Boris Palmer (links) und sein Vertreter Cord Soehlke im vergangenen Jahr bei Palmers Wiederwahl als Oberbürgermeister von Tübingen. Foto: imago/Alexander Gonschior

Im Juni während der Auszeit von Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer übernimmt Baubürgermeister Cord Soehlke das Rathaus. Wie blickt er auf diese Zeit – und was sagt er zu den umstrittenen Äußerungen des OB?

Cord Soehlke ist im Stress, er kommt direkt von einem Termin, eine Stunde hat er Zeit, dann muss er gleich weiter. Ob man das Gespräch auch auf der Terrasse führen könne, fragt er, dort könne er nämlich rauchen. Er zündet die Zigarette an, zieht genüsslich daran und pustet den Rauch in die Luft. Jetzt scheint sich zumindest etwas Entspannung in ihm breit zu machen. „Wir sind zurzeit unter Vollstrom – und der Terminkalender wird sicherlich nochmal voller, aber es herrscht keine Panik“, sagt der Tübinger Baubürgermeister auf die Frage, wie er auf den kommenden Monat blickt.

 

Palmers umstrittene Äußerungen „immer wieder ein Stresstest“

Dann kommt zu seinem ohnehin schon straffen Programm noch die Vertretung von Tübingens Oberbürgermeister hinzu. Denn Boris Palmer nimmt sich als Konsequenz aus dem jüngsten Eklat auf einer Migrationskonferenz in Frankfurt eine vierwöchige Auszeit. Dort hatte er als Reaktion auf an ihn gerichtete „Nazis raus“-Rufe mit einem Judenstern-Vergleich reagiert und in einer Diskussion immer wieder das rassistische, schwarze Menschen abwertende N-Wort benutzt. „Es ist idiotisch, ihn als Nazi zu bezeichnen und es ist auch nicht richtig, dann so zu reagieren“, sagt Cord Soehlke dazu.

Der Tübinger macht schon vor dem Gespräch klar, dass er eigentlich keine Lust hat, viel über Boris Palmer und die Aufregung in den vergangenen Wochen zu reden. Doch das Thema lässt sich nicht komplett ausklammern, das Ganze hat auch Auswirkungen auf seine Arbeit. Jedes Mal, wenn der Tübinger OB mit umstrittenen Aussagen für bundesweite Schlagzeilen sorgt, sei das für die Verwaltung „immer wieder ein Stresstest“, sagt Soehlke. Bei ihm und seinen Kollegen meldeten sich dann Mitarbeiter der Stadt oder Tübinger Bürger, die sich von Palmer nicht mehr repräsentiert fühlten.

Ist das jetzt Soehlkes große Chance, sich für den OB-Posten zu bewerben?

Dabei will der parteilose Soehlke, der sich eher dem grün-roten Lager zuordnet, einfach nur seine Arbeit machen, Tübingen weiter vorantreiben, es gäbe schließlich genug zu tun: Wohnungsbau, Kitabetreuung, Klimaneutralität – „Wir wollen uns auf das konzentrieren, was hier wichtig ist – und diese Nebenthemen und Eskalationen vermeiden“, sagt er. Umso glücklicher ist er, dass sein Oberbürgermeister nun Einsicht zeigt – und sich in seiner Auszeit im Juni darum kümmern will, wie künftig Eskalationen verhindert werden können. Soehlke lobt das als respektable Entscheidung und hofft, dass er in diesen vier Wochen nicht allzu viel Rücksprache mit Palmer halten muss: „Es ist mein Ziel, dass er Zeit für sich und seine Themen hat. Wir werden nicht täglich telefonieren.“

Und auch der Oberbürgermeister hat vollstes Vertrauen in seinen Stellvertreter: „Er kennt die Stadtverwaltung schon länger als ich, ist mit allen Fragen bestens vertraut und kann meine Aufgaben aus dem Stand heraus übernehmen“, sagt Palmer über Soehlke. Er sei froh, einen solch „exzellenten Fachmann“ in Tübingen zu haben. Seit 2010 ist Soehlke Baubürgermeister der Universitätsstadt, 2018 wurde er in seinem Amt bestätigt und auch zum 1. Bürgermeister und damit Vertreter des OB gewählt. Ist das im Juni jetzt die große Chance, sich für die vorderste Reihe zu bewerben? Daran verschwendet der 54-Jährige keinen Gedanken: „Ich habe meinen Traumjob, ich wollte nie Oberbürgermeister werden“, sagt er.

Soehlke: Boris Palmer und ich haben ein enges und persönliches Verhältnis

Selbst Anfragen für ein Amt als OB in anderen Städten Deutschlands konnten Soehlke nicht aus Tübingen locken. Der Vater einer Tochter fühlt sich wohl in der 90.000-Einwohner Stadt am Neckar. „Tübingen ist eine traumhafte Stadt“, schwärmt er und lässt den Blick von der Terrasse im dritten Geschoss des Technischen Rathauses über die Stadt gleiten. Hier konnte der studierte Architekt und Stadtplaner echte Herzensprojekte umsetzen. Das Französische Viertel etwa, das ihn damals aus Ostwestfalen nach Tübingen gezogen hat, ein Stadtgebiet ganz nach Soehlkes Vorstellungen: sozial gemischt, mit „öffentlichen Wohnzimmern“, in denen die Menschen zusammenkommen, weg von Einfamilienhäusern und Parkflächen für Autos.

Die Nähe zu den Leuten – das schätzt Soehlke an Tübingen, auch wenn das als Bürgermeister der Stadt manchmal anstrengend sein kann: „Wenn wir auf dem Marktplatz sitzen, kommt eigentlich alle zehn Minuten jemand und fragt: ‚Können wir mal darüber reden?‘“, erzählt er. Das wird nicht weniger werden, im Juni wird Soehlke durch die Vertretung von Palmer seine Bekanntheit sicher noch einmal steigern. Dem Tübinger OB hält er trotz allem weiterhin die Treue, die beiden sind befreundet – daran ändert auch der jüngste Eklat nichts. „Wir haben ein enges und persönliches Verhältnis. Dadurch können wir gut miteinander streiten“, sagt Soehlke.

Im Tübinger Gemeinderat freuen sie sich auf einen „völlig anderen Stil“

Dass der Baubürgermeister nicht davor zurückschreckt, seine Ablehnung gegenüber Aktionen von Palmer auch in aller Öffentlichkeit zu zeigen, unterstreicht sein Auftritt in einer Gemeinderatssitzung im März, als er demonstrativ nicht auf der Bürgermeisterbank Platz genommen hatte. Damals ging es um Palmers Facebook-Posts zu einem Tötungsdelikt in Tübingen. Der OB hatte bereits einen Tag nach der Tat das Opfer dem Drogenmilieu zugeordnet und die Tat auch mit der Asylpolitik der Bundesregierung in Verbindung gebracht. In solchen Fällen kritisiert Soehlke Palmers Verkürzung der Sachverhalte, es sei manchmal zu viel Schwarz-Weiß-Denke. Die Realität sei aber meist komplizierter. Das schade dann auch der ernsthaften Diskussion über Themen wie die Flüchtlingspolitik.

Im Tübinger Gemeinderat freuen sie sich im Juni auf einen „völlig anderen Stil der Moderation einer Diskussion“, wie es der SPD-Fraktionsvorsitzende Martin Sökler beschreibt. „Cord Soehlke versucht immer, einen breiten Konsens herzustellen, strebt einen Kompromiss an“, lobt er. Palmer sei da anders, könne auch mal ziemlich hart gegen konträre Meinungen argumentieren.

Tübingen besteht nicht nur aus Boris Palmer

Bis zum 31. Mai, 0 Uhr, ist Palmer noch im Dienst, dann übernimmt Soehlke für einen Monat. Der Baubürgermeister verabschiedet sich aber erst einmal zehn Tage in den Urlaub nach Italien. Er sei jedoch ständig erreichbar und leite Sitzungen auch virtuell – und im Notfall ist er dann auch schnell in Tübingen.

Außerdem unterstütze ja auch Sozialbürgermeisterin Daniela Harsch, mit der Palmer und Soehlke auch sonst immer eine Art Dreiergespann bilden. Und man habe, beruhigt Soehlke, eine insgesamt gut funktionierende Stadtverwaltung, ein starkes Team. Es sei doch klar: „Tübingen besteht nicht nur aus Boris Palmer.“