Das Berliner Kaufhaus des Westens als Nebenstelle der Alten Nationalgalerie und der Ausstellung „Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir“ Foto: © KaDeWe

Inmitten der gesellschaftlicher Umbrüche des 19. Jahrhunderts entdeckten Künstler das Wandern als Topos der Selbstbesinnung und der kreativen Horizonterweiterung. Das zeigt die Schau „Wanderlust“ in der Alten Nationalgalerie in Berlin – und nebenher macht sie auch noch für Koffer, Wanderschuhe und Fotoapparate Reklame.

Berlin - Ein Fußmarsch von der Berliner Alten Nationalgalerie zum Kaufhaus des Westens am Wittenbergplatz taugt nicht wirklich als Wanderstrecke. Während es an landschaftlichen Schauwerten (Wanderprofis können über den Abstecher über den Tiergarten nur müde lächeln) und an Auf- und Abstiegen fehlt (die Rolltreppen im KaDeWe gelten nicht), protzt die Fünf-Kilometer-Strecke mit Trubel, Lärm und Gestank. All den Dingen also, denen Wanderer gewöhnlich entfliehen wollen, um in der Natur die Stille zu genießen, sich selbst zu finden oder sich von der Landschaft überwältigen zu lassen.

Und trotzdem sei jedem Besucher der spektakulären Sonderschau „Wanderlust“ der Ausflug zu diesem riesigen Einkaufs­laden, ein kleiner Spaziergang entlang der Schaufenster des KaDeWe empfohlen, das ­Kooperationspartner der Alten Nationalgalerie ist und die Schau wunderbar-kurios nachbearbeitet, indem sie die vorwiegend aus dem 19. Jahrhundert stammenden ­Ausstellungsstücke zwar unverschämt für Reklamezwecke missbraucht, gleichzeitig aber grandios ins Hier und Jetzt holt. Carl Spitzwegs Engländer in der Campagna wird zum Vertreter für Reisetaschen und Wanderschuhe, Caspar David Friedrichs Wanderer hat gleich mehrere Trollys auf die Felsen über das Nebelmeer geschleppt. Richard Riemerschmid macht für ­Sonnenhüte, Otto Heinrich Engel für Fotoapparate und Hans Thoma für Regenschirme Reklame. Künstler werden zu Werbebotschaftern der Freizeitindustrie.

Wandern als zentrales Motiv der Romantik

Das Wandern, die Entdeckung und Erkundung der Landschaft und die Spiegelung des eigenen Ichs in der Natur sind ­zentrale Motiv der Literatur, Musik und Kunst der Romantik. Und kaum ein Werk stellt das so ikonisch dar, wie Caspar David Friedrichs um 1817 entstandenes Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“, das das Kernstück der „Wanderlust“-Ausstellung ist. Das berühmte Bild zeigt einen Wanderer, der auf einem Felsvorsprung steht (im Original natürlich ohne Hartschalen­-Rollkoffer im Gepäck), in die Ferne schaut, in ein Meer aus Wolken und Nebel zwischen Felswänden, Schluchten und Hügeln. Es ist ein Blick ins Ungewisse, der auch zum Symbol der Lebens­reise wird, die hier in ein Naturspektakel übersetzt wird und auch mit dem Vergänglichkeitstopos aus Johann Wolfgang von Goethes „Wandrers Nachtlied“ korrespondiert: „Über ­allen Gipfeln/Ist Ruh’,/In allen Wipfeln/Spürest Du/Kaum einen Hauch;/Die Vögelein schweigen im Walde/Warte nur! ­Balde/Ruhest du auch.“

Die Ruhe, die man als Wanderer in der Natur zu schätzen weiß, findet man allerdings in der überaus gut besuchten Ausstellung nur schwer, man quetscht sich an Besuchergruppen vorbei durch die Gänge im Obergeschoss der Alten Nationalgalerie, selten ist ein Blick in die Ferne möglich. Stattdessen drängelt man sich in der Ausstellung, die in die Abteilungen Entdeckung der Natur, Lebensreise, Künstlerwanderung, Spaziergänge, Sehnsuchtsland Italien und Wanderlandschaften nördlich der Alpen unterteilt ist, von Bild zu Bild.

Männer wandern, Frauen gehen spazieren

So gerne die Romantiker, die Schönheit der Frauen abbilden, die Entdeckung der Natur erklären sie zur Männersache, inszenieren sich gerne als Einsame, Entdecker oder Abenteurer selbst in ihren Bildern – wunderbar zum Beispiel beim Aufeinandertreffen von Gustave Courbets „Bonjour Monsieur Courbet“ (1854) und Paul Gauguins „Bonjour Monsieur Gauguin“ (1889). Und nicht nur in Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ wird der Bergsteiger zum Helden, der die Natur überwindet, ­stilisiert. Männer wandern, Frauen gehen spazieren. In dem Raum, der sich dem Spazierengehen als der domestizierten Form der Naturerkundung widmet, fällt nicht nur auf, dass die Farben weniger kräftig, die Pinselstriche sanfter, die Kontraste schwächer werden, sondern vor allem, dass sich nun lauter Frauen in den Bildern tummeln: von Richard Riemerschmids „In freier Natur“ (1805), das eine junge Frau im korsettlosen Kleid in der Hügellandschaft durchatmen lässt, bis zu Auguste Renoirs „Ansteigender Weg durch hohes Gras“ (1876/77), das Spaziergänger in einem lichtdurchfluteten Meer aus Blumen und Büschen fast verschwinden lässt.

Als kleine Sensation taugt da Jens Ferdinand Willumsens „Bergsteigerin“ (1912), die vor dem Eingang der Ausstellungsräume wirkungsvoll in Szene gesetzt wird. Das über zwei Meter hohe Gemälde zeigt Willumsens Frau als Alpinistin, sie lehnt am Gipfel stehend locker auf einem Stock, schaut in die Sonne und zurück ins Tal, während sich hinter ihr eine monumentale Landschaft in grellen Farben auftut. Wie Gabriel Montua im Ausstellungskatalog feststellt, vereint ihre Haltung die Anmut der Venus Medici mit dem Heroismus von Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“. Auch in der Romantik stand das Wandern zwar immer wieder für gesellschaftlichen Aufbruch. Indem Willumsen eine Frau als Bezwingerin der Natur zeigt, kommt das Motiv aber endlich in der Moderne an.

Zum Wandern gehört auch, mal die falsche Abzweigung zu nehmen

Tatsächlich kann man der Ausstellung am ehesten vorwerfen, dass sie sich zu sehr auf das 19. Jahrhundert konzentriert, auf sicherem Terrain bleibt, zu sehr Spaziergang, zu wenig Wanderung ist, nur zaghaft und vereinzelt Ausblicke ins 20. oder 21. Jahrhundert wagt. Hier der vom Großstadtmoloch besessene Expressionist Ernst Ludwig Kirchner, der sich in „Serigtal“ (1926) von den Schweizer Alpen überwältigen lässt. Dort Ernst Barlach, der in der Skulptur „Wanderer im Wind“ (1934) dem Sujet alles Romantische entzieht und den Widerstand der Elemente thematisiert. Und schließlich die Pop-Avantgardistin Björk, die in dem 3-D-Videoclip „Wanderlust“ (2007) das Unterwegssein zum surrealen Ego-Trip werden lässt. Wobei diese Arbeit ein Irrweg ist: Der Ausdruck Wanderlust steht im Englischen nicht für die Lust am Wandern, sondern für Fernweh, ist also eher der Beat-Generation und dem Topos des rastlosen Unterwegsseins verpflichtet ist als der romantischen Entdeckung der Natur. Aber zum Wandern gehört eben auch, dass man mal die falsche Abzweigung nimmt – und sich dann überraschen lässt, wohin einen die Reise führt.

Informationen zur Ausstellung

Ausstellung Leihgaben aus europäischen und amerikanischen Museen sowie eine Auswahl von Werken der Sammlung der Nationalgalerie werden in einer mehr als 120 Exponate umfassenden Großausstellung präsentiert, darunter Arbeiten von Caspar David Friedrich, Karl Friedrich Schinkel, Gustave Courbet, Ferdinand Hodler, Auguste Renoir, Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Dix und Ernst Barlach.

Öffnungszeiten „Wanderlust“ ist bis zum 16. September in der Alten Nationalgalerie in Berlin zu sehen: Di, Mi, Fr, Sa, So 10–18 Uhr; Do 10–20 Uhr; Mo geschlossen

Katalog Zur Ausstellung ist ein umfang­reicher Katalog mit Abbildungen aller ausgestellten Werke im Hirmer-Verlag erschienen (288 Seiten, ca. 190 Abbildungen, 39,90 Euro).