Christof Baumann ist Sammler und der absolute Experte für historische Modellautos der Auto Union.
Christof Baumann sagt es ganz schnörkellos: „Kleine Autos zu sammeln, macht Spaß.“ Auf etwa 850 Stück hat er es allein schon bei der Marke mit den vier Ringen gebracht, die anderen Exemplare seiner Modellautosammlung mal völlig außen vor gelassen. Eine Sucht sei das überhaupt nicht, aber was seine Passion für Auto Union-Modelle betreffe, irgendwie dann doch, meint der 67-Jährige lächelnd.
Natürlich, die Geschichte der 1932 gegründeten Auto Union mit ihren vier Marken Horch, Audi, DKW und Wanderer ist beeindruckend. Aber begonnen hat Baumanns Überschwang per Zufall und mit einem alten Fliederbaum vor dem Reihenhaus seiner Eltern im Stuttgarter Osten.
Am Anfang steht ein Zufallsfund
Der Baum war so in die Höhe gewachsen, dass er ein Fenster komplett verdeckte. Beim Zurückschneiden rief sein Bruder Lothar plötzlich von der Leiter runter: „Ich glaub, ich spinne!“ Da kam ein Spielzeugauto zum Vorschein. „Der Trieb des Fliederbaums war förmlich in das kleine Modell aus Metallguss hineingewachsen – ein Auto Union Rennwagen, Typ Lucca-Wagen, Stromlinie“, erzählt Christof Baumann. Ein Spielzeugauto aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Vielleicht hatte es ein Bub versteckt und vergessen. „Der Flieder war gewachsen, das Auto trotzte jahrzehntelang Wind und Wetter.“
Behutsam haben die beiden Brüder damals den archäologischen Fund geborgen. Vorne fehlten zwei Räder, die kurzerhand durch die Vorderachse eines Batmobils ersetzt wurden. Klare Sache, das Stück besitzt heute einen Ehrenplatz in der Sammlung.
Baumann besaß auch schon einen großen Oldtimer. Damals war er an einem Geschichtsprojekt über Stuttgarts „wildverschlafene“ Jugendkultur der 60er beteiligt. Es gab eine Ausstellung im Künstlerhaus, das Motto lautete: Grabe, wo du stehst!
400 Mark für einen Oldtimer
Zwei Freunde von ihm hatten einen DKW 1000S aufgetan, Baujahr 1959. „Der stand in einem Schuppen in Stuttgart-Kaltental und war wirklich eine Ruine“, erzählt Baumann. „Wir wollten das Teil eigentlich restaurieren. Es ist aber nie etwas passiert, bis das Dach einstürzte und der DKW weg musste.“ Er kaufte ihn 1982 für 400 Mark, ein Experte aus Köngen machte das Auto wieder fit, zwei Jahre später konnte es zugelassen werden. Ein Freund aus Wurmlingen hielt das Gefährt jahrzehntelang am Laufen. 2017 verkaufte Baumann seinen DKW 1000S schließlich.
„Dieses doppelte Finderglück Anfang der 80er Jahre, das alte Auto Union-Rennwagenmodell und der DKW 1000S im Maßstab 1:1 – das war wohl ein Wink des Schicksals“, sagt Baumann. Bis dahin hatte er zwar auch noch ein paar Spielzeugautos aus einer Kindheit, die er einfach nicht wegwerfen konnte: die Wiking-Modelle etwa, die er von seinen Eltern als Trostpflaster nach seiner Blinddarm-Operation bekam.
Der junge Christof war auch stolzer Besitzer des ersten Solido-Modells vom Porsche 917, mit dem Hans Herrmann 1970 die 24 Stunden von Le Mans gewann. „Und unsere Nachbarin, die „Amme“ im Stuttgarter Ballett von John Cranko, schenkte mir mal einen wunderschönen Citroën-Abschleppwagen.“ Aber erst nach dem Wink des Schicksals begann Baumann dann gezielt, Spielzeugautos zu sammeln – insbesondere jene, die mit der Geschichte der Auto Union zu tun hatten.
Über vier Jahrzehnte währt diese Leidenschaft, und jetzt ist daraus sogar ein Buch geworden. In dem Wiener Verleger und Automobilexperten Richard Hollinek fand Christof Baumann einen ähnlich begeisterten Kenner der Materie. Folgerichtig erscheint jetzt im April ein Prachtband für 68 Euro, der auf 232 Hochglanz-Seiten die Geschichte der Auto Union beschreibt, reich illustriert mit mehr als 400 historischen Spielzeugautos.
Die Produzenten: Karl Bub, Schuco, Märklin aber auch Mahle und Schildkröt
„Zeitgenössische Spielzeugfabrikanten bildeten die Fahrzeuge der Auto Union teils sehr fantasievoll und teils sehr detailliert nach“, schwärmt Christof Baumann. „Schon beim Material wird die große Vielfalt deutlich: Es gab Blech, Blei, es gab Zinkdruckguss, Holz, Celluloid, Gummi und natürlich Plastik. Nicht nur Karl Bub, Schuco und Märklin haben Modellautos produziert, auch Mahle und Schildkröt.“
Das Material, das er zusammengetragen hat, sprengt selbst den Umfang seines voluminösen Buches. Baumann verzichtete deshalb auf Motorräder der Marken DKW und Wanderer. „Und für Kriegsspielzeug gibt es andere Literatur und Interessenten.“
Mit dem Jahr 1969 endet das Buch. Damals wurde aus der Auto Union GmbH in Ingolstadt die Audi NSU Auto Union AG. Auch bei den Spielzeugautos begann damals eine neue Zeitrechnung. Weltweit drängten die „Heißen Räder“ des US-Konzerns Mattel in die Kinderzimmer. Sie waren preiswert, farbenfroh und rollten sensationell gut. Mit den Hotwheels teilte sich die Welt der Miniaturautos rasant auf in Spielzeug für Kinder und in Modellautos für erwachsene Sammler.
Baumanns Sammlung der verschiedenen Auto Union-Modellautos umfasst einen Großteil der im Buch abgebildeten Spielzeugschätze. Er hat im Lauf der Jahre auch wahre Raritäten ausfindig gemacht und mit eigener Profi-Kameraausrüstung abgelichtet. Er bekam Zugang zum Audi-Werksarchiv in Ingolstadt, wo einst ein emsiger Pressesprecher in weiser Voraussicht selbst Modellautos der Marke mit den vier Ringen gesammelt hatte. Und im Märklin-Museum durfte Baumann ein Modell des Wanderer-Stromlinienwagens ablichten. Im Original wurde es vom Stuttgarter Konstruktionsbüro Ferdinand Porsches entwickelt, als dessen Dienstwagen genutzt, aber nie in Serie gebaut. Ein Prototyp also – und noch seltener als das Blechspielzeugmodell von Märklin.
Ein schnittiges, schönes Auto
In Brasilien fand Baumann zwei Sammlerfreunde in Belo Horizonte und Rio, die ihn mit Modellen und Fotos versorgten. Sie lieferten auch Informationen, wie vom NS-Regime verfolgte Juden mit der Produktion von DKW-Spielzeugautos in der Emigration einen Neuanfang versuchten.
Mit Blick auf alle Auto Union-Spielzeugautos nimmt der „Lucca-Wagen“ eine Sonderstellung ein: „Vor dem Zweiten Weltkrieg war er weltweit wohl das am meisten gefertigte Auto Union-Modellauto, beste Reklame, eine Visitenkarte deutscher Rennerfolge im Zeichen der vier Ringe – und auch des Hakenkreuzes“, erklärt Christof Baumann. Vor allem aber ein schnittiges, schönes Auto, egal in welcher Größe, welcher Form und Farbe. „Ein wirklich ikonisches Spielzeug, das auch nach 1945 noch in vielen Ländern weiterproduziert wurde.“
Jeder Sammler sucht nach Vollständigkeit, auch wenn er weiß, dass seine Sammlung niemals komplett sein wird. „Es gibt Sachen, von denen ich weiß, dass es sie gibt, die ich aber nicht im Buch drin habe“, sagt Baumann. Auch in Chile, Argentinien, Australien, Japan wurden Auto Union-Spielzeugautos hergestellt. „Und ich war ganz nah dran an einem Modell aus Finnland. Es scheiterte aber daran, dass mein schon etwas älterer Sammlerfreund seit 15 Jahren kein Paket mehr verschickt.“
In seiner Kindheit war das noch ganz anders
Schreit das schon nach einer zweiten Auflage, bevor die erste erschienen ist? „Nein“, sagt Baumann. „Meine Frau Brigitte musste ja alles Korrektur lesen. Sie ist in der Hauptsache daran interessiert, das nicht noch mal machen zu müssen.“ Was ihn allerdings nicht davon abhält, weiter nach seltenen Auto Union-Modellautos Ausschau zu halten. „Das passiert meist auf Ebay, ich gehe ständig in die Bucht“, sagt er.
In seiner Kindheit war das noch ganz anders. Es gab viele Spielzeugläden, jeder Einzelhändler orientierte sich am örtlichen Marktgeschehen und bestellte beim Großhändler entsprechend seine Ware. Das Ergebnis war eine große Vielfalt. Aufs Geratewohl in die Stadt zu fahren, um wie damals ein Spielzeugauto zu kaufen, ist heute in der Regel mit Enttäuschung verbunden. „Eine richtige Auswahl gibt es nur noch in wenigen spezialisierten Sammlergeschäften oder eben im Internet.“
Deshalb trifft man Baumann regelmäßig auf Modellautobörsen wie jüngst in Mannheim, immer im Rucksack dabei: Rauhaardackeldame Zeppel. Gemeinsam nehmen sie dann Witterung auf, um weitere Modelle mit den vier Ringen aufzuspüren.
Wenn man dann was findet, muss man zuschlagen, weiß Baumann aus Erfahrung. Auf einer Messe im Elsass hatte er Ende der 90er Jahre ein DKW-Feuerwehrauto entdeckt – für 150 Mark. „Ich fragte den Verkäufer, einen US-Amerikaner, warum das Spielzeugauto so teuer sei. Er antwortete: ,Have you seen one before?“ Baumann zögerte, aus dem Geschäft wurde nichts. 25 Jahre später bezahlte er für das Modell 150 Euro.
Er hätte sich damals schon an den Rat seines Freundes Ugo aus Padua halten sollen, sagt Baumann: „Wenn du etwas siehst, was du haben kannst, dann kaufe es. Es billiger zu kriegen, kann lange dauern.“