Immer wieder hat Elisabeth Hahn die Burg Hohenneuffen gemalt. Foto: privat

Eine Plochinger Malerin trotzt Krieg, Verlust und Schweigen – und hinterlässt ein Werk von erstaunlicher Lebenskraft, das jetzt in einer Retrospektive zu sehen ist.

Sie gehörte zu jenen Künstlerinnen, deren Namen die Geschichte fast verschluckt hätte. Elisabeth Hahn, Malerin in Stuttgart und Plochingen, war Teil der „Verschollenen Generation“ – jener Malerinnen und Maler, deren Entwicklung die nationalsozialistische Diktatur jäh unterbrach und deren Werke im Bombenkrieg zerstört wurden. Um so größer das Verdienst der städtischen Plochinger Galerie, ihr Gesamtwerk zu zeigen.

 

Es ist still geworden um Elisabeth Hahn. Zu still, wenn man bedenkt, welche Spur sie in der süddeutschen Kunstlandschaft hinterlassen hat. Geboren am 14. Dezember 1883 in Stuttgart, gestorben 1967 in Plochingen, zählte sie mit ihren Kommilitonen Ida Kerkovius und Willi Baumeister „als wichtige Wegbereiterin der weiblichen Avantgarde in Deutschland“, wie sie Edith Neumann charakterisiert, die stellvertretende Direktorin des Stuttgarter Stadtpalais-Museum.

Künstlerische Entwicklung von Krieg und Diktatur brutal gebremst

Elisabeth Hahn gehört zu jener „Verschollenen Generation“, deren künstlerische Entwicklung von Krieg und Diktatur brutal gebremst wurde. Viele Werke verbrannten in den Bombennächten, doch was blieb, erzählt von Mut, Neuanfang und ungebrochener Schaffenskraft.

Ihre frühen Arbeiten wurzeln im Naturalismus. Doch bald bricht sie auf zu neuen Formen, experimentiert mit Farbe, Fläche und Bewegung. Als Schülerin von Adolf Hölzel und Bernhard Pankok an der Stuttgarter-Akademie ist sie direkt am Puls der Moderne. Mit der „Stuttgarter Sezession“ 1923 wendet sie sich gegen verkrustete Kunstpolitik – und findet ihre eigene, freie Sprache.

Zusammenarbeit mit Mies van der Rohe auf der Weltausstellung

Ihre Themen: Mensch, Krieg, Landschaft und Blumen. Die Bilder von der Autobahn-Baustelle am Aichelberg nehmen einen besonderen Platz ein. Bald wendet sie sich dem Expressionismus zu und zeigt sich gleichzeitig als hervorragende Aquarell-Malerin, besonders ergreifend sind ihre Bilder aus dem Ersten Weltkrieg.

1929 arbeitet sie mit am Deutschen Pavillon von Mies van der Rohe auf der Weltausstellung in Barcelona – ein Moment des Anschlusses an die Weltkunst jener Zeit, einer Zeit, die jedoch bald andere Töne anschlägt.

Elisabeth Hahn wurde 1883 in Stuttgart geboren und starb 1967 in Plochingen Foto: privat

Dann kommt der Zweite Weltkrieg. Mit ihm der Verlust. Gemälde, Zeichnungen, Skizzen – vieles verbrennt im Bombenhagel, wenige Bilder überleben: zwei Stadtansichten, ein paar heimkehrende Soldaten, das Leid einer Krankenschwester. Kolorierte Allegorien, die den Krieg als Apokalypse zeichnen, auf denen der Tod regiert. Ihre expressionistischen Stadtansichten versteckt sie hinter Blumenbildern, die den Nazis unverdächtig erscheinen mussten.

Landschaften der Schwäbischen Alb und die Weite von Sylt

In den Hungerjahren malt sie Blumen – nicht nur als Zeichen des eines neuen Lebens, sondern auch, um Bilder zu schaffen, die sie leicht verkaufen kann. Nach 1945 beginnt sie neu. Als Erste Vorsitzende des Württembergischen Malerinnenvereins kämpft sie für Künstlerinnen, gibt Strukturen, Mut und Sichtbarkeit. Sie hilft, den Verein wieder aufzubauen als Ort der gegenseitigen Stärkung und des Neuanfangs. Ihre späten Werke sind leiser. Landschaften der Schwäbischen Alb, die Weite von Sylt, Meeresblicke voll innerem Frieden. Blumenbilder, die von genauer Beobachtung und großer Liebe zum Detail zeugen.

Zeitweise lebt Elisabeth Hahn in Erkenbrechtsweiler

Auch ihre Porträts berühren – fein, einfühlsam, oft mit melancholischem Blick. Rund sechzig Bilder sind erhalten. Die Familie Hahn bewahrt sie auf, einige liegen im Kunstmuseum Stuttgart, andere im Archiv des Bundes Bildender Künstlerinnen oder im Regierungspräsidium Stuttgart.

Vom zerstörten Haus in der Stuttgarter Moserstraße zieht sie zeitweise auf die Schwäbische Alb nach Erkenbrechtsweiler. Sie lebt dort mit ihrer Haushälterin Emma Seckinger und pflegt Kontakt zur Witwe des Malers Martin Nicolaus. Immer wieder malt sie die Burg Neuffen. Vielleicht sah sie sich selbst so: Als Solitär in Harmonie mit Himmel und Landschaft.

Ihr Haus in Plochingen war offen – auch für neue Ideen

In Plochingen verbrachte sie ihre letzten Jahre, umgeben von Menschen, die sie schätzten, im Haus ihres Neffen Wilhelm Hahn, einem bekannten Arzt. Ihr Haus war offen für Gespräche, für Kunst, für neue Ideen. Sie ermutigte andere, die Natur künstlerisch zu erkunden, noch immer ist in Plochingen ein Satz lebendig, den sie einer jungen Mutter auf einem Spaziergang mitgab: „Man muss immer neue Farben und Formen sehen.“

Heute, mehr als fünfzig Jahre nach ihrem Tod, ist es Zeit, Elisabeth Hahn neu zu entdecken. Die Ausstellung der Galerie der Stadt Plochingen zeigt, wie weibliche Kunstgeschichte auch in Württemberg geschrieben wurde – modern und zutiefst menschlich.

Vernissage am 30. Oktober

Retrospektive
Die Ausstellung der Stadt Plochingen: „Man muss immer neue Farben und Formen sehen. Die Plochinger Malerin Elisabeth Hahn“, geht vom 31. Oktober bis zum 23. Dezember. Die Vernissage beginnt am Donnerstag, 30. Oktober um 19.30 Uhr in der Galerie der Stadt Plochingen, Marktstraße 36. Der Eintritt ist frei.

Öffnungszeiten
Zu sehen ist die Schau montags, mittwochs und samstags von 10 bis 13 Uhr, dienstags und donnerstags von 10 bis 13 sowie von 14 bis 17 Uhr und freitags von 9 bis 16 Uhr. Während des Plochinger Weihnachtsmarkts ist freitags von 9 bis 18 Uhr, samstags von 10 bis 18 Uhr und sonntags von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Am Freitag, 21. November 2025, um 16 Uhr, findet eine Galerieführung statt (Anmeldung unter 0 71 53/70 05 250 oder per Mail: tourismus@plochingen.de).