Auszeichnung durch den Nabu Ditzinger geben Schwalben ein Zuhause

Von Stefanie Köhler 

Diese Schwalbennester haben die Arzts angebracht. Foto: factum/Granville
Diese Schwalbennester haben die Arzts angebracht. Foto: factum/Granville

Sie haben 14 Schwalbennester angebracht: Der Naturschutz zeichnet das Ehepaar Arzt aus Ditzingen-Heimerdingen für sein Engagement aus. Die bedrohten Tiere brauchen dringend mehr Schutz.

Ditzingen - In den Urlaub fahren? Else und Richard Arzt winken ab. Für die Eheleute aus dem Ditzinger Stadtteil Heimerdingen ist der Blick zum Nachbargebäude Erholung pur. Am Haus ihres Sohnes haben sie 14 Schwalbennester angebracht. Zwölf sind belegt, mit jeweils einem Elternpaar und mehreren Jungen. „Wir gucken den Tieren morgens und abends so gerne zu, sie fliegen unglaublich elegant“, schwärmt Else Arzt. Die „reine Freude“ sei es auch, die Koloniebrüter zwitschern und singen zu hören. Für ihr Engagement hat die Ditzinger Ortsgruppe des Naturschutzbunds (Nabu), deren Gründungsmitglied Richard Arzt ist, dem Ehepaar nun die Plakette „Schwalbenfreundliches Haus“ überreicht. „Bewerben kann sich, wer mindestens vier belegte Nester hat“, sagt Andreas Klimmt von der Ortsgruppe.

Die Naturschützer beobachten die Entwicklung der Mehl- und Rauchschwalben mit großen Sorgen. Die Vögel sind in der Roten Liste geführt, denn ihre Population geht zurück. Die einstigen Allerweltsarten sind Sorgenkinder geworden. Laut Klimmt hat sich ihre Zahl in Ditzingen in den vergangenen 30 Jahren halbiert: „Mit einem Verlust von einem Drittel sind die Rauchschwalben weniger betroffen als die Mehlschwalben, deren Population um zwei Drittel zurückgegangen ist.“ In diesem Jahr seien viele Vögel nicht aus den Überwinterungsgebieten zurückgekehrt. Wegen schlechten Wetters in Spanien, Portugal und Marokko gab es einen Zugstau und keine Nahrung – ein Großteil ist verhungert.

Immer weniger Insekten

Landesweit ist lediglich die Verteilung umgekehrt: 30 bis 35 Prozent der Mehlschwalben, die an Hauswänden brüten, sind verschwunden. Bei den Rauchschwalben, die Ställe und Scheunen bevorzugen, ist es die Hälfte der Population, berichtet Rudi Apel. Für den Schwalbenexperten des Nabu Baden-Württemberg ist das sinkende Nahrungsangebot das größte Problem. „Bauern mähen vier Mal im Jahr ihre Flächen. Doch wenn Blumen fehlen, fehlen auch Insekten“, sagt er. Auch der Einsatz von Pestiziden reduziere das Angebot.

Ebenso bedrohen zu wenig Nistmaterial und Nistmöglichkeiten die Schwalben. „Durch die Asphaltierung finden sie kaum noch Lehmpfützen, aus denen sie Lehmklümpchen für ihre Nester holen können“, sagt Richard Arzt. Und wenn die standorttreuen Zugvögel ein Nest haben, ist es nach ihrer Rückkehr vielleicht weg. Bei Fassadenrenovierungen werden die Bauten oft beschädigt oder entfernt.

Wer Nester zerstört, dem droht ein Bußgeld. Laut Bundesnaturschutzgesetz und europäischer Vogelschutzrichtlinie müssen Schwalbennester in der Brutzeit von April bis September unberührt bleiben. „Waren bei der Zerstörung Eier im Nest, liegt die Geldstrafe im fünfstelligen Bereich“, sagt der Schwalbenexperte Apel. Wer außerhalb der Brutzeit Nester entfernt, muss sie ersetzen.

Nabu-Mitglieder halten die Augen offen

All das wissen viele Menschen offenbar nicht – oder sie ignorieren es. „Aus der Bevölkerung haben wir dieses Jahr nur eine Anfrage zwecks Renovierung erhalten und entsprechend beraten“, sagt Klimmt aus Ditzingen. Auf gut Glück kontrolliere keine Behörde. „Viele Nabu-Gruppen haben aber ein Auge auf Gebäudebrüter“, sagt Klimmt. Er rät, im Zweifel Experten einzuschalten. Rudi Apel macht ähnliche Erfahrungen. „Wir bekommen nur von einem geringen Prozentsatz der Renovierungen Kenntnis“, sagt der Schwalbenexperte. Doch es würden mehr: „Von Architekturbüros oder Hausverwaltungen kommen zunehmend Anfragen.“ Das Ditzinger Umweltamt war urlaubsbedingt nicht zu erreichen.

Die Arzts können sich ein Leben ohne Schwalben nicht mehr vorstellen. Sie erinnern sich noch genau, wie alles begann. „Vor zwölf Jahren fing eine Schwalbe mit dem Nestbau an“, erzählt Else Arzt. Nach der Hälfte stoppte sie. „Wir wussten nicht, warum, und haben zwei fertige Nester aufgehängt“, sagt Else Arzt. Die Tiere nahmen sie an, weitere kamen hinzu. Auch anderen Vögeln hilft das Paar: „Bei uns stehen Vogeltränken und Vogelhäuschen“, sagt Else Arzt und schmunzelt: Was wir schon verfüttert haben.“ Jahrzehntelang haben sie und ihr Mann sich für den Nabu engagiert. Mit über 80 sind körperliche Einsätze zwar nicht mehr möglich. „Trotzdem kann man noch aktiv sein“, sagt Else Arzt.

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