Wie Biologie-Unterricht für Erwachsene: Bahname-Zeichnungen – mit Erklärungen, die man durchaus skeptisch lesen sollte. Foto: Tanja Meißner/Tanja Meißner

Internationale Künstlerinnen zeigen im Heidelberger Kunstverein postkoloniale, feministische Werke zu Sexualität, weiblichen Körpern, männlicher Anatomie und erneuern zum Teil künstlerisch altes Wissen.

Biologie, Kunst, Geschichte, Literatur, Politik – die aktuelle Ausstellung im Heidelberger Kunstverein „Sex Reenchanted“ stellt Bezüge zwischen klassischen Bildungsgebieten und Sexualität her und zeigt feministische, postkoloniale Positionen dazu. Eine Art Versuch, altes Wissen zu erneuern, könnte man das nennen, was in der internationalen Gruppenausstellung, kuratiert von Mehveş Ungan, zusammentragen wurde.

 

Wenn etwa die algerische Malerin und Künstlerin Dalila Dalléas Bouzar in eine schwarzbesamtete Rauminstallation mit fein gestickten, bunten Abbildungen von nackten Menschen, Tieren, allerlei Wesen, Pflanzen, Universum und Fantasie entführt, erinnert sie an prähistorische Felsmalereien in der südalgerischen Sahara. Dieses Experiment gelingt der in Frankreich lebenden und einst von islamistischen Geistlichen angefeindete Künstlerin ausgesprochen gut.

Abbildungen, Erklärungen und praktische Hinweise

Explizit wird es in den Bahname-Zeichnungen der türkischen Künstlerin Canan. Ihre Bilderserien mit Erklärungen, aus Schriften aus dem 17. Jahrhundert von Tabip Mustafa Ebu’l-Feyz sind quasi eine überarbeitete Neuauflage der alten osmanischen Literaturgattung Bahname (das arabische Wort „bah“ steht für Libido, das persische Wort „name“ für Buch) über den Zusammenhang von Form und Gestalt von Geschlechtsteilen und der scheinbar kausalen Verbindung zur Lust und passenden Praktiken. Eine Art Baukasten nach dem Motto: Wenn es so aussieht, passt es hierzu, und dann klappt es auf diese Art am besten. Übersetzt ist das Ganze auf deutsch in einem Begleitheftchen.

Plastisch wird es bei den Arbeiten von Daphne Ahlers, die sich spielerisch-künstlerisch mit Schamkapseln auseinandersetzt. Die gepolsterte Hülle für männliche Genitalien diente seit dem 14. Jahrhundert als Schutzmaßnahme, später wurde die Schamkapsel zunehmend als modisches Detail zur Zurschaustellung von Männlichkeit getragen. Bei Daphne Ahlers bekommen die ollen Kapseln etwa die Form einer Riesenschleife oder eines Sonnenhutes.

Große Bandbreite und offene Fragen

Konfrontiert mit den Auswirkungen von Kolonialismus auf die Gesundheit von nicht-weißen Frauen wird man in der Videoarbeit von Tabita Rézaire, die heftige Kritik an der westlichen Gynäkologie übt. Zudem ist eine große Wandmalerei mit sexuell aufgeladenen Pflanzenfiguren zu sehen, phallusähnliche Skulpturen, Malerei, schließlich lädt ein interaktiver Vulva-Webrahmen zur Handarbeit ein.

Wie können Sinnlichkeit und Begehren aus dem Schatten der Geschichte des Kolonialismus, der Sklaverei und der frauenfeindlichen Komponente der modernen Medizin heraustreten? Diese Frage stellt die Ausstellung vorne an. Antworten liefern einzelne Künstlerinnenpositionen durchaus. Um den angestrebten Gesamtzusammenhang dieser sehenswerten Schau deutlicher zu machen, wären Erklärungen hilfreich gewesen, wie auch eine Übersetzung des Titels „Sex Reenchanted“, der Fragen aufwirft. Eine Wiederverzauberung von Sexualität? Die thematische Brücke zwischen Silvia Federicis Forderung nach einer „Wiederverzauberung der Welt” als Antwortforderung auf Max Webers „Entzauberung der Welt“ wird im Vorschautext online zwar geschlagen, doch scheint dieser philosophisch-soziologische Ansatz weit hergeholt, bleibt die Schau doch jedwede Erklärung diesbezüglich leider schuldig.

Info

Ausstellung „Sex Reenchanted“
bis 22. September, Heidelberger Kunstverein, Hauptstraße 97, Heidelberg. Geöffnet: Di-So 11-18 Uhr, https://www.hdkv.de/de