Auszeichnung für Ehrenamtliche in Ludwigsburg Unermüdliche Dolmetscher bekommen wichtigen Preis

Von Verena Mayer 

„Herzlich Willkommen!“ auf türkisch (Zümrüt Kösebalaban), arabisch (Samira Kuzbari), kroatisch (Slavimir Stojakovic) und persisch (Arezoo Shoaleh). Foto: factum/Weise
„Herzlich Willkommen!“ auf türkisch (Zümrüt Kösebalaban), arabisch (Samira Kuzbari), kroatisch (Slavimir Stojakovic) und persisch (Arezoo Shoaleh). Foto: factum/Weise

Die wenigsten wissen, dass es in der Stadt ehrenamtliche Dolmetscher gibt. Nun bekommen sie einen wichtigen Preis. Darüber sollte sich jeder freuen.

Ludwigsburg - Eine Mutter, die nicht versteht, was die Lehrerin des Sohnes sagt. Ein Mann, der keine Ahnung hat, was der Herr von der Ausländerbehörde von ihm will. – Fälle wie diese sind Fälle für die Damen und Herren des Dolmetscherdiensts der Stadt Ludwigsburg. Für ihre ehrenamtliche Arbeit werden sie Ende September in Berlin – und im Oktober nochmals in Brüssel – mit dem Europäischen Bürgerpreis ausgezeichnet. Wer den Dienst kennt, weiß, wie verdient diese Auszeichnung ist. Ein Gespräch mit vier Dolmetschern.

Kompliziert könnte es werden, wenn es um ein „Hilfeplangespräch“ geht. Dieses Wort gibt es, sagen wir, im Persischen gar nicht. Oder die Schweigepflicht – wie kann man jemandem aus, zum Beispiel, Syrien erklären, was das bedeutet? Für die Dolmetscher, die für die Stadt Ludwigsburg im Einsatz sind, ist das kein Problem. Sie sprechen nicht nur die Sprache ihrer Klienten, sondern kennen auch ihre Kultur. 60 ehrenamtliche Dolmetscher sind momentan für die Stadt im Einsatz, oder korrekter: für die Menschen in dieser Stadt, die dank ihnen Unterstützung in 36 Sprachen bekommen können. Anne-Kathrin Müller, die städtische Beauftragte für Migration und Integration, nennt die Dolmetscher deshalb auch Brückenbauer.

Slavimir Stojakovic Bei meinem ersten Einsatz ging es um eine junge, alleinerziehende Mutter. Sie hatte zwei Mal hintereinander nicht an ihrem Deutschkurs teilgenommen und ist zur Ermahnung zur Arbeitsagentur zitiert worden. Mir tat die Frau richtig Leid. Sie hat erklärt, dass sie zwei Mal hintereinander keinen Babysitter bekommen hat. Aber so sind die Gesetze.

Zümrüt Kösebalaban Ich musste vor vielen Jahren mal in einem Kindergarten dolmetschen, weil ein Junge dort auffällig war. Deshalb gab es ein Gespräch mit seinen Eltern, die aber nicht gut deutsch gesprochen haben. Später habe ich den Jungen zufällig auf einem Spielplatz wieder gesehen – er kam zu mir, hat mich umarmt und gesagt: Du bist doch die Frau, die mir im Kindergarten geholfen hat.

Arezoo Shoaleh Das ist das Schönste an den Einsätzen: Wenn man die Freude sieht, weil die Klienten erkennen, dass jemand da ist, der die Muttersprache spricht. Dass sie nun sagen können, was ihnen wichtig ist – und dass sie verstanden werden. Ich bin vor 20 Jahren ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland gekommen und habe am Anfang sehr darunter gelitten, dass ich die Sprache nicht beherrscht habe. Diese Erfahrung möchte ich anderen Menschen mit meiner Arbeit ersparen.

Samira Kuzbari Ja, als die Menschen, die vor dem Krieg in Syrien geflüchtet sind, in Deutschland ankamen, dachte ich: Mein Weg war so viel leichter. Ich spreche die Sprache, mir fehlt nichts – ich kann helfen!

Es geht nicht nur um pures Übersetzen

Als der ehrenamtliche Dolmetscherdienst im Jahr 2004 eingerichtet worden ist, war er zunächst ein Projekt, das auf drei Jahre angelegt war. Doch weil alle Beteiligten schnell gelernt haben, dass die Arbeit der Ehrenamtlichen Gold wert ist, gibt es den Dienst bis heute. Mehr als 500 Einsätze absolvieren die Dolmetscher pro Jahr, die auch viele regionale Sprachen im Angebot haben; Tingrinya zum Beispiel, was in Äthiopien und Eritrea gesprochen wird. Die typischen Einsatzorte sind Schulen und Kindergärten, Ämter und Beratungsstellen. In den vergangenen Monaten waren die Dolmetscher auch viel in Flüchtlingsunterkünften engagiert. An allen Einsatzorten ist klar, dass es um mehr geht als um pures Übersetzen.

Samira Kuzbari Einmal wurde ich zu einem Einsatz gerufen, bei dem alle Beteiligten sehr aufgeregt waren. Es ging um einen jungen Mann mit einem Tattoo am Oberarm. Er hatte es immer wieder seiner Betreuerin gezeigt, weil er ihr damit offenbar etwas sagen wollte. Irgendwann hat sie es mit Google übersetzt und ist furchtbar erschrocken. Laut Google stand auf dem Arm des Mannes „Ich liebe den Tod“. In Wirklichkeit bedeutete die Schrift allerdings „Ich liebe dich bis zum Tod“. Zum Glück habe ich dieses Missverständnis schnell aufklären können.

Arezoo Shoaleh Ich sehe meine Rolle auch als Kulturvermittlerin. Sprache ist nicht nur das Gesprochene, Sprache ist auch die Gestik und die Körpersprache. Auch dadurch entstehen ganz viele Missverständnisse. Manche meiner Landsleute fangen an zu lachen, wo es für unser Verständnis nichts zu lachen gibt. Oder sie erzählen ganz gelassen von Erlebnissen, bei denen man bei uns in Tränen ausbrechen würde. Aber das ist kulturell bedingt. In Deutschland bedeutet Stress etwas anderes als im Iran oder in anderen Ländern.

Zümrüt Kösebalaban Man muss aufpassen: Nur weil jemand einen bestimmten Pass hat, heißt das nicht, dass er wirklich die Sprache dieses Landes spricht. Einmal sollte ich zwischen der Arbeitsagentur und einem Mann mit türkischem Pass dolmetschen. Doch der Mann sprach nur Kurdisch. Da konnte ich leider nicht helfen.

Slavimir Stojakovic Den Fall, in dem ich nicht helfen konnte, werde ich nie vergessen: Es ging um eine Frau, die von ihrem Mann terrorisiert worden ist und sich deshalb beim Verein Frauen für Frauen gemeldet hat. Eines Tages hat sich der Ehemann bei mir gemeldet. Normalerweise bleiben wir Dolmetscher anonym, können also nicht direkt angerufen werden, aber in diesem Fall war etwas schiefgelaufen. So hat mir der Mann gedroht: Ich solle mich raushalten! Da habe ich es mit der Angst zu tun bekommen und meinen Einsatz abgesagt.

Eine große Ehre

Ehrenamtliche Dolmetscher sind neutral und unterliegen der Schweigepflicht. Bei Gericht oder bei der Polizei dürfen sie nicht übersetzen, auch eine Privatperson kann nicht einfach einen der polyglotten Ludwigsburger anheuern. Um den Dienst in Anspruch nehmen zu können, muss die Einrichtung offizielle Kooperationspartnerin der Stadt werden. Für ihren Einsatz bekommen die Dolmetscher eine Aufwandsentschädigung, doch die ist so gering, dass es darüber keine Auskunft gibt. „Unsere Dolmetscher sind ganz besondere Menschen“, sagt Anne-Kathrin Müller, die immer wieder baff ist, wie hilfsbereit die Männer und Frauen sind, die für ihre Einsätze sogar Urlaub nehmen. Selbst wenn eine ganz kurzfristige Anfrage kommt, habe noch nie jemand gesagt: „Geht nicht.“ Mit dem Bürgerpreis würdigt das Europäische Parlament dieses „außergewöhnliche Engagement für ein besseres gegenseitiges Verständnis und mehr Integration“.

Slavimir Stojakovic Der Preis hat mich sehr überrascht. Wir Dolmetscher erfahren viel Wertschätzung durch die Menschen, für die wir dolmetschen. Die sind alle froh, dass es uns gibt. Das ist ein gutes Gefühl. Aber nun eine solch offizielle Anerkennung, noch dazu außerhalb von Ludwigsburg – das ist eine große Freude!

Arezoo Shoaleh Der Preis ist eine ganz große Anerkennung. Er zeigt, dass der Bedarf unseres Dienstes anerkannt wird. Man weiß inzwischen an höchster Stelle, dass Menschen, die nach Deutschland kommen, zumindest in der Anfangsphase Unterstützung benötigen. Das widerspricht ja nicht der Tatsache, dass man die deutsche Sprache lernen muss, wenn man hier leben will.

Zümrüt Kösebalaban Der Preis macht uns alle stolz. Und er tut uns allen gut. Auch wenn wir die Arbeit alle gerne machen – sie ist nicht immer leicht. Viele Menschen, für die wir dolmetschen, haben Schlimmes erlebt. Wir haben zwar gelernt, Distanz zu halten, trotzdem berühren einen viele der Schicksale.

Samira Kuzbari Ich habe mit dem Preis total angegeben. Nicht jeder hat gleich verstanden, warum ich so stolz darauf bin, aber dann erkläre ich: Der Preis kommt nicht aus Ludwigsburg, nicht aus Stuttgart und auch nicht aus Berlin. Er kommt aus Europa und gilt für ganz Europa. Das ist doch wirklich beeindruckend!

Viele Helfer, eine Nummer

Die Ehrenamtlichen
Für das Interview haben von ihren Erfahrungen berichtet: Slavimir Stojakovic, 76. Er hat die deutsche Staatsangehörigkeit und übersetzt Kroatisch. Zümrüt Kösebalaban, 53. Die Arzthelferin stammt aus der Türkei und übersetzt für ihre Landsleute. Arezoo Shoaleh, 48, hat im Iran unter anderem Soziologie studiert. Sie ist Spezialistin für Persisch und Dari. Samira Kuzbari, 44, ist in Deutschland geboren und in Syrien aufgewachsen. Sie arbeitet im Ludwigsburger Rathaus.

Die Hauptamtlichen
Der Dolmetscherdienst ist angesiedelt im Büro für Integration und Migration der Stadt Ludwigsburg. Geleitet wird das Büro von Anne-Kathrin Müller, die Einsätze der Dolmetscher koordiniert Kristina Sagel-Strittmater. Weitere Infos gibt es unter der Rufnummer 0 71 41/9 10 28 56.

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