Alexander Schwanebeck, der Leiter des Museums der Alltagskultur in Waldenbuch, schreibt seine eigene Nukleargeschichte. Foto: Jürgen Brand

Im Museum der Alltagskultur in Waldenbuch ist die neue Sammlungswerkstatt „Nuklearer Alltag” eröffnet worden.

Der 15. April 2023 ist ein wichtiges Datum in der Energie-Geschichte Deutschlands, Baden-Württembergs. An dem Tag wurde der Reaktorblock II abgeschaltet. Dieser Block des Gemeinschaftskraftwerks Neckar, kurz GKN genannt, war das letzte aktive Kernkraftwerk in Deutschland. Das Thema Atomkraft hat schon zuvor über Jahrzehnte die Meinungen gespaltet – und spaltet mit den wieder verstärkt aufkommenden Forderungen nach einer Rückkehr zur Kernkraft weiter. Für das Museum der Alltagskultur im Schloss Waldenbuch war der Abschalttermin der Anlass, sich intensiver und umfassender mit dem Thema zu beschäftigen. Ergebnisse dieses Forschens sind seit Mittwoch in der neuen Sammlungswerkstatt „Nuklearer Alltag” zu entdecken.

 

Erinnerung an den ersten Castor-Transport von Neckarwestheim

„Wie sah eigentlich der Alltag rund um die Atomkraftwerke aus – jenseits der großen politischen Debatten?” Ausgehend von dieser Frage begann ein Team des Museums der Alltagskultur in Waldenbuch, der Landesstelle für Alltagskultur in Stuttgart und des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen, Stimmen, Erinnerungen und Objekte aus der Umgebung der ehemaligen Atomkraftwerksstandorte Neckarwestheim, Philippsburg und Obrigheim zu sammeln. Dabei sind sie auf wahre kleine Schätze und auf wirklich ganz Alltägliches gestoßen.

Joachim Kempf war 32 Jahre Mitarbeiter im GKN. Er erinnert sich noch gut an den ersten Castor-Transport, der von Neckarwestheim abging. Alle Mitarbeiter, die nicht direkt damit zu tun hatten, mussten an dem Tag zuhause bleiben. Er wollte trotzdem etwas davon mitbekommen. Aber von seiner Terrasse aus konnte er nichts sehen, vom Obergeschoss seines Hauses auch nicht. Also packte er seine gute alte Spiegelreflexkamera und stieg aufs Dach. Von dort hatte er gute Aussicht auf die Castoren – und konnte dem Forscher-Team etliche Fotos davon zeigen.

Sammlungswerkstatt „Nuklearer Alltag” im Museum der Alltagskultur in Waldenbuch Foto: Jürgen Brand

Und als noch weitere mögliche Ausstellungsstücke gesucht wurden, erinnerte er sich: „Ich hab doch auch so Zeug daheim”, erzählte er lachend bei der Sammlungswerkstatt-Eröffnung am Mittwoch. Wieder stieg er nach oben, diesmal nur bis auf den Dachboden, und fand tatsächlich den GKN-Modellbausatz. Den gab es damals natürlich nicht im freien Verkauf. Die Kraftwerk Union, die das Kernkraftwerk errichtete, hatte diesen Holzbausatz nur ausgewählten Kunden und Kontakten geschenkt. Als ein Lager in Neckarwestheim ausgeräumt wurde, fand sich auch dieser übrig gebliebene Bausatz, den Joachim Kempf dann mit nach Hause nahm, bevor er weggeworfen wurde. Jetzt hängt das zusammengebaute GKN-Modell mitten in der Sammlungswerkstatt im Schloss Waldenbuch.

Menschenkette im März 2011

Stefan Mende-Lechler von der Bürgerinitiative AntiAtom Ludwigsburg ist seit vielen Jahren engagierter Atomkraftgegner und erinnert sich besonders gut an die Menschenkette im März 2011. Genau einen Tag vorher ereignete sich vor der Ostküste Japans das schwerste Erdbeben seit Beginn der Aufzeichnungen dort – mit der verheerenden Kernschmelze in Fukushima als Folge. Für das Abschaltfest, das die Atomkraftgegner in Neckarwestheim gefeiert haben, hatte die Initiative einen großen Stecker gebastelt, den man aus dem ebenfalls gebastelten Atomzeichen ziehen konnte. Auch dieses Symbol, mit dem der Kernkraft der Stecker gezogen wurde, ist jetzt in Waldenbuch zu sehen.

Gleich daneben ist – symbolisch – der Tisch gedeckt, mit Geschirr, Besteck und einer Speisekarte aus der Kantine des GKN. Ein heutiger Ingenieur aus Neckarwestheim hat daran nur gute Erinnerungen. Sein inzwischen verstorbener Vater hatte im Kernkraftwerk gearbeitet. Wenn er Nachtschicht hatte, brachte er immer übrig gebliebenes Essen aus der GKN-Kantine mit. „Das war wirklich tolle Küche”, erinnert er sich an seine Kindheitsgenüsse. Gans und Rotkraut als Weihnachtsessen sei dort normal gewesen, „das hat geschmeckt”.

Speisekarte und Geschirr aus der Kantine des Atomkraftwerks Foto: Jürgen Brand

In der neuen Sammlungswerkstatt im Museum der Alltagskultur sind genau acht Objekte aus der Forschungssammlung zu sehen, die Geschichten dazu haben Studierende aus Tübingen recherchiert. Insgesamt waren im Rahmen des Projekts mehr als 200 Einzelstücke zusammengetragen worden. Etliche davon waren bereits von 15. Mai bis 15. Juni im Pop-up-Museum KERNgeschichten in Gemmrigheim zu sehen. Daraus sind die jetzt für zwei Jahre gezeigten Objekte ausgesucht und vertieft erforscht worden. Die übrigen Exponate werden in die Museumssammlung aufgenommen. Sie können nach wie vor in einem digitalen Rundgang am eigenen Smartphone oder Rechner oder auch per VR-Brille im Museum entdeckt werden.

Der ehemalige GKN-Mitarbeiter Joachim Kempf vor „seinem” Modell des Kernkraftwerks Foto: Jürgen Brand

Das Atomzeitalter lebt fort

„Das Atomzeitalter ist nicht einfach Vergangenheit“, sagt Alexander Schwanebeck, der Leiter des Museums für Alltagskultur. „Es wirkt in Erinnerungen, Dingen und Diskussionen fort. Genau diese unterschiedlichen Stimmen wollen wir sichtbar machen.” Deswegen können die Besucher der Sammlungswerkstatt auch eigene Gedanken und Objekte einbringen und so „mitgestalten, wie sich der ,nukleare Alltag’ weiterentwickelt.”