Drei Männer, versunken in ihr Kartenspiel, Fahrgäste in der S-Bahn: Der Künstler Sebastian Lorenz fängt Momente ein, in denen Menschen ihre Fassade fallen lassen.
Mit Manga – japanischen Comics – hat alles angefangen. Deren Helden, zum Beispiel die Taschenmonster Pokémon, zeichnete Sebastian Lorenz als Kind so gerne und gut, dass seine Mutter ihn eines Tages in der Kunstschule Unteres Remstal in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) anmeldete. Zuerst sei er gar nicht sehr erpicht auf einen Kurs gewesen, erinnert sich Sebastian Lorenz, der auch selbst erfundene Comics mit Elfen, Drachen und anderen Fantasiewesen malte. Doch dann wuchs die Begeisterung für den wöchentlichen Kunstkurs und er blieb dabei – bis zum Abitur.
Heute ist Sebastian Lorenz 34 Jahre alt und baut seit rund einem Jahr eine Existenz als freier Künstler auf. In Winnenden hat er ein Atelier in der ehemaligen Messerfabrik Giesser bezogen. In den früheren Firmengebäuden arbeitet die Künstlerin Beatriz Schaaf-Giesser schon längere Zeit. Seit Beginn des Jahres nutzt dort auch die Freie Akademie Kunst und Leben, die bislang ihren Sitz in Gerlingen hatte, Räume für Kurse und Veranstaltungen. Sebastian Lorenz ist einer der Dozenten, gibt beispielsweise im Herbst einen Kurs mit dem Titel „Lasurmalerei – malen wie die Alten Meister“ und plant noch weitere Angebote für Akt- und Porträtzeichnen.
Noch bis zum 6. Juni stellt Sebastian Lorenz unter dem Titel „Zwischen den Momenten“ eine Auswahl seiner Arbeiten in der Galerie Schäfer in Waiblingen aus. Viele der Gemälde zeigen Szenen aus Südamerika. Es sind Situationen, die Sebastian Lorenz auf Reisen begegnet sind und die er so realistisch gemalt hat, dass beim Betrachter der Eindruck entsteht, vor Ort, nur wenige Schritte von den Porträtierten entfernt, zu sein. Fast fürchtet man, die drei Männer, die auf einem Bild ganz versunken in ihr Kartenspiel sind, könnten plötzlich aufschauen und den Zuschauer ertappen. Das Trio hat Sebastian Lorenz auf einem Platz in Chile entdeckt. „Meine Frau musste sich ein Stück weit entfernt neben sie stellen, damit sie nicht bemerken, dass ich eigentlich sie ablichte“, erzählt Sebastian Lorenz.
Weitere Gemälde zeigen Fahrgäste in der S-Bahn, Passanten am Bahnhof oder einen Luftballon-Verkäufer auf dem Wasen in Cannstatt. „Ich laufe mit offenen Augen durch die Straßen – da gibt es immer etwas Interessantes, Seltsames oder Irritierendes zu sehen“, sagt Sebastian Lorenz, der meistens eine Fotokamera dabei hat. Mit ihr lichtet er seine Motive möglichst mehrfach ab und komponiert dann später im Atelier aus mehreren eine Skizze. Einige Bilder fallen durch ihr leuchtendes Blau auf, seit Anfang des Jahres hat der Künstler mit Hell-Dunkel-Malerei eine neue Richtung eingeschlagen: Detailliert, mit harten Kanten, erinnern die Bilder an Schwarz-Weiß-Fotografien mit einem leichten Blaustich.
Gegenständliches Zeichnen ist Sebastian Lorenz' Ding. In der Galerie Schäfer stellt er auch einige Porträts aus, die meist vom Modell gezeichnet sind. Deren Entstehungsprozess findet er besonders reizvoll. „Anfangs sitzen die Leute noch aufrecht da und lächeln. Aber nach ein, zwei Stunden ändert sich das. Sie hängen ihren Gedanken nach, ihr Gesicht verändert sich, die Fassade fällt. Wenn die Pose nicht mehr da ist, wird es spannend für mich.“
Zwischen den Momenten
Ausstellung
Sebastian Lorenz’ Bilder sind bis zum 6. Juni in der Galerie Schäfer Waiblingen, Lange Straße 9, ausgestellt. Sie ist donnerstags und freitags von 13 bis 17 Uhr geöffnet, samstags von 10 bis 14 Uhr.
Museumstag
Am Sonntag, 17. Mai, hat die Galerie anlässlich des Internationalen Museumstags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.