Ausgezeichneter Informatiker: Andreas Bieswanger Foto: factum/Simon Granville

Andreas Bieswanger hat die höchste Stufe einer technischen Karriere bei IBM erreicht: Er wurde zum Fellow ernannt. Zu dem Kreis gehören nur 0,03 Prozent aller Mitarbeiter des Konzerns.

Böblingen - Als Andreas Bieswanger ein Schüler war, hießen die Computer wie der Dienstgrad eines Marineoffiziers und das Internet kam in Form von Piepstönen aus dem Telefonhörer. An einem Commodore lernte er als Siebtklässler das Programmieren. „Das hätten wir uns nicht erträumt“, lautete die Nachricht seines Vaters, als der heute 51-Jährige jetzt von seinem Arbeitgeber IBM zum Fellow ernannt wurde. So dürfen sich aktuell nur 102 der weltweit 352 000 Mitarbeiter des Computer- und Softwareherstellers nennen – das entspricht 0,03 Prozent der Belegschaft. Im Böblinger Forschungs- und Entwicklungslabor ist Andreas Bieswanger damit nach dem vor sechs Jahren mit dem Titel bedachten Namik Hrle als zweiter in den illustren Kreis aufgestiegen.

Der Mainframe beschäftigt ihn seit Jahrzehnten

Die beiden Informatiker haben eines gemeinsam: Der Mainframe, wie der IBM-Großrechner heißt, beschäftigt sie schon seit Jahrzehnten und regt sie offensichtlich zu zahlreichen Innovationen an. Für Banken, Versicherungen, den Handel, Fluggesellschaften, eigentlich die gesamte Wirtschaft bildet das Gerät das digitale Rückgrat. Wer beispielsweise mit einer Kreditkarte bezahlt, dessen Daten werden höchstwahrscheinlich mit Hilfe des Mainframe an die richtige Adresse transportiert. Seit 1964 ist das Produkt auf dem Markt, und Andreas Bieswanger behauptet, ohne das System „hätte die Nasa nie einen Menschen auf den Mond bekommen“.

Von seinem Vater ist Andreas Bieswanger damals als Schüler zu einem IT-Einsteigerkurs mitgenommen worden. Er war als Beamter zuständig für die Einführung von Computern in einem Verkehrsamt. „Das Programmieren hat bei mir deutlich mehr gezündet als bei meinem Vater“, sagt der 51-Jährige und lacht. Er studierte Informatik in Nürnberg, und obwohl die Jobaussichten für sein Fach in seinem Abschlussjahr 1994 nicht wirklich gut waren, bekam er ein Angebot von IBM. „Das war ein Volltreffer“, sagt er über das seit 26 Jahren währende Arbeitsverhältnis. Fast genauso lange ist er mit dem Mainframe beschäftigt und findet die Aufgabe auch weiterhin spannend, ihn ständig zu aktualisieren und „zum besten im Markt zu entwickeln“. Der Gedanke, weiterzuziehen, ist ihm nie gekommen.

Ein Vordenker für die Kollegen

Als Chief Technical Officer ist Andreas Bieswanger eine Art Vordenker für rund 500 Kollegen, die rund um die Welt verteilt im Bereich Firmware-Entwicklung für den Großrechner arbeiten. Unter anderem haben sie sich stark darauf fokussiert, das System einfacher zu machen, damit neben erfahrenen Administratoren auch neue Benutzergruppen damit zurechtkommen. Sie haben sich der zunehmenden Bedeutung des Datenschutzes gewidmet und Mechanismen entwickelt, die alle Daten an jeder Stelle im Prozess verschlüsseln. Weil ihm Energieeffizienz und Ressourcenschonung am Herzen liegen, hat sich der Informatiker vorgenommen, mehr Rechenleistung mit weniger Stromverbrauch zu bekommen.

Fast zwei Dutzend Patente gehen auf das Konto von Andreas Bieswanger. Aber der 51-Jährige betont, dass seine Leistungen nur mit Hilfe der Kollegen möglich sind. „Diese Ernennung zum Fellow ist auch eine Auszeichnung für das Team“, sagt er. Seit 1963 ist der Titel bei IBM an 317 Mitarbeiter vergeben worden. Er nennt sie die Technologie-Rockstars. Dazu zählen Reynold Johnson, der Erfinder der Festplatte, die Pionierin der Compilertechnik Frances Allen oder Nobelpreisträger Gerd Binnig. Wenn er die Namen aufzähle, habe er ein Gefühl von Ehrfurcht und Demut. Mit dem Ritterschlag steigen aber auch die Erwartungen, dass er sich mit technologischen Innovationen und geschäftlichen Herausforderungen befasst, um „IBM in die Zukunft zu führen“.

Das IBM-Labor zieht nach EHningen um

Zustimmung:
Der Ehninger Gemeinderat hat in dieser Woche dem Baugesuch von IBM für einen neuen Technologie-Campus zugestimmt. Nun fehlt noch die Genehmigung des Landratsamtes. Auf dem sieben Hektar großen Grundstück entstehen in den kommenden zwei Jahren vier miteinander verbundene Gebäude, die auf fast 16 000 Quadratmeter Platz für bis zu 3300 Mitarbeiter bieten. Der Baubeginn ist im Sommer. Im Jahr 2022 sollen die Mitarbeiter des Böblinger IBM-Labors dort einziehen. Mit der Zusammenlegung wird der Ehninger IBM-Standort einer der 16 internationalen Zentren des Konzerns.

Architektur
: Für die Architektur des Neubaus ist die Firma Kada Wittfeld zuständig, die auch den Wettbewerb der Böblinger Baugesellschaft um die Gestaltung der Bebauung an der Seepromenade im Stadtteil Flugfeld gewonnen hat. Der Gebäudekomplex ist verglast, die Scheiben werden durch längs verlaufende Lamellen unterteilt. Die Gebäude sind rund 26 Meter hoch und werden durch einen gemeinsamen Marktplatz in der Mitte verbunden.

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