Noch sind Minarette wie das in der Kesselstraße in Stuttgart-Wangen für viele Menschen nicht selbstverständlich. Foto: Katalog

In der Universitätsbibliothek in Stuttgart-Mitte ist die Ausstellung „Schwäbische Moscheen“ zu sehen. Sie basiert auf einem Studienprojekt.

S-Mitte - Die enormen Fensterfronten, gefasst in Rundbogen, münden in das Dach, das von einer gläsernen Kuppel gekrönt wird. Zwei hohe Türme fassen die Fassade ein. Die neue Moschee der Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V. Ditib, die im Gewerbegebiet von Feuerbach an der Mauserstraße entsteht, beeindruckt. Der Entwurf und ein Modell, konzipiert vom Stuttgarter Architekturbüro SL Rasch, sind nun in der Holzgartenstraße 16 zu bewundern: Im Foyer der Universitätsbibliothek, Campus Mitte wird die Ausstellung „Schwäbische Moscheen“ präsentiert.

Erstmals muslimische Sakralbauten erforscht

Die Schau entstand aus einem Studienprojekt, das Privatdozent Ulrich Knufinke am Institut für Architekturgeschichte der Universität Stuttgart in den Jahren 2016 und 2017 durchführte. Der Braunschweiger Architekturhistoriker und promovierte Ingenieur, seines Zeichens Experte auf dem Gebiet der jüdischen Architektur, insbesondere der Synagogen, erforschte darin erstmals muslimische Sakralbauten im Land. „Die Studierenden reisten zu den Gemeinden, um den Stand der Dinge zu erforschen und zu dokumentieren“, so Knufinke.

So wie der Islam zu Deutschland gehöre, gehörten auch Moscheen zu Städten und Gemeinden, sagt er. Dennoch sei der Anblick eines Minaretts, eines Halbmonds auf einer Kuppel noch nicht selbstverständlich – weder für die muslimische Minderheit noch für die Bevölkerungsmehrheit. Dem Bau von Moscheen gingen komplexe Prozesse des gesellschaftlichen Aushandelns voraus – in Konfrontation wie im Dialog mit Nachbarn, Verwaltungen, politischen Verantwortlichen, Menschen vor Ort. „Der Stand dieser Prozesse ist von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich“, so Knufinke.

In der Schau und in einem empfehlenswerten Ausstellungskatalog werden denn auch bestehende und geplante Beispiele aus dem Land und darüber hinaus vorgestellt, darunter die Yavus-Sultan-Selim-Moschee in Mannheim, die Zentrum-Moschee Ulm, die Ditib-Moschee in Aalen, die albanische und bosnischen Moscheen in Stuttgart und die geplante Moschee auf den Fildern in Leinfelden-Echterdingen.

Knufinke und die Studierenden hinterfragten in dem Projekt, das als Wanderausstellungen durch das Land tourt, ob Moscheen in Deutschland „deutsche“ und Moscheen in Schwaben „schwäbische Moscheen“ sind. Dafür befragten die Studierenden, sich dem Thema aus der Perspektive der Architektur nähernd, denn auch die Mitglieder muslimischer Gemeinden und Architekten, forschten zur Vorgeschichte und zur Entwicklung der Bauten.

Unzureichende Quellenlage

Dabei habe sich herausgestellt, dass das Feld der Geschichte muslimischer Gemeinden und ihrer Moscheen in der zeithistorischen und architekturgeschichtlichen Forschung wie auch in der Denkmalpflege bislang kaum beachtet worden sei. „Die Quellenlage in den Archiven und auch bei den Gemeinden selbst ist schlecht – ein Bewusstsein, dass hier ein Teil der jüngeren deutschen Geschichte zu erforschen ist, scheint sich auf allen Seiten nur langsam zu entwickeln.“

Das bestätigte auch die Studentin Katharina Philana Rindtorff, die betonte, dass die muslimischen Gemeinden sehr offen und am Projekt interessiert gewesen seien. „Wir haben positive Erfahrungen gemacht, wir waren willkommen, kamen nirgendwo ohne einen Tee wieder heim, in Horb haben sie das Haus eigens für uns geöffnet.“

Nach Knufinke befinde sich die Gesellschaft womöglich in einer entscheidenden Phase des Umbruchs, der „mit dem Generationenwechsel von den Gemeinden der Zuwanderer zu denen der in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Musliminnen und Muslimen einhergeht.“ Abzuwarten sei, wie sich die aktuelle, auch scharfe Debatte um die Geflüchteten und deren Integration darauf auswirken werde.

Dass der Islam zum Land und dessen Hauptstadt gehöre, betonte Levent Günes von der Abteilung Integrationspolitik der Stadt Stuttgart. „44 Prozent der Stuttgarter haben Migrationshintergrund aus unterschiedlichsten Nationen, von der jungen Generation der Null- bis 18-Jährigen sind es bereits 64 Prozent.“

Mit der Ausstellung werde gezeigt, dass Stuttgart eine Stadt sei, in der jeder seinen Platz habe. Helge Steenweg, Direktor der Unibibliothek Campus Mitte, und Klaus Jan Philipp, Dekan des Instituts für Architekturgeschichte, betonten wiederum, dass gerade dieses Foyer der richtige Ort dafür sei. „Hier gehen Menschen verschiedenster Nationen ein und aus“, so Steenweg. Und Philipp ergänzte: „Die Schau macht auch deutlich, wie muslimische Mitbürger, Zuwanderer ihren Beitrag zur Stadtgesellschaft und Stadtplanung geleistet haben und leisten, und diese mitprägen.“

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