Geschichte hautnah: In Welzheim kann man zum Römer werden, die Gruppe Numerus Brittonum und ihre Ausrüstung kennenlernen und in römische Miniaturwelten abtauchen.
Seinen ersten römischen Soldatenhelm besitzt Marcus Schaaf noch heute. Ein Modell Marke Eigenbau aus Pappe. Damit das gute Stück möglichst echt wirkt, bepinselte der Abiturient aus Welzheim (Rems-Murr-Kreis) seinen Helm damals mit gold- und silberfarbenem Karosserielack.
Das ist lange her. Inzwischen arbeitet Marcus Schaaf als Latein- und Religionslehrer, seine Helme sind maßangefertigt und aus Stahl. Denn die Begeisterung für die Römer und ihre Kultur ist geblieben. Mit der Gruppe „Numerus Brittonum“, einer Abteilung des Historischen Vereins Welzheim, erweckt er seit 20 Jahren das zivile und militärische Treiben am obergermanisch-raetischen Limes des 3. Jahrhunderts für Menschen von heute wieder zum Leben. Die Sonderausstellung „Faszination Rom: Römer im Miniatur- und Maxiformat“ im Museum Welzheim zeigt nun Meilensteine der Vereinsgeschichte und gut 30 römische Miniaturwelten von Helmut Saiger.
Dass Marcus Schaaf und sein Bruder Andreas bis heute für römische Geschichte brennen, ist eigentlich kein Wunder. In ihrer Heimatstadt Welzheim kommt man buchstäblich auf Schritt und Tritt mit ihr in Berührung. Neben sichtbaren Spuren verbergen sich unter Asphalt, Gras und Beton zahlreiche Überreste aus der Zeit, in der hier um die tausend römische Soldaten und wohl ungefähr ebenso viele Zivilisten lebten. „Solch eine Bevölkerungszahl hat Welzheim erst wieder im Jahr 1860 erreicht“, sagt Marcus Schaaf.
Schon als Schüler hat er eine Ausbildung zum Limes-Cicerone gemacht. Den Namen tragen die offiziellen Gästeführer am Limes, der seit dem Jahr 2005 Unesco-Welterbe ist. Im selben Jahr gründete sich die Römergruppe Numerus Brittonum. „Zu erklären, wie die Römer lebten, ist eine Dimension. Wir wollen das aber auch realitätsnah zeigen und vorführen“, sagt Marcus Schaaf. Bei der interaktiven Kastellinspektion beispielsweise werden Besucher zu neuen Rekruten in Roms Armee, die zum ersten Mal ihre Kaserne besichtigen. Gäste können aber auch bei Fackelschein die Nachtwache im Ostkastell begleiten oder auf Grenzpatrouille gehen.
„Wir bieten Römerleben, Lagerfeuer und einen Platz im Zelt. Getreidebrei, stundenlanges Marschieren, Wachdienst im germanischen Regen und den mürrischen Centurio gibt’s extra“, verspricht die römische Truppe in ihrem Werbeprospekt unter der Überschrift: „Melde dich zum Dienst!“ Ein Appell, dem im Lauf der Jahre etliche gefolgt sind. Die Mitglieder der Römergruppe kommen aus ganz Baden-Württemberg, und sogar aus Bayern.
Für Marcus Schaaf ist der Verein mehr als ein Hobby. Er ist überzeugt, dass gerade Europäer noch heute, 1800 Jahre später, aus der römischen Geschichte lernen können. Zum Beispiel, was Themen wie Grenzen, Migration und Identität angeht. „Ein römischer Bürger hat sich als Römer gesehen, egal ob er in Spanien, Italien oder Frankreich geboren wurde.“ Auch die Ausstattungsgegenstände, etwa Helme und Schilder, waren wohl weitgehend gleich – unabhängig davon, ob die Soldaten in Welzheim oder Syrien stationiert waren.
Römische Ausrüstung im Wandel: Von Papphelm bis Katapult
Die Soldaten, die im Welzheimer Ostkastell vermutlich in Holzbaracken lebten, stammten aus Britannien. Daher trägt die Römergruppe ihren Namen. Wie sich deren Ausrüstung verändert und im Lauf der Jahre professionalisiert hat, ist in der Ausstellung gut zu sehen. Der eingangs erwähnte Papphelm hat ebenso seinen Platz hinter Glas wie ein selbstgebautes Schild, in dem ein Fressnapf für Katzen zweckentfremdet wurde.
Auch handgenähte Kleidung, Wollsocken, die in der alten Technik des Nadelbindens angefertigt sind, oder Schuhe aus eigener Produktion sind ausgestellt. Den diversen Schildern sieht man an, dass sie nicht nur zur Deko dienen: Schwerthiebe und Pfeile haben den Überzug aus Rohhaut und Leinen teilweise zerfetzt. Auch ein Onager, ein spätantikes Katapult, beweist, dass man sich damals schon zu wehren wusste.
Wer mag, kann sich aus einem Kleiderfundus bedienen, zum Römer oder zur Römerin werden und sich vor passender Kulisse am Selfie-Point gleich ablichten. Für Kinder steht ein Kastell mit Playmobilfiguren bereit. Nur zum Anschauen gedacht sind die rund 30 Miniaturwelten des Freizeit-Modellbauers Helmut Saiger. Der gebürtige Ludwigsburger hat mit viel Aufwand und Liebe zum Detail römische Kriegs- und Alltagsszenen nachgebaut. So kann man beispielsweise sehen, wie bei den Römern eine typische Herberge, eine Bäckerei, eine Badeanstalt oder eine Beerdigung aussahen. Ein genauer Blick auf die Dioramen lohnt sich, denn Helmut Saiger hat etliche witzige Details eingebaut.
Mitglieder der Römergruppe kann man an jedem ersten Sonntag des Monats in der Ausstellung treffen. Das nächste große Ereignis ist das Welzheimer Römerlager im Ostkastell am 13. und 14. Juni, bei dem man von 11 bis 16 Uhr Römer in Aktion erleben kann. Auch für das kommende Jahr schmieden die römischen Soldaten schon Pläne, sagt Marcus Schaaf: „Die Idee ist, dass wir dann von Bad Cannstatt nach Welzheim laufen und an der Villa Rustica in Kernen übernachten.“
Mini- und Maxi-Römer
Museum
Das Museum Welzheim ist in der Pfarrstraße 8. Es ist immer sonntags von 13 bis 16 Uhr geöffnet.
Ausstellung
“Faszination Rom“ läuft bis zum 2. August. Der Eintritt ist frei.