Oberbürgermeister Fritz Kuhn klagt über zu viele Autos in der Stadt. Foto: Heinz Heiss

Handelsverband und Breuninger-Chef Oergel warnen vor den „schädlichen Folgen“ einer autofreien City. OB Fritz Kuhn ist da ganz anderer Meinung. Bei einem Thema ist man sich aber einig.

Stuttgart - Erst kürzlich hat es Oberbürgermeister Fritz Kuhn wiederholt: „Stuttgart ist mobilitätsmäßig überlaufen.“ Daher stellt er die Frage: „Was kann man tun, wenn man Urbanität fördern will und die Luft sauberer werden soll?“ Klare Antwort: Im Schnitt 20 Prozent weniger Autos in die Innenstadt lassen. Seitdem werden Themen wie Fahrverbote, Nahverkehrsabgabe oder City-Maut diskutiert.

Für den Handel in der Landeshauptstadt sind das Reizworte. Erst recht in der Zeit des digitalen Wandels. Man hält diesen Strukturwandel für extrem gravierend. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“, war am Donnerstag bei einem Zukunfts-Kongress des Handelsverbandes in der Sparkassenakademie das geflügelte Wort.

Für Breuninger geht es um die Geschäftsgrundlage

Breuninger-Chef Willy Oergel brachte es dort auf den Punkt: „Diese Diskussionen über eine autofreie Innenstadt sind für den Handel schädlich.“ Ein bemerkenswertes Statement des Kaufhauschefs. Denn zur Firmenphilosophie von Breuninger gehört es eigentlich, sich aus politischen Themen rauszuhalten. Intern aber heißt es: „Weil es hier um die Geschäftsgrundlage geht, macht Oergel eine Ausnahme.“ Im Wortlaut klingt das so: „Wenn die diskutierten Maßnahmen umgesetzt werden, wird es Geschäftsaufgaben und Leerstände geben. Denn die Leute werden nicht mehr in die Stadt kommen, wenn sie nicht dorthin fahren dürfen.“ Stattdessen werden die Kunden noch stärker auf den Online-Handel oder die Einkaufsangebote anderer Kommunen setzen. „Wir sind – und im Übrigen auch die Stuttgarter Kultur und die Museen – auf die Leute aus der Region angewiesen. Sie machen zwei Drittel unseres Umsatzes aus.“ Schon jetzt prognostiziert Handelsverbands-Geschäftsführerin Sabine Hagmann ein Wachstum des Online-Handels gemessen am Gesamtumsatz von etwa 20 Prozent. Breuninger-Chef Oergel geht noch weiter: „Es wird bald ein Drittel sein, das nicht mehr stationär einkauft.“

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Genau auf diese Gruppe hat es Fritz Kuhn abgesehen, die Autofahrer mit den Doppelkennzeichen. „Die Leute müssen freilich noch zu den Parkhäusern kommen. Natürlich müssen auch Geschäfte beliefert werden“, sagt der OB. „Aber die Frage ist doch, ob auch die vielen Fahrzeuge, die meistens nicht aus Stuttgart kommen, zu einem Friseurbesuch oder für ein zweistündiges Kaffeetrinken in die Stadt reinfahren müssen. Denn die Städte, die mehr Autofreiheit haben, sind attraktiver.“ Dieser Ansicht widerspricht der Breuninger-Chef vehement. Er verweist darauf, dass internationale Vergleiche hinken, in denen der Handel trotz einer autofreien Innenstadt blühe.

Hagmann: Anderer Stellenwert des Autos

Beispiel Stockholm: Dort lebe der Handel von jährlich 8,5 Millionen Touristen. Stuttgart hat dagegen nur 3,6 Millionen. Sabine Hagmann ergänzt: „Zudem haben solche Städte nicht so viele Baustellen, kein S 21 und einen funktionierenden ÖPNV.“ Was ihr noch wichtiger erscheint, ist der Mentalitätsunterschied: „Wir Deutschen sind anders. Das Auto hat hierzulande einen anderen Stellenwert.“ Als

Beweis nennt sie Städte, die nach einer Verkehrsberuhigung der City das Rad nun wieder zurückdrehen. Andrea Poul, die Center-Managerin des Einkaufscenters Milaneo, hat das in Ludwigshafen miterlebt. Und Poul stellt die Frage: „Wer schleppt im Zeitalter des Online-Handels schon gerne Tüten mit der Bahn nach Hause?“ Dies gelte für Stuttgart noch mehr als für andere Städte. „Die Stuttgarter lieben ihr Auto, die lassen es nicht gerne stehen“, sagt Poul. Ins Milaneo kämen derzeit 28 Prozent aller Kunden mit dem Auto, 52 Prozent mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. „Um diese Quote zu erhöhen, brauchen wir einen besseren ÖPNV und mehr Park-and-Ride-Parkplätze. Was wir bisher haben, ist ein Witz“, erklärt die Center-Managerin des Milaneo.

28 Prozent aller Milaneo-Kunden kommen mit dem Auto

Immerhin in einem Punkt scheint zwischen dem Handel und dem Oberbürgermeister Einigkeit zu herrschen. „Ein wichtiger Punkt ist der Ausbau des ÖPNV“, sagt Kuhn. „Ich weiß, dass die S-Bahn unpünktlich ist. Wenn die S-Bahn nicht zur alten Pünktlichkeit zurückfindet, werden die Leute auch nicht umsteigen.“

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