Besucher der Ausstellung „Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt“ vor dem Bild „Bauhaustreppe“ aus dem Museum of Modern Art in New York. Foto: dpa

Besuchertrauben vor einzelnen Werken und ausgebuchte Führungen – wann gab es das zuletzt in der Staatsgalerie Stuttgart?! Es sind Werke eines Stuttgarters, die für die gute Stimmung beim Publikum wie auch bei Museumsdirektorin Christiane Lange sorgen. Es sind Werke von Oskar Schlemmer, des wichtigsten deutschen Künstlers in der Führungsriege des legendär gewordenen Bauhauses.

Stuttgart - „Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt“ ist die erstmals 2012 angekündigte und nun als Große Landesausstellung mit Leihgaben aus aller Welt realisierte Schau betitelt. Schon die Themensetzung unterstreicht den Neubeginn. Tatsächlich ist dies weltweit die erste umfassende Schlemmer-Ausstellung seit der von ­Karin von Maur ebenfalls für die Staatsgalerie Stuttgart erarbeiteten Schau von 1977. Danach versinkt der Name Oskar Schlemmer unter Klageschriften um ­Urheberrechte.

Was die politische Verfemung durch Hitler-Deutschland nicht vermochte, schaffte ein Ringen vor allem um Abbildungsrechte. Und so brauchte es ein juristisch wirksames Datum, um sich überhaupt an das Risiko einer Schlemmer-Ausstellung zu wagen. Im Fall Schlemmer waren die Abbildungsrechte der Schlüssel zu einer neuen Sicht auf das Werk. 70 Jahre nach dem Tod eines Künstlers erlöschen die Urheberrechte an den Abbildungen. Seit 1. Januar 2014 ist der Weg frei, das Schaffen des 1943 gestorbenen Oskar Schlemmers ohne juristische Probleme wieder sichtbar zu machen. Und noch immer gilt: Nur Kunst, die über Abbildungen veröffentlicht und diskutiert werden kann, existiert in der öffentlichen Wahrnehmung.

 Damit blieben für diese mit enormem Aufwand verbundene Ausstellung sehr wohl viele Ungewissheiten. Würde man – nach drei Jahrzehnten des Bilder-Schweigens – noch wissen, wer dieser Oskar Schlemmer war, würde man sich an die Magie seiner ganz eigenen Menschen- und Bewegungswelt erinnern? Die Zahlen zeigen: Schlemmer ist Trumpf.

„Das Publikumsinteresse und die Nachfragen aus der Museumswelt geben uns ganz wichtigen Rückenwind“, sagt Staatsgaleriedirektorin Christiane Lange denn auch erleichtert. Rückenwind für die Ausstellung – noch mehr aber für das weltweit einmalige Schlemmer-Archiv der Staatsgalerie Stuttgart. Lange weiß: Das im Schlemmer-Archiv versammelte Material und das Wissen der damit betrauten Wissenschaftler sichert der Staatsgalerie international einen Vorsprung in der weiteren Erforschung und Präsentation des Werkes von Oskar Schlemmer.     

Klar ist aber auch: Diesen Vorsprung muss man bestätigen. Über die Sammlungsarbeit ebenso wie in der Forschung und in der Ausstellungspraxis. Anstrengungen, die mit Blick auf die öffentlichen Haushalte Partner brauchen – bürgerschaftliches Engagement ebenso wie themen- und anlassspezifisches Sponsoring. Anstrengungen, die letztlich doch einem Ziel gelten müssen: auch jenen sehr großen Teil des Werkes von Oskar Schlemmer wieder sichtbar zu machen, der im Zug der Erbauseinandersetzungen zwischen Janine Schlemmer und Raman Schlemmer – Kinder der Schlemmer-Töchter Jaina beziehungsweise Karin – der Öffentlichkeit entzogen wurde.

Der Erfolg von „Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt“ in der Staats­galerie Stuttgart könnte auch hier den Durchbruch bringen. Der Schlüssel liegt bei Raman Schlemmer. In den Eröffnungstagen war der in Italien lebende Künstler-Erbe sicht- und hörbar angetan von der neu entfachten Schlemmer-Begeisterung. Diese müsste auch er mittragen wollen – bedingungslos. So gesehen hat das Abenteuer Schlemmer eben erst begonnen – in Stuttgart.

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