Dromedare gelten als genügsam und sind an raue Lebensbedingungen angepasst. Durch den Klimawandel könnte das in Zukunft von Bedeutung sein. Foto: imago/Cavan Images/Nestor Rodan

Über Jahrhunderte haben Dromedare eine wichtige Rolle für den Handel gespielt. Die Tiere sind genügsam und an trockene Bedingungen angepasst. Forscher glauben nun: Wegen des Klimawandels könnten die Tiere in Zukunft wieder eine wichtige Rolle spielen.

Wien - Als Gott den Menschen geschaffen hatte, waren noch zwei Tonklumpen übrig geblieben. Aus dem einen entstand die Dattel und aus dem anderen das Dromedar. So erzählt es jedenfalls eine arabische Legende. Vor allem in den heißen und trockenen Regionen der Erde gibt es zahllose solcher Geschichten, in denen die einhöckrigen Kamele als hochgeschätzte Protagonisten mitspielen. Immerhin haben sie die Kultur und die Wirtschaft in solchen Gebieten schon seit Jahrtausenden geprägt. Und das hat seine Spuren hinterlassen. Nicht nur in den Erzählungen der Menschen – sondern auch im Erbgut der Dromedare.

 

Über Letzteres ist im Vergleich zu anderen Nutztieren bisher eher wenig bekannt. Nun aber hat Sara Lado im Team von Pamela Burger von der Veterinärmedizinischen Universität Wien einen umfassenden Blick in die DNA von Dromedaren aus 18 Ländern geworfen. So konnten die Forscherinnen nicht nur mehr über die genetische Vielfalt der Art herausfinden, sondern auch über die Geschichte von Dromedaren und Menschen.

Begonnen hat diese Allianz erst vor 3000 bis 4000 Jahren. Damit gehören die einhöckrigen Kamelezu den letzten Tieren, die überhaupt domestiziert wurden. Doch es sollte für beide Seiten eine Erfolgsgeschichte werden. „Es könnte durchaus sein, dass die Dromedare ohne die Domestikation ausgestorben wären“, sagt Pamela Burger. Denn die Art schien ihre goldenen Zeiten damals längst hinter sich zu haben, die letzte Eiszeit hatte die Bestände massiv dezimiert.

Die Wüstenschiffe erwiesen sich als praktische Reittiere und Lastenträger

Nach der Domestikation aber erlebten die Dromedare einen neuen Aufschwung. Im Laufe der Jahrhunderte wurden sie immer häufiger gezüchtet und in immer mehr Regionen gebracht. So verbreiteten sie sich während der Römerzeit in ganz Nordafrika und erreichten während der Expansion des Osmanischen Reichs im Mittelalter noch zahlreiche weitere Gebiete bis hin nach Europa. Denn die genügsamen und vielseitigen „Wüstenschiffe“ erwiesen sich als äußerst praktische Reittiere, Lastenträger und Milchlieferanten.

Dank ihrer speziellen Anpassungen an raue und trockene Bedingungen konnten ihre Besitzer auch lebensfeindliche Regionen durchqueren. Es entstanden Handelswege, auf denen Karawanen die verschiedensten Kostbarkeiten von Gold und Salz bis zu Weihrauch und Seide transportierten – und so den Wohlstand ganzer Zivilisationen sicherten.

Auch heute noch sind noch Karawanen mit Handelsgütern unterwegs

Nicht zuletzt haben die Lasttiere auf diesen Wegen aber auch ihre eigenen Gene über Tausende von Kilometern durch die Gegend getragen. Die alten Handelsrouten spiegeln sich bis heute in ihrem Erbgut. „Entlang der Seidenstraße zwischen Ostasien und dem Mittelmeer lassen sich diese Spuren ebenso verfolgen wie an der Weihrauchstraße vom Süden Arabiens bis zum Mittelmeer“, resümiert Pamela Burger.

Auch heutzutage sind in einigen schwer zugänglichen Regionen noch Karawanen mit Handelsgütern unterwegs. In der Sahelzone, die sich südlich der Sahara quer durch Afrika zieht, transportieren sie zum Beispiel Salz von den Abbaugebieten zu den Märkten. Doch vielerorts haben Autos und Lastwagen die Dromedare längst abgelöst. Trotzdem halten Fachleute eine Renaissance der Wüstenschiffe für möglich – nicht im Transportwesen, sondern eher in der Lebensmittelproduktion.

Die Hitze- und Trockenheitstoleranz ist in Zeiten des Klimawandels gefragt

Für die Kamele spricht nicht nur ihre Hitze- und Trockenheitstoleranz, die in Zeiten des Klimawandels besonders gefragt ist. Ihre gepolsterten Sohlen verursachen auch weniger Bodenerosion als die Hufe von Rindern, Schafen oder Ziegen. Und ihre Haltung verbraucht deutlich weniger Wasser und Land als die anderer Nutztiere. Selbst mit einer Kost aus dornigem Gestrüpp oder salzhaltigen Pflanzen geben sie sich zufrieden. „Ein Kamel gibt unter schwierigen Umweltbedingungen und mit schlechtem Futter deutlich mehr Milch als eine Kuh“, erklärt Forscherin Pamela Burger.

In Kenia gibt es deshalb bereits Programme, die Bauern beim Umstieg von der Rinder- auf die Kamelhaltung unterstützen. Und auch in anderen Regionen der Welt versuchen Initiativen, an die früheren Glanzzeiten des Dromedars anzuknüpfen.

So arbeitet die deutsche Tierärztin Ilse Köhler-Rollefson im nordindischen Bundesstaat Rajasthan mit der Volksgruppe der Raika zusammen, die traditionell die Kamele des Maharadschas betreute. Ihre Organisation Lokhit Pashu-Palak Sansthan (Wohlfahrtsorganisation für Viehhalter) will das kulturelle Erbe der Dromedar-Haltung retten und unterstützt dazu zum Beispiel die Einrichtung spezieller Molkereien für Kamelmilch.

Gerade in Afrika werden die Tiere künftig wohl noch an Bedeutung gewinnen

In Afrika werden diese Tiere künftig sicher noch weiter an Bedeutung gewinnen“, ist Pamela Burger überzeugt. Wichtig sei allerdings, dass man dabei auf gute Haltungsbedingungen achte. „Dromedare müssen frei umherziehen können“, betont die Veterinärmedizinerin. „Wenn man sie in einen Stall stellt und mit kalorienreicher Kost füttert, werden sie krank.“

Zudem plädiert die Expertin dafür, auch kleine, lokal angepasste Populationen zu erhalten. Denn die einhöckrigen Kamele haben aufgrund ihrer Geschichte zwar eine geringere genetische Vielfalt als ihre zweihöckrigen Verwandten. „Wir haben in ihrem Erbgut aber durchaus überraschende Unterschiede zwischen verschiedenen Regionen gefunden“, berichtet die Forscherin. Diese liegen zum Beispiel in Bereichen, die mit dem Immunsystem, verschiedenen Stoffwechselprozessen oder der inneren Uhr zu tun haben.

Je mehr solcher genetischen Besonderheiten die Dromedare auch in Zukunft noch besitzen, umso besser stehen ihre Chancen, sich an neue Herausforderungen wie beispielsweise den Klimawandel anzupassen.