Entdecken Sie Andy Warhol von einer anderen Seite in zwei Ausstellungen in Berlin, die sich unbekannteren Aspekten des Werks des Pop-Art-Superstars widmen.
Eine dunkle Sonnenbrille verdeckt die Augen, die weißblonde Perücke ist verstrubbeltet, der dünne schwarze Rollkragenpullover sitzt lose, die rechte Gesichtshälfte des Mannes, der ernst in die Kamera schaut, verschwindet im Schatten, die linke ist grell ausgeleuchtet. Andy Warhol sieht auf dem Polaroid-Selbstporträt aus dem Jahr 1986 aus wie der Sänger eine coolen New-Wave-Combo. Und wer weiß: Wenn Warhol nicht einige Monate später überraschend an den Folgen einer Operation gestorben wäre, vielleicht hätte der Mann, der wie kaum ein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts die Popkultur beeinflusst hat, auch noch eine Karriere als Frontmann einer obskuren Synthiepop-Band gestartet.
Das Selbstporträt, das eine der letzten Aufnahmen ist, die es von Warhol gibt, ist gleich im Eingangsbereich der Ausstellung „Andy Warhol – After the Party“ zu sehen, die bis September im Ausstellungsraum Fotografiska Berlin läuft. In dem allein schon wegen der Industriearchitektur und den Graffiti im Treppenhaus sehenswerten Räumen des ehemaligen Kunsthauses Tacheles in der Oranienburger Straße betrachtet man die Welt durch das Objektiv von Andy Warhols Kamera.
Andy Warhols Blick durch die Kamera
Es sind intime Einblicke in die Lebenswelt des Pop-Art-Superstars, die es hier in den abgedunkelten Räumen zu sehen gibt. Wenn Urlaubsschnappschüsse auf Starporträts treffen, wird wie in Warhols Gesamtwerk die Lücke zwischen Hochkultur und Unterhaltung, zwischen Kunst und Kommerz ständig übersprungen. Hier gibt es Momentaufnahmen, auf denen sich Grace Jones, Jerry, David Byrne, Liberace, Susan Sontag oder Gloria Vanderbilt tummeln, da sind Schwarz-Weiß-Stillleben, die leere Hotelzimmer oder unabgeräumte Tische zeigen. Und dort gibt es die Fotografien, die in den 1970er Jahren in Warhols Anwesen in Montauk entstanden sind – einem Ort, an den er sich zusammen mit seinem engsten Freundeskreis immer wieder vor dem glamourös-grellen Leben in New York City flüchtete.
Es finden sich aber auch inszenierte Arbeiten in der Schau. Das gilt zum Beispiel für eine Fotografie, die im Rahmen einer Auftragsarbeit für Rainer Werner Fassbinder entstand. Warhol gestaltete damals das Plakat für den Film „Querelle“. Die in Berlin ausgestellte Aufnahme zeigt zwei Männer mit nackten Oberkörper, die in einer vertraut-liebevollen Pose mit verschränkten Körpern und geschlossenen Augen nebeneinander liegen. Und es wird auch der berühmt-berüchtigte Experimentalfilm „Blow Job“ aus dem Jahr 1964 vorgeführt: 35 Minuten lang zeigt die Kamera in einer einzigen Einstellung einen Mann, der oral befriedigt wird. Man sieht allerdings lediglich das Gesicht des Mannes und seine sich verändernde Mimik. Der eigentliche sexuelle Akt, den Willard Maas, der zur New Yorker Bohème-Szene gehörte, ausgeführt haben soll, findet außerhalb des Blickfelds statt.
Andy Warhol als queerer Künstler
Wie in dem Schwarz-Weiß-Film „Blow Job“ setzen sich viele der Arbeiten in der Fotografiska-Schau „After the Party“ mit den Themen Homosexualität und Voyeurismus auseinander. Und in der Ausstellung „Velvet Rage and Beauty“, die bis Oktober in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehen ist, stehen ebenfalls das homosexuelle Begehren Warhols, der zu Lebzeiten nie ein schwules Coming-out hatte, sowie eher unbekannte Seiten seines Werks im Mittelpunkt. Neben Klassikern wie etwa „Double Elvis“ (1963) und dem Bananen-Cover des Velvet-Underground-Albums „The Velvet Underground and Nico“(1967) gibt es auch hier Arbeiten für Fassbinders „Querelle“ und eine Kopie des Films „Blow Job“ zu sehen. Aber auch zahlreiche explizitere Darstellungen – zum Beispiel die Acrylfarben-Serien „Torso (Male Genitals)“ oder „Torso (Male Buttocks)“ aus dem Jahr 1977. Eine Fotoreihe aus dem Jahr 1984 zeigt den nackten Jean-Michael Basquiat im Bett, in mehreren Polaroids aus dem Jahr 1980 präsentiert sich Warhol selbst als Drag Queen.
Der Titel der Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie spielt auf das Buch „Velvet Rage“ von Alan Downs an, in dem es darum geht, wie es sich anfühlt, als schwuler Mann in einer heterosexuell normierten Welt zu leben. „Wir hoffen diese Ausstellung wird den Blick auf die Kunst Andy Warhols erweitern“, sagt Museumsdirektor Klaus Biesenbach, „und eine neue Sicht auf seine Marilyns, Elvise und Blumengemälde ermöglichen.“
Andy Warhol in Berlin und München
Andy Warhol: After the Party
Die Schau im Ausstellungsraum Fotografiska Berlin (Oranienburger Str. 54) ist bis zum 15. September täglich von 10 bis 23 Uhr geöffnet.
Andy Warhol: Velvet Rage Rage and Beauty
Die Ausstellung in der Berliner Neuen Nationalgalerie (Potsdamer Straße 50) ist bis zum 6. Oktober außer montags täglich von 10 bis 18 Uhr, (donnerstags bis 20 Uhr) geöffnet.
Andy Warhol & Keith Haring: Party of Life
Die Ausstellung im Münchner Museum Brandhorst (Theresienstraße, Ecke Türkenstraße) wird am 28. Juni eröffnet und ist bis zum 26. Januar 2025 täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr (donnerstags bis 20 Uhr) zu sehen.