Claus Bury vor dem Modell seiner Landungsbrücke am Neckar. Foto: Peter Hartung

Spätestens seit 2009 mit Claus Burys begehbarer Großskulptur gibt es keinen Zweifel mehr: Fellbach darf sich zurecht als Stadt am Neckar bezeichnen. Die Galerie im Rathaus beschäftigt sich derzeit mit dem umfangreichen Werk des 74-jährigen Bildhauers.

Fellbach - Hunderte Radfahrer, Spaziergänger, Inlineskater passieren gerade in diesen Corona-Zeiten an jedem Wochenende diese direkt am Flussufer gelegene Stelle – doch vermutlich nur wenige wissen, dass es sich hierbei im Wortsinn um große Kunst handelt. Um eine begehbare Großskulptur namens „Landungsbrücke Fellbach“, erstellt vom international renommierten Bildhauer Claus Bury. Mit seinem Werk beschäftigt sich derzeit die Galerie der Stadt Fellbach in einer Ausstellung unter dem Titel „Raumkonzepte“. Zur Vernissage am Donnerstagabend – wegen Corona durfte Galerieleiter Heribert Sautter statt der sonst zu erwartenden gut 200 lediglich 35 kunstaffine Besucher zulassen – kam der 74-Jährige eigens aus seiner hessischen Heimat Hanau nach Fellbach und erinnerte in launigen Worten, wie aufwendig seinerzeit vor elf Jahren die Anlieferung des Stahlbauwerks war.

Für Ausflügler entstand eine neue Aufenthaltsqualität

Die Erkenntnis, dass Fellbach sich tatsächlich Neckaranreiner nennen darf, ist nur wenig verbreitet – kein Wunder, wenn beispielsweise die übliche Stadtkarte an der Umgehungsstraße aufhört und nicht mal das Weidachtal, geschweige denn das Neckarufer eingezeichnet ist. Aber so kann Fellbach stolz sagen: Es ist nicht nur die Stadt am Kappelberg, sondern auch am Neckar, in einer Länge von fast einem Kilometer.

Allerdings, so die kleine Einschränkung des Ersten Bürgermeisters Johannes Berner: Ähnlich wie in Stuttgart, das ja eigentlich lediglich den mickrigen Nesenbach vorweisen kann und nur dank des wegen der Römerzeit historisch deutlich bedeutsameren Bad Cannstatt am Neckar liegt, so ist es hier das 1974 eingemeindete Oeffingen, weshalb „unsere Gesamtstadt sich jetzt mit dem Neckar adeln kann“.

Für Ausflügler entstand damit eine neue Aufenthaltsqualität am bis dahin fast vollständig zugewachsenen Uferbereich nahe des Wegdreiecks am unteren Ende des Weidachtals. Ausgangspunkt war das Projekt Neckarpark des Verbands Region Stuttgart, der sich mit 200 000 Euro an den 480 000 Euro Gesamtkosten beteiligte. Es war ein Glücksfall, dass unter maßgeblicher konzeptioneller Beteiligung von Hans-Peter Künkele vom Stadtplanungsamt im Jahr 2008 Claus Bury für das erhoffte markant-maritime Kunstwerk an Land gezogen werden konnte. Nach vergleichsweise rascher Umsetzung wurde im September 2009 das Ende des Schattendaseins und die Rückeroberung des Oeffinger Neckarstrands bei einem Bürgerfest – Motto „Die Wasser des Neckar“ – mit Theater, Tanz, Trommelwirbel, Feuerwerk und mehr als 1000 Besuchern gefeiert.

Zahlreiche Hochzeitspaare haben sich auf dieser Großskulptur das Ja-Wort gegeben

Die spätsommerlichen Tage davor waren allerdings gekennzeichnet von erheblichen logistischen Herausforderungen, an die sich Bury noch bestens erinnern kann. Die dreigeteilte riesige Stahlkonstruktion musste „die schmale Straße runter an den Neckar bugsiert werden“, so Bury, „die riesigen Autokräne sind in Oeffingen kaum um die Ecke gekommen“. Bis heute zeigt er sich begeistert über dieses „Riesenerlebnis“ und diese „wunderschöne Arbeit“, zu deren offizieller Präsentation 2009 zahlreiche von Burys Studenten aus Nürnberg nach Oeffingen pilgerten. Und auch dass sich schon zahlreiche Hochzeitspaare sich auf dieser Großskulptur das Ja-Wort gaben, vermerkt Bury durchaus mit erkennbarer Freude.

In seiner Laudatio beschrieb Dirk Allgaier, geschäftsführender Gesellschafter der Arnoldschen Verlagsanstalt Stuttgart, wie Claus Bury zunächst in den „Swinging Sixties“ als Schmuckkünstler begann und so kühn wie revolutionär war, für die Ringe und Broschen wertlosen Kunststoff statt Gold und Silber zu verwenden. Als Assoziation fiel Allgaier hier das 1968 erschienene Beatles-Album „Yellow Submarine“ ein. Der „Maßstabssprung von klein nach groß“ folgte Ende der 70er Jahre mit der Hinwendung zu architektonischen Monumentalskulpturen. Für Allgaier ist Bury stets „ganz nah am Puls des zeitgleichen künstlerischen Geschehens“ und „einer der wenigen Künstler, wenn nicht der einzige, der es schafft, in unterschiedlichsten Dimensionen – von ganz klein bis ganz groß, zu denken.“

Person, Werk und Ausstellung in Fellbach

Der am 29. März 1946 in Gelnhausen-Meerholz (Hessen) geborene Künstler wurde vor allem durch seine tonnenschweren, begehbaren Werke international bekannt. Sein berühmtestes Werk ist der Bitterfelder Bogen, eine riesige technoide Stahlgerüstskulptur, 81 Meter lang, 28 Meter hoch, 14 Meter breit. Auf einer 540 Meter langen Rampe schlendert man gemütlich hinauf. Von dort „hat man – wie hier in Fellbach – einen atemberaubenden Panoramaausblick, nämlich auf die umliegende Seenplatte, die aus ehemaligen Braunkohlegruben entstanden ist“, erläutert Bury-Experte Dirk Allgaier.

Präsentation

In Fellbach zu sehen sind Modelle, Zeichnungen und Fotoaufnahmen der zentralen Werke Burys, darunter auch die zwei Modelle, mit denen er an der vierten Triennale Kleinplastik Fellbach 1989 teilgenommen hat. Vor Ort in der Galerie erhältlich ist auch das 400 Seiten starke Buch von Volker Fischer: „Claus Bury – Die Poesie der Konstruktion“, erschienen bei Arnoldsche Art Publishers (58 Euro).

Die Ausstellung in der Galerie der Stadt Fellbach, Marktplatz 4, ist bis 22. November zu sehen – Dienstag bis Sonntag von 14 bis 18 Uhr.

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