Der Planwagen geht auf deutsche Einwanderer zurück. Foto: Imago/Danita Delimont

Amerika wurde sehr früh auch von deutschen Auswanderern besiedelt. Germantown, 1683 von Krefelder Quäkern gegründet, war nicht nur die erste deutsche Siedlung in der Neuen Welt, sondern auch die Wiege der Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei.

Germantown/Philadelphia - „Obwohl die deutschen Bauernlümmel als starrköpfig galten, haben sie viel bewegt.“ Dieser auf Benjamin Franklin zurückgehende Ausspruch belegt, dass deutsche Einwanderer maßgeblich an der Besiedlung Nordamerikas beteiligt waren. Die erste deutsche Siedlung auf amerikanischem Boden entstand 1683 in Pennsylvanien, wo Quäkerfamilien aus Krefeld „Germantown“ gründeten – heute ein Stadtteil von Philadelphia.

 

Pennsylvania, damals noch eine britische Kolonie, war ein bevorzugter Zufluchtsort von religiösen Minderheiten. Dort hatte der Engländer William Penn, Sohn eines englischen Admirals, von der englischen Regierung zum Ausgleich einer Schuldforderung seines Vaters ein großes Gebiet unterhalb des Eriesees erhalten. Penn, auf den der Name des heutigen US-Bundesstaats zurückgeht, wollte diesen Landstrich zu einem Zufluchtsort für alle diejenigen machen, die wegen ihres Glaubens verfolgt wurden.

Penn sucht Siedler für sein „Heiliges Experiment“

Der überzeugte Quäker reiste zweimal nach Deutschland, um Gefolgsleute für sein „Heiliges Experiment“ zu finden. 1681 stieß Penn mit seiner Werbeschrift für Pennsylvanien auf große Resonanz. Begeistert von Penns Idee war auch Franz Daniel Pastorius, ein gebildeter Mann, der sieben Sprachen beherrschte und ein geachteter Rechtsgelehrter war.

Der 1651 in Sommerhausen am Main geborene Jurist war schon früh mit dem Pietismus und dem Quäkertum in Berührung gekommen. Diese protestantischen Erneuerungsbewegungen hatten ihre Wurzeln in den Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Die Bindung des religiösen Bekenntnisses der Untertanen an das des Landesfürsten („cuius regio, eius religio“) war für viele Andersgläubige eine schwere Belastung.

13 Familien wagen den Neuanfang

Konfessionelle Intoleranz und Fürstenwillkür taten ein Übriges. Pastorius beschrieb es so: „Da entstand eine nicht geringe Begierde in mir, nach überflüssig gekosteten europäischen Eitelkeiten in die Neue Welt überzusegeln und dort ein still und christlich Leben zu führen.“

Am 6. Oktober 1683 ging eine Gruppe Krefelder Mennoniten und Quäker, 42 Männer, Frauen und Kinder aus 13 Familien, im Hafen von Philadelphia an Land, jener „Stadt der brüderlichen Liebe“, die William Penn zwei Jahre zuvor an der Mündung des Delaware River gegründet hatte.

Auf der Suche nach einem gottgefälligen Leben

Sie kamen nicht als Abenteurer nach Amerika, sondern als religiöse Siedlergemeinschaft, die sich in ihrer neuen Heimat nach einem gottgefälligen und friedlichen Leben unter Gleichgesinnten sehnte. Penn teilte den Ankömmlingen ein Areal von 57 000 Morgen zu, das die Neusiedler, vornehmlich Leineweber, erworben hatten und nun unter sich auslosten. In diesem noch recht urwüchsigen Paradies gründete Pastorius am 24. Oktober Germantown, die Keimzelle der deutschen Besiedlung in Amerika und Hort christlicher Nächstenliebe.

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Der Bau der Unterkünfte zum Überwintern und der Kampf gegen die Unbilden der Witterung plagten die Neuankömmlinge anfangs sehr. Die Ansiedlung lag zwei Stunden Fußmarsch von Philadelphia entfernt inmitten der Wildnis, und außer ein paar Webstühlen aus der Heimat besaßen die „Pilgerväter aus Deutschland“ nur wenig Habe.

Eine Webspule im Stadtwappen

Doch mit der Zeit wuchs die Siedlung. Schon im folgenden Jahr konnte man eine kleine Kirche einweihen, die ersten Steinhäuser entstanden, der Urwald wich Gärten und Feldern, auf denen Mais, Getreide und Buchweizen sowie Flachs und Wein angebaut wurden.

Nach und nach kamen weitere Siedler aus Deutschland: Familien aus dem rheinhessischen Kriegsheim, dem rheinischen Mühlheim und aus anderen deutschen Gegenden, in der Mehrzahl Mennoniten, so dass Germantown 1688 bereits 50 Familien zählte; 1702 waren es dann an die 200. Als Stadtwappen wählte Pastorius ein dreiblättriges Kleeblatt mit Weintraube, Flachspflanze und Webspule. Dies zeigt, wovon man in Germantown anfangs vornehmlich lebte.

Die erste deutsche Bibel Amerikas

Allerdings kam der Weinbau über das Versuchsstadium nicht hinaus. Anders der Flachsanbau: Bereits 1684 zogen die Krefelder Leineweber die Nutzpflanze. Damit war der Grundstock für das Hauptgewerbe von Germantown gelegt.

1690 errichtete Wilhelm Rettinghaus, ein Mennoniten-Prediger aus Mühlheim, die erste Papiermühle in Britisch-Amerika, 1716 entstand die erste Eisenhütte Pennsylvaniens. 33 Jahre später eröffnete der aus Ladenburg bei Heidelberg stammende Johann Christoph Saur in Germantown die erste deutschsprachige Druckerei Amerikas. Hier entstand die erste deutsche Bibel der Neuen Welt und in dem „Pennsylvanischen Geschichtsschreiber“ eine Zeitung, die eine Auflage von 4000 Exemplaren erreichte.

Vom Bauernwagen zum Planwagen

Später sollten die Pennsylvania-Deutschen für ihre Landwirtschaft berühmt werden. Der amerikanische Historiker Frank Trommler meint dazu: „Zu einem beträchtlichen Teil waren die Deutschen die Begründer des landwirtschaftlichen Wohlstands Amerikas.“ Und auch auf anderen Gebieten waren die „Germans“ recht innovativ: Ihre großen Scheunen, die „Pennsylvania Barns“, wurden später von anderen Siedlergruppen übernommen. Auch der Planwagen, der „Conestoga Wagon“, ist eine Weiterentwicklung des deutschen Bauernwagens.

1691 erteilte der englische König Germantown das Stadtrecht, mit Pastorius als Bürgermeister. Es erhielt eine Selbstverwaltung und eine eigene Gerichtsbarkeit. Die Bürger gaben sich eine Verfassung nach deutschem Vorbild mit Bürgermeisteramt und Ratskollegium.

Frühe Proteste gegen die Sklaverei

Einen Ehrenplatz in der Geschichte der Neuen Welt sicherte sich die junge Gemeinde durch ihren frühen Protest gegen die Sklaverei. Als erste religiöse Gemeinschaft der Neuen Welt sprachen sich die Siedler aus Deutschland gegen den Kauf und das Halten von Sklaven aus. „Obwohl sie schwarz sind, können wir nicht einsehen, dass es deshalb eine größere Berechtigung dafür gebe, sie als Leibeigene zu halten“, heißt es in der 1688 von Pastorius verfassten Resolution.

Derart unzeitgemäße Humanität legte die deutsche Gemeinde auch den Indianern gegenüber an den Tag, denen andernorts in der Neuen Welt so übel mitgespielt wurde. „Es sind gutherzige, redliche Leute, die einst an dem großen Gerichts-Tag auftreten werden, die falschen Maul-Christen zu beschämen“, schrieb Pastorius am 7. März an seine Eltern.

Verewigt im Fries des Kapitols

Franz Daniel Pastorius, laut William Penn ein „rechtschaffener, kluger und frommer Mann von unbescholtenem Namen“, starb Ende 1719 nach kurzer Krankheit. Ein Denkmal für ihn und die 13 Krefelder Familien erinnert im Vernon Park am Rand der Germantown Avenue im 22. Bezirk von Philadelphia an jene Gemeinschaft, die ein pennsylvanischer Politiker Anfang des 20. Jahrhunderts als „einflussreiche Charaktere in unserem frühen amerikanischen Leben“, deren Arbeit eine „fruchtbare Quelle amerikanischer Institutionen und Denkweise“ gewesen sei, würdigte.

Pastorius, der Vater der Deutsch-Amerikaner, erhielt posthum eine ganz besondere Ehre: Als einer der wenigen Nichtamerikaner erinnert ein Fries in der Kuppel des Kapitols in Washington an den Pionier aus Franken.

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Mundart

Pennsylvania Deitsch
Obwohl treue US-Bürger, bewahrten die Pennsylvania-Deutschen lange ihre kulturelle Identität. Das „Pennsylvania Deitsch“, eine Mischung aus pfälzischem Dialekt und Englisch, wird noch heute von der Mennoniten-Sekte der „Amish“ als Umgangssprache gepflegt.