Kleine Häufchen aus Gewürzpulver – abends müssen sie zusammengekehrt werden. Foto: Gottfried Stoppel

In der Galerie Stihl in Waiblingen wird die Rauminstallation der Stuttgarter Künstlerin Christine Braun immer wieder unbeabsichtigt demoliert. Das bedeutet jeden Abend Einsatz mit Kutterschaufel und Kehrwisch fürs Aufsichtspersonal.

Tagtäglich ereignen sich in der Galerie Stihl eigentlich nicht tolerierbare Verwüstungen. So war es auch kürzlich, als ein Mann, Anfang sechzig, durchs Kunstgebäude am Remsufer schlenderte – und eine Spur der Verwischung hinterließ. Denn der Herr in den besten Jahren hatte sich mitten in eine Rauminstallation der Stuttgarter Künstlerin Christine Braun begeben – und dabei unbeabsichtigt die kleinen Häufchen auf dem Linoleum mit seinen Schuhen zerstört und das Pulver mit seinen Sohlen halbmeterweit durch den Raum getragen. Die aufmerksame Gattin bemerkte aufs Dilemma und zog ihn schnell weg – zum nächsten Kunstwerk.

 

Pulver-Kunstwerk wird pulverisiert

Doch der Zorn der Galerie-Verantwortlichen ob einer derartigen Pulverisierung des pulverisierten Kunstwerks hält sich in Grenzen. Denn für Künstlerin Braun ist dies ohnehin Teil des angepeilten Prozesses. Brauns Werk gehört zur aktuellen Ausstellung „Ein Fest für die Augen“ über das Essen in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. 106 Kunstwerke sind zu sehen: Aquarelle, Collagen, Gouache, Videos, Skulpturen, Plastiken. Es geht um Tischsitten oder den „Tatort Küche“. Bekannte Namen wie Joseph Beuys, Banksy, Loriot oder Andy Warhol sind darunter.

Auf 60 Quadratmetern, einen vergleichsweise großen Raum, nimmt Brauns Arbeit ein. Verteilt hat sie dazu auf dem Boden zahlreiche aus verschiedenfarbigen Lebensmittelpulvern bestehende Häufchen, die auf Alufolie liegen. Titel der Arbeit ist ein doppeldeutiges: „Endlich“.

Vergängliches Kunstwerk aus Lebensmitteln

Nach Angaben der Kuratorinnen erschafft Christine Braun „ exklusiv für diese Ausstellung ein vergängliches Kunstwerk aus Lebensmitteln“. Essen und Kunst, das ist für die Stihl-Galerie ein „sinnliches Thema“. Doch neben dem Geschmacks- wird auch der Geruchssinn wird stark angeregt, denn Brauns Gewürzdüfte steigen ratzfatz in die Nase. Doch gefordert sind auch die Füße.„Begehen erwünscht“ steht sogar als Info an der Eingangswand zu dieser Sektion.

Manche nehmen dies gar zu wörtlich, oder sie verwechseln die Pulverhäufchen mit einer kleinen Plastik – so wie der Autor dieser Zeilen, der sich hiermit sowie auch der Künstlerin gegenüber bei der journalistischen Nachfrage am Telefon als Verursacher des verstaubten Pulvers outet.

Nun, Brauns Tadel fällt beruhigender Weise verhalten aus. Offenbar übe ihr Werk halt „eine gewisse Anziehungskraft aus, dass manche draufstehen und ihren Fußabdruck im Raum verteilen“, erläutert sie. „Die Bodeninstallation soll ja begehbar sein, damit man ins Feld reingeht, mittendrin riecht es auch anders, und ich nehme eben gewisse Schäden in Kauf.“

Die Stuttgarter Künstlerin Christine Braun. Foto: Lukas Breusch

Allerdings war’s dann nach einigen Wochen doch etwas zu heftig, „sodass wir nacharbeiten mussten“. So hat sie eine Pulverreihe rausgenommen und einen Mittelgang geschaffen, „sodass man nun diagonal durchgehen und am Pulver vorbeikommen kann“.

Üblicherweise wird das Pulver mit Schließung der Galerie abends durch die Aufsichtskräfte zusammengefegt und wieder auf dem Linoleum platziert. Weil in der Summe die Pulvermenge nach und nach kleiner wird, hat die Galerie für den Austausch auch noch ein paar Reserven parat.

Mit ähnlichen Installationen wie jetzt in Waiblingen hat Christine Braun in den vergangenen Jahren auch andernorts in der Region schon Aufsehen erregt. Etwa im Frühjahr 2017 im Kunstforum Weil der Stadt mit dem Werk „Gegenüber“. Adrienne Braun, Kolumnistin und Kulturkritikerin unserer Zeitung, erklärte seinerzeit in ihrer Einführungsrede: „Wir, die eigentlich passive Betrachter sind, werden dabei zu Akteuren, und zwar im negativen Sinne, denn wir laufen permanent Gefahr, die Kunst zu zerstören. Es ist damit zu rechnen, dass am Ende dieser Schau reichlich zu Bruch gegangen sein wird und die Installation sich auflöst – durch unser aller Verschulden.“

Im Herbst 2018 hatte Christine Braun in der Q-Galerie Schorndorf in exakt eingerichteten Planquadraten Pufulettis installiert: 20 000 Teile Maisgebäck auf dem Fußboden, „die wie in Luft aufgepuffte, brüchig blonde Haarstoppeln aus dem dunkelgrauen Estrich emporschießen“, wie es in der Beschreibung der Galerie hieß – ein „Bodentableau einer Eat Art der anderen Art“.

„Das Geld liegt auf der Straße“

Ein anderes, für die Landeshauptstadt geplante Projekt hätte noch mehr Aufsehen erregt, scheiterte allerdings an behördlichen Auflagen: „Das Geld liegt auf der Straße“ sollte das Bodenkunstwerk heißen, als Christine Braun in der Königstraße einen schmalen, langen roten Teppich mit Geld auslegen wollte.

Es ist also einiges geboten bei ihr, mal spektakulär, mal lustig, stets nachdenklich. In Waiblingen jedenfalls gilt noch gut eine Woche: Die Füßchen bitte anheben, wenn die Bodenkunst nachhaltig sein soll.

Essen und Kunst

Ausstellung
„Ein Fest für die Augen“ in der Galerie Stihl am Waiblinger Remsufer ist noch bis zum 2. März zu sehen – Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr.