Stationen von Günther Oettinger: in der Wilhelmschule Ditzingen Beim Ditzinger Lebenslauf Foto: factum/Archiv (4), dpa

Er ist baden-württembergischer Ministerpräsident gewesen und EU-Kommissar. Seine Heimatstadt würdigt Günther Oettinger nun nicht nur dafür.

Ditzingen -

Die Tagesordnung ist außergewöhnlich lang, die der Ditzinger Gemeinderat an diesem Dienstag abzuarbeiten hat. Wenigstens in einem Punkt wird er keinen Gesprächsbedarf haben. Die Verwaltung gibt bekannt, was der Rat nicht öffentlich beschlossen hat: Günther Oettinger wird das Ehrenbürgerrecht der Stadt Ditzingen verliehen. Der Empfang soll im Dezember stattfinden.

„Die Ehrenbürgerwürde bedeutet mir sehr viel“, sagt Günther Oettinger. „Sie ist aber auch eine Verpflichtung, Zeit meines Lebens zu offiziellen Festveranstaltungen wie dem Neujahrsempfang in Ditzingen zu kommen.“ Für ihn sei die Ehrenbürgerwürde zum einen eine Anerkennung seiner Arbeit. Zum anderen sei sie aber auch ein Ausdruck seiner Nähe zu Ditzingen, der Stadt, in der groß wurde.

Tatsächlich riss der Kontakt nie ab, seit er, der Chef der CDU-Gemeinderatsfraktion 1994, nach 14 Jahren aus dem kommunalpolitischen Gremium ausschied. Die Verbindung ins Strohgäu blieb bestehen: seine Eltern lebten dort, sein Bruder war nicht weit und in Rainer Wieland hatte im benachbarten Gerlingen nicht nur einen parteipolitischen Freund gefunden.

Lesen Sie hier mehr zu Günther Oettinger

Immer wieder kommt Günther Oettinger auch in der Folgezeit ins Strohgäu zurück. In seinem Elternhaus lebt inzwischen die übernächste Generation, im Gemeinderat ist mit Sven Sautter sein einstiger Mitarbeiter Fraktionschef. Und doch ist es offenbar mehr als die persönliche Beziehung zu Menschen, die Oettinger in seine Heimat führt. 2009 lief er beim Ditzinger Lebenslauf mit, da war er Ministerpräsident des Landes. Im selben Jahr besuchte er die Wilhelmschule, jene Ditzinger Grundschule, in die er selbst die ersten Schuljahre verbrachte. Nicht unerheblich soll auch gewesen sein, wie er sich für den Bau der Umfahrungen der Ditzinger Ortsteile einsetzte. 2016 hielt er die Festrede anlässlich der Stadterhebung Ditzingens 50 Jahre zuvor. Da war er EU-Kommissar für Digitalwirtschaft.

Im Dezember 2019 beendete er seine politische Laufbahn, zu diesem Zeitpunkt war er drei Jahre EU-Haushaltskommissar gewesen. Nach dem Ende von Oettingers politischer Karriere, war der Weg für die Ditzinger Würdigung frei, um sie frei von Parteipolitik zu betrachten. „Trotz hoher und höchster Ämter und Funktionen hat er den Kontakt zu den Bürgern nie verloren und ist authentisch geblieben“, sagt der Ditzinger Oberbürgermeister Michael Makurath (parteilos).

War der Politiker Oettinger zu Gast bei Festveranstaltungen im Kreis Ludwigsburg, war nach dem offiziellen Programm stets eine Menschentraube um ihn. Nicht nur, weil sich die Gäste mit dem Ehrengast schmücken wollten, sondern weil sie das Gespräch suchten mit einem, der offenbar immer einer von ihnen geblieben war. Wegbegleiter in der Jugend erinnerten sich an feuchtfröhliche Runden in tiefer Nacht, Ratskollegen an Skatrunden in der Nachsitzung. „Kindergarten, Sportverein, später die Pfadfinder: zwischen dem zweiten und dem zehnten Lebensjahr habe ich alles in Ditzingen gemacht“, sagt der heute 66-Jährige. Das prägte offenbar. Als 22-Jähriger gründete er den Ortsverband der Jungen Union. Als er fünf Jahre später in den Gemeinderat einzog, machte er sich dort nicht nur Freunde. Ehrgeizig, bisweilen mehr an der parteipolitischen Linie als an der kommunalpolitischen Sache orientiert sei er gewesen, zudem ausgeprägt selbstbewusst. Doch die Distanz, die mancher zu Oettinger in dieser Zeit aufbaute, wich später einem Respekt, den man vor allem dem Europapolitiker zollte. Dass er in der Stadt einst Oberbürgermeister werden wollte, darüber wird nicht mehr gesprochen. Oettinger selbst wäre es wohl egal.

Er hatte sich auf internationaler Ebene höchstes Ansehen erarbeitet, aber deshalb nimmt er die Ditzinger Bürger nicht weniger ernst. Der überzeugte Europäer widerspricht beharrlich jenen, die nicht glauben wollen, dass die Zukunft Deutschlands in Europa liegt. Er habe „mit großem persönlichen Einsatz“ seine Heimat in Europa hervorragend repräsentiert. „Gleichzeitig hat er wie wenige andere die europäische Idee in seine Heimat getragen und den Menschen mit Herzblut und Überzeugungskraft nähergebracht“, sagt Makurath. Oettinger formuliert es anders. „Ich möchte als Bürger für die Bürger gesprächsbereit sein“, sagt der Ditzinger. Er wolle „interessiert die Ziele der Stadt begleiten“. Um diese zu erreichen, wolle er sich im Rahmen seiner Möglichkeiten ehrenamtlich einbringen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: