So groß war das mal: Nikolai Ziegler präsentiert das Stuttgarter Lusthaus-Modell. Foto: Lichtgut/Zweygarth

Wer durch den Schlossgarten in Stuttgart spaziert, kommt auch an den Ruinen des Lusthauses vorbei. Die Mauern und Treppenreste wirken eher bescheiden. In Wirklichkeit war das Gebäude einst ein imposantes Gebäude für die wilden Feste der württembergischen Herzöge.

Stuttgart - Es ist nur noch ein kleiner Rest übrig von dem einstigen Prachtbau, und auch der steht etwas verloren im Schlossgarten hinter dem Innenministerium herum, fernab vom historischen Standort auf dem Schlossplatz, wo sich heute das Kunstgebäude befindet. Wer baugeschichtlich Ahnung hat, kann in dem Treppenaufgang mit den zierlichen Säulen, den Rundbögen und Arkaden ein Relikt aus Renaissance-Zeiten erkennen, aber von dem erhaltenen Teil auf das große verschwundene Ganze zu schließen, gelingt, wenn überhaupt, nur Fachleuten.

Bis vor wenigen Jahren schienen denn auch die Tage dieses letzten Stückchens Lusthaus gezählt: Der Zustand der Wind, Wetter und dem Verfall preisgegebenen Ruine war so schlecht, dass der damalige Leiter der Landesbaubehörde empfahl, sie „in Würde sterben zu lassen“. Die Rechnung hatte er allerdings ohne den Stuttgarter Architekten Roland Ostertag gemacht, der flugs eine Initiative zur Rettung des wertvollen Überbleibsels auf die Beine brachte und schließlich dessen denkmalgerechte Sanierung durchsetzen konnte. Seitdem ist das Gemäuer gegen eindringende Feuchtigkeit geschützt und das verunstaltende Stahlgerüst weg, das die alten Steine vor dem Kollaps bewahren sollte, in Wahrheit aber eher Schaden anrichtete. Unter freiem Himmel wird sie allerdings nicht bis in alle Ewigkeit überleben, warnen die Denkmalexperten. Irgendwann führt darum wohl kein Weg daran vorbei, das Lusthaus-Fragment unter einem Museumsdach in Sicherheit zu bringen.

Eine Renaissance erlebt dieser Renaissancebau derzeit in einer Ausstellung des Landesarchivs über die Geschichte und Architektur des 1593 vollendeten Lusthauses. Im Zentrum der Schau: das große Rekonstruktionsmodell, das an der Universität Stuttgart angefertigt wurde und am besten eine Vorstellung vermittelt, wie diese Festhalle der württembergischen Herzöge, nach Meinung des Stuttgarter Denkmalexperten Gustav Wais (1883–1961) „eine der edelsten Schöpfungen deutscher Renaissance“, vor vierhundert Jahren aussah – und an welcher Stelle sich das Puzzlestück der erhaltenen Freitreppe im Gesamtbau einfügt. Einst hatte sie noch einen Zwilling vis-à-vis, und beide Aufgänge führten an den Längsseiten des Gebäudes hinauf zum Festsaal im Obergeschoss. Nach Geschlechtern getrennt betraten die Damen des Hofes ihn auf der einen, die Männer auf der anderen Seite. Erst drinnen beim Tanzbeinschwingen kam man sich näher.

Der Bau gelang – ohne Kostenexplosion

Deutlich wird in der Ausstellung auch, dass dieses Renaissance-Kleinod mit seinen 60 Metern Länge, den hohen Volutengiebeln und dem riesigen Dach heute eine Hauptattraktion der Stadt wäre, hätte es die Jahrhunderte überdauert. Allein, spätere Regenten meinten es nicht gut mit dem Lusthaus. Herzog Carl Eugen ließ 1750 eine Opernbühne einbauen, wobei der Festsaal – mit seiner stützenfreien Spannweite von mehr als zwanzig Metern ein konstruktives Wunderwerk für sich – zerstört wurde. Weitere entstellende Um-, An- und Aufbauten folgten, bis von dem Ursprungsgebäude nichts mehr zu sehen war. Als 1902 das Hoftheater abbrannte, kamen unter den Trümmern Reste des historischen Lusthauses zum Vorschein: eben die Freitreppe, die dann als pittoreske Ruine in den Mittleren Schlossgarten verpflanzt wurde.

Ein Denkmal setzt die Schau daneben zwei Männern: Georg Beer, dem Baumeister des Lusthauses, und Carl Friedrich Beisbarth, dem Architekten, der, 1845 beim erneuten Umbau des ehemaligen Renaissancebaus zum Hoftheater mit der Bauleitung beauftragt, eine umfassende Dokumentation der noch verbliebenen Lusthaus-Teile und abgetragenen Dekorfragmente anfertigte, „um zu retten, was noch möglich war“. Der eine, Beer, hatte sich selbstbewusst mit einer steinernen Porträtbüste an der Giebelspitze seines Bauwerks verewigt, von der die Ausstellung einen Abguss präsentiert. Zu sehen ist auch eine Kostenberechnung, in der Beer in kunstvoll verschnörkelten Buchstaben Arbeitslöhne, Material- und Transportkosten auflistet und auf die für damalige Verhältnisse astronomische Summe von 54 670 Gulden kommt (von einer späteren Kostenexplosion ist nichts bekannt). Beisbarth dagegen, der in mehr als 500 Zeichnungen festhielt, was Mitte des 19. Jahrhunderts vom Lusthaus noch übrig war, verdankt die Nachwelt, dass sie sich überhaupt noch so ein genaues Bild von dieser unwiederbringlich verlorenen architektonischen Kostbarkeit machen kann. Reverenz erweist die Ausstellung schließlich auch noch Elias Gunzenhäuser, dem Zimmermann, der mit seinem neuartigen Dachwerk die konstruktive Voraussetzung für die freitragende Tonnendecke des Festsaals schuf. Von diesem ingeniösen Renaissancemeister existiert kein Porträt mehr, aber sein Dachstuhl kommt mit einem eigenen Rekonstruktionsmodell im Landesarchiv noch einmal ganz groß raus.

Bis 17. März, Mo 9.15–17, Di/Mi 8.30–17, Do 8.30–19, Fr 8.30–16 Uhr. Der Katalog kostet 18 Euro (Kohlhammer Verlag). Eine umfassende Darstellung der Geschichte und Architektur dieses herausragenden Denkmals ist soeben im Thorbecke Verlag erschienen: Nikolai Ziegler: Zwischen Form und Konstruktion – Das Neue Lusthaus zu Stuttgart, 480 Seiten, 69 Euro.

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