Eine der vielen Geschichten von Geflüchteten Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Flucht und Migration sind Teil der Geschichte Deutschlands. Nicht nur heute. Eine Ausstellung vom Forum der Kulturen gibt Geflüchteten aus sieben Jahrzehnten Gesicht und Stimme.

Stuttgart - Passanten bleiben stehen, treten näher und verweilen: Es sind Gesichter, junge, alte, mit heller und mit dunkler Haut, die den flüchtigen Blick der Vorübergehenden festhalten. Sie haben auch einen Namen und sie erzählen eine Geschichte. Wie Annemarie Dettmann und Markwart Polzer, die beide als Kinder mit ihren Familien 1945 die Heimat im Sudetenland verlassen mussten. Verjagt und „rausgeschmissen“ als Reaktion auf die jahrelange Schreckensherrschaft des NS-Regimes in der damaligen Tschechoslowakei. Wie Sergio Vesely aus Chile, der sich vor dem Pinochet-Regime 1976 nach Deutschland retten konnte, wie Kathrin Schwarz, die 1985 aus DDR-Haft nach Schwaben ausreisen konnte, wie Souzan Aziz aus dem Irak, Anas Rohban aus Syrien und Tshamala Schweizer aus dem Kongo, längst heimisch oder erst seit kurzem hier. „An(ge)kommen“ ist der Titel der Ausstellung, die die Transparenz der großen Fenster des Stadtlebenbüros von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten am Hans-im-Glück-Brunnen zum Blickfang macht.

Flucht und Migration sind ein Teil Deutschlands

Genau das ist die Intension des Forums der Kulturen, das die Ausstellung am Donnerstag im Anschluss an eine Dialogkonferenz eröffnete, bei der Migrantenorganisationen mit Stadt und Presse ins Gespräch kamen. Gezeigt wird, dass Flucht und Migration immer schon Teil der Geschichte Deutschlands sind. Dafür haben Menschen aus drei Generationen ihre Fluchtgeschichten erzählt. Jene, die nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden, andere, die Diktaturen entkamen, und dazu die Menschen, die in unseren Tagen nach Deutschland kommen. Nie vorurteilslos aufgenommen: „Wir hatten zwar die gleiche Sprache und Kultur, trotzdem haben sie uns nicht gemocht“, erinnert sich Annemarie Dettmann, heute 84 Jahre alt. Das gilt auch für 1992, als Tshamala Schweizer aus dem Kongo kam: „Damals war das Wort Willkommenskultur ein Fremdwort“, sagt er. „Hass und Abneigung sind in unserer Gesellschaft immer noch vorhanden“, weiß Rolf Graser, Geschäftsführer vom Forum der Kulturen. „Darum“, so seine Kollegin Preslava Abel, „wollen wir mit dieser Ausstellung dazu beitragen, dass die Menschen aufeinander zugehen, ins Gespräch kommen und die Hintergründe der Fluchtgeschichten besser verstanden werden.“

Mit Musik Brücken schlagen

„Diese Ausstellung verschafft einen großartigen Zugang zum Thema Flucht“, würdigte Jan Sellner, als Leiter des Lokalressorts von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten Gastgeber, bei der Eröffnung das Projekt mit den Fotos von Natalia Zumaran und Texten von Annette Clauß. Eine der Initiatorin ist Cathy Plato, die 1984 erstmals zum Studieren nach Deutschland kam und ein zweites Mal 1991, als sie vor dem Krieg in ihrer Heimat Kongo flüchtete. Sie lud in Fellbach ins Erzählcafé, um den migrantischen Dialog zu fördern: „Die Erfahrung, die Heimat verlassen zu müssen und Fremde zu sein, verbindet uns.“

Dass sich die Kulturen in der alten und neuen Heimat wunderbar berühren können, beweist der syrische Musiker Mazen Mohsen. 2016 kam er aus Damaskus nach Deutschland und Stuttgart. Jetzt will er mit der Musik Brücken schlagen und überträgt dafür deutsche Lieder ins Arabische. „Ich habe Heimweh“, bekennt er, greift zur Gitarre und singt: „Nun ade, Du mein lieb’ Heimatland“. In Deutsch, dann in Arabisch. Zum Weinen schön und zu Herzen gehend. Wer ihn hören will: er tritt am 12. und 13. in der Scala in Ludwigsburg auf. Die Ausstellung ist bis Ende Juni von außen und im Inneren des Stadtlebenbüros zu sehen.

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