Ein knappes Jahr lang konnten die Besucher im Waldenbucher Museum der Alltagskultur in der kunterbunten Welt der Plastiktüten auf eine imaginäre Zeitreise gehen Foto: dpa/Christoph Schmidt

Die Sonderausstellung „Adieu Plastiktüte“ im Museum der Alltagskultur in Waldenbuch war ein beliebter Treffpunkt für Sammler, Künstler und Tüftler. Auch der Kurator Frank Lang hat vieles über das Alltagsding mit Starpotenzial dazugelernt.

Waldenbuch - Für die einen ist es ein wertloser Wegwerfartikel, für die anderen ein begehrtes Sammlerstück. Ein knappes Jahr lang konnten die Besucher im Waldenbucher Museum der Alltagskultur in der kunterbunten Welt der Plastiktüten auf Zeitreise gehen. Die Sonderausstellung ist auf großes Interesse gestoßen. Jetzt ist sie rum, der Kurator Frank Lang berichtet, wie Sammlerseelen ticken und warum das Stückchen Kunststoff einen großen Eindruck bei ihm hinterlässt.

Herr Lang, Sie haben für die Ausstellung zwei Privatsammlungen mit fast 50 000 Plastiktüten aus der Ära von 1968 bis 2010 gesichtet und die Geschichten dazu erzählt. Hat sich Ihr Verhältnis zum Kunststoff-Tragebeutel dadurch verändert?

Das ist tatsächlich so. Als uns die erste Tütensammlung vor zehn Jahren übergeben wurde, war mir natürlich bewusst, dass die Plastiktüte der Alltagsartikel schlechthin ist. Fast jeder Mensch auf der Welt hatte schon einmal eine solches Produkt in der Hand. Wir sind da alle kleine Profis. Deshalb ist das Thema für so viele Menschen interessant. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, wie viele unterschiedliche Per­spektiven die Ausstellung eröffnen würde.

Wie ist Ihre persönliche Einstellung zur Plastiktüte?

Die Plastiktüte ist ja per se keine schlechte Erfindung. Kunden nutzen sie als hygienischen und praktischen Transportartikel. Für die Geschäfte ist sie ein günstiger Werbeträger. Soweit wäre alles gut, doch mittlerweile ist die Kunststofftüte durch ihre Schadstoffbilanz zum Symbol für den gedankenlosen Umgang mit unserer Umwelt geworden. Bevor sie ganz aus dem Handel verschwindet, wollten wir ihre Bedeutung noch einmal herausarbeiten. Wir haben dabei Kontakt zu Menschen bekommen, die ganz unglaubliche und spannende Dinge mit Plastiktüten machen.

Was hat Sie besonders beeindruckt?

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Uns ist zum Beispiel über einen Händler ein farbenprächtiger Boucherouite-Teppich aus Marokko angeboten worden. Bei unserem Modell haben die Knüpferinnen anstelle der Stoffstreifen Hemdchentüten verarbeitet. Viele Plastiktüten sind ein Hingucker. Das weckt die Kreativität der Menschen. Eine Dame hat uns eine Jacke zur Verfügung gestellt, die sie aus den Bildmotiven von Plastiktüten genäht hat. Wir haben Kontakt zu Künstlern bekommen, die auf ganz unterschiedliche Art mit Plastiktüten arbeiten. Und dann sind da die Angebote der Sammler. Sie glauben gar nicht, wie viele Leute Plastiktüten sammeln.

Was bewegt Menschen dazu, auf die Jagd nach Polyethylen- oder Polypropylen-Beuteln zu gehen?

Da gibt es ganz unterschiedliche Motive. Oft wird thematisch gesammelt. Ein Herr aus Paderborn hat uns Tüten mit Weihnachtsmotiven angeboten. Bei einer Berliner Sammlung haben wir gesehen, dass die Grafik im Mittelpunkt stand. Andere dokumentieren damit ihre Reiserouten. Manche sammeln einfach drauflos und möchten möglichst viele Exemplare horten. Ein Sammler war zum Beispiel sehr verstört, dass wir gebrauchte Tüten zeigen. Er legt Wert darauf, dass sie unbenutzt sind. Allen gemein ist, dass sie leidenschaftlich bei der Sache sind. Mit einer Tüte als Urlaubsmitbringsel kann man ihnen eine wirkliche Freude machen.

Konnte die Sammlung des Museums durch die zusätzlichen Angebote ergänzt werden?

Wir mussten leider ablehnen. Mit den 50 000 Exemplaren aus den beiden Privatsammlungen, die dem Museum bereits gehören, sind wir thematisch und vom Zeitkorridor gut aufgestellt. Es gibt viele Dopplungen. Deshalb würde es keinen Sinn ergeben, zusätzliche Sammlungen hinzuzufügen. Ganz besondere Einzelstücke haben wir aber aufgenommen. So zum Beispiel die Tüten einer Einzelhändlerin aus der früheren DDR, die im Besitz seltener Exemplare war, die von der ehemaligen Regierung einst auf Messen im Ausland verteilt worden sind.

Unter dem Motto „Adieu Plastiktüte“ konnten sich die Besucher im Museum der Alltagskultur ein Jahr lang vom umweltschädlichen Tragebeutel verabschieden. Was passiert nun mit der Sammlung?

Die 50 000 Tüten werden jetzt feinsäuberlich sortiert und konserviert. Damit wir einen schnellen Zugriff auf die Exponate haben, scannen wir die Tüten ein und digitalisieren den Bestand. Von jenen Tüten, die mehrfach vorhanden sind, wird nur jeweils ein Exemplar archiviert. Das heißt: Wir werden eine Menge Plastikbeutel übrig haben. Der Recycling-Industrie wollen wir sie nicht überlassen. Unser Plan ist es, dass daraus ein tolles, nachhaltige Projekt entsteht. Wir sind bereits mit Künstlern im Gespräch, die Ideen dazu entwickeln, wie der Kunststoff zum Kunstwerk werden kann. Das könnte dann einen Platz in unserem Außenbereich finden und der Plastiktüte ein dauerhaftes Denkmal setzen.

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