Die Kultwand mit den plastischen Brüsten wurde in jahrelanger kriminalistischer Arbeit rekonstruiert. Foto: Landesamt für Denkmalpflege

Vor 20 Jahren war eine steinzeitliche „Busenwand“ im Bodensee entdeckt worden, jetzt ist sie in Bad Schussenried erstmals zu sehen. Die Rekonstruktion der 2000 Teile glich einem Krimi. Und die Ergebnisse sind schlichtweg eine Sensation.

Bad Buchau/Bad Schussenried - Es war etwa im Jahr 3860 vor unserer Zeitrechnung, als das jungsteinzeitliche Kulthaus von Ludwigshafen im Wasser des Bodensees versank, und mit ihm eine Wand voller Zeichnungen und plastisch geformter Brüste – es handelt sich um die ältesten Wandmalereien nördlich der Alpen. Fast 6000 Jahre später, von 1990 bis 1994, hat der Archäologe Helmut Schlichtherle die Wand in 2000 Einzelteilen geborgen und nun, anlässlich der Landesausstellung „4000 Jahre Pfahlbauten“, rekonstruiert. Im Kloster von Bad Schussenried ist dieses Kunstwerk, von manchen salopp nur „Busenwand“ genannt, unbestritten der Höhepunkt der Ausstellung. Sie hat einen eigenen Raum und eine große mediale Inszenierung erhalten: Eine Zauberhand malt die sieben Ahnfrauen nach – und lässt sie leuchten wie eine Sonne.

Die Rekonstruktion hat Schlichtherle und seine beiden Mitstreiterinnen Margarete Schweickle und Manuela Fischer zwei Jahre lang in Atem gehalten. „Es war wie ein Puzzlespiel, bei dem nichts passt“, so der Archäologe – denn es waren, so merkte man irgendwann, nur 20 Prozent aller Teile erhalten. Mit „Kleinkriminalistik“ sei man dennoch zum Ziel gelangt. An kleinen Stellen konnte man sehen, wo die Farbe nach unten gelaufen war – also ergab sich daraus die Ausrichtung des Teils. Sie isolierten zwei Schlüsselsteinchen, auf denen eine Konturlinie, Punkte und ein Diagonalband zu sehen waren – zentrale Muster setzten hier an und ließen sich fortführen. Und Schlichtherle verglich die Fragmente mit Keramikgefäßen, teils ebenfalls mit Brüsten, um Analogieschlüsse zu ziehen.

Das Ergebnis ist elektrisierend, denn, von Grabbeigaben abgesehen, lüftet sich hier erstmals ein wenig der Schleier, der uns von der Gedankenwelt der Steinzeitmenschen trennt. Man kann zentrale religiöse und gesellschaftliche Ideen jener Zeit erahnen. Bisher glaubten viele Archäologen, die Menschen vor 6000 Jahren hätten an eine große Urmutter geglaubt. Jetzt aber sah man auf der Wand sieben gleich große Frauengestalten. Schlichtherle ist überzeugt, daraus drei grundsätzliche Aussagen ableiten zu können. Erstens handele es sich um Ahnfrauen, denn zwischen den Figuren waren abstrakte Stammbäume aufgemalt (auf dem Foto nicht eingezeichnet). Zweitens könnte jede Frau einem Clan im Pfahlbauten-Dorf zugeordnet sein. Das bedeutet auch, dass es keinen Herrscher im Dorf gab, sondern jeder Clan hatte dieselbe Bedeutung. Und drittens deuten die Köpfe, die Sonnenstrahlen ringsum tragen, eine religiöse Verbindung an: Die Sonne, die ja ebenso wie die Frauen selbst, lebensbringend ist, könnte eine große „kosmische Absolutheit“ gewesen sein.

Die Sonnen-Religion hat mindestens 2000 Jahre bestanden

Da die Jungsteinzeit eine bilderfeindliche Welt war, hat die Kultwand von Ludwigshafen eine enorme Bedeutung. Vermutlich wurde das Haus am Rand der Siedlung bei Feiern des Übergangs genutzt, also etwa bei Totenfeiern.

Und: die Motive lassen sich auf Gefäßen über einen Zeitraum von 2000 Jahren nachweisen – jene gesellschaftliche Grundordnung und Religion hatte also mindestens so lange Bestand wie das Christentum. Im Übrigen scheint es in Westeuropa einen anderen Kulturkreis gegeben zu haben – dort findet man die genannte Symbolik nicht, dafür aber viele rituelle Gegenstände aus Jade.

„Die letzten zwei Jahre waren sehr aufregend“, räumt Helmut Schlichtherle ein. Das ist bescheiden formuliert – die Kultwand ist der Höhepunkt seines Forscherlebens. Dabei hat Schlichtherle, der gerade in Pension gegangen ist, in den 1990er Jahren wesentlich dazu beigetragen, die Unterwasserarchäologie voranzubringen, nachdem die Forschung an den 1000 bekannten Pfahlbauten in Mitteleuropa – das Siedeln im Sumpf diente übrigens der Verteidigung – fast 50 Jahre lang stillgestanden hatte.

Ein weiteres wichtiges Exponat in der Ausstellung ist eine Scherbe, die, wie sich jüngst zeigte, Teil einer Maske war, etwa für rituelle Tänze. „Über Jahrzehnte konnte keiner etwas damit anfangen“, so Schlichtherle. Nun entpuppte sie sich als eine von drei bekannten Masken europaweit.

Eine kurze Besprechung der Pfahlbauten-Ausstellungen

Informationen

Die Große Landesausstellung „4000 Jahre Pfahlbauten“ läuft noch bis zum 9. Oktober an zwei Orten, im Federseemuseum Bad Buchau und im nahen Kloster Bad Schussenried. Gestaltet wurde sie vom Archäologischen Landesmuseum und vom Landesamt für Denkmalpflege. Sie präsentiert die Geschichte der Pfahlbauten an den Seen nördlich und südlich der Alpen in der Zeit von 5000 bis zu ihrem Verschwinden 850 vor Christus. Die Ausstellungen sind täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Die Kombikarte für beide Museen kostet 14 Euro.

Bad Buchau

Das bekannte Museum hat sein Inneres für die Landesausstellung komplett geräumt. Dort wird nun, allerdings vitrinen- und textlastig, die Pfahlbauten-Geschichte der Bronzezeit erzählt. Ein Besuch lohnt sich wegen des Freigeländes auch für Kinder: 2015 kamen weitere Gebäude hinzu, so dassnun vom Zelt aus Rentierfellen (13 000 v. Chr.) bis zur stark befestigten Siedlung Forschner aus der Zeit um 1700 v. Chr.alles zu sehen ist.

Bad Schussenried

Mit 1500 Quadratmeter Fläche ist im Kloster die Hauptausstellung untergebracht. Dort entsteht ein Panoptikum der Lebenswelt der Menschen in der Steinzeit. Die Materialfülle schlägt sich auch in Bad Schussenried in sehr vielen Glasvitrinen nieder – aber es gibt auch multimediale Darstellungen. In einem großen Raum, dem Federsee-Steg nachempfunden, erbauen sich Pfahlbauten auf einem wandfüllenden Bildschirm im Zeitraffer von selbst. Filme erklären, wie man Bast aus Baumrinde gewinnt oder wie Taucher die archäologischen Schätze am Bodensee bergen. Für Kinder ist diese Ausstellung aber wenig geeignet.

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