Paris gleichen soll. „Neben seinem eigenen Bahnhof sah Bonatz im Mittleren Schlossgarten ein großes Oval für die Abwicklung des Verkehrs vor“, sagt Christian von Holst. Der Schlossgarten sei durch den Bahnhof und den Bahndamm ohnehin „stark verkleinert und bedrückt“, schreibt Bonatz 1941: „Kaum einer sucht zum Spazierengehen die Anlagen auf“.
Diese und weitere Überlegungen fließen in der Denkschrift von 1942 zusammen. Der Krieg und die Luftangriffe verhindern eine Umsetzung – vorerst. Nach Kriegsende werden neue Pläne gemacht und alte aufgewärmt, von Bonatz etwa sein „Parkway“ und der massive Ausbau der Roten Straße (heute Theodor-Heuss-Straße). Immer geht es laut von Holst darum, „beengte Verhältnisse in der Talmulde zu verbessern, Schneisen zu schaffen, die Stadt autogerecht zu machen“.
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