Der christliche Verein CVJM zeigt ab dem 27. September in Esslingen eine Ausstellung zur Geschichte des Grundgesetzes. Ihre Erlebnisstationen sollen verdeutlichen, welch eine Errungenschaft die Verfassung der Bundesrepublik darstellt.
Wer ab Freitag, 27. September, den kleinen Saal des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) in Esslingen betritt, hört zunächst die Stimme von Joseph Goebbels. An der ersten Station einer Wanderausstellung zum Grundgesetz dröhnen Reden des nationalsozialistischen Propagandaministers aus einem Radio. Mit ihnen hatte Goebbels die Bevölkerung kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs zum Weiterkämpfen aufgefordert. „Der Raum stellt in gewissem Sinne die Stunde Null der Bundesrepublik dar“, sagt der Projektverantwortliche Rainer Hopper vom CVJM.
Goebbels’ Parolen und Aufnahmen aus den letzten Kriegstagen verdeutlichen, wie unwahrscheinlich die freiheitlich-demokratische Gesellschaft, in der wir heute leben, damals schien. Die Station zeigt außerdem, dass es in der Ausstellung nicht um reine Informationsvermittlung geht. Sie soll kein auf Tafeln zusammengefasster oder per Audio-Guide vorgelesener Wikipedia-Artikel sein. „Das Grundgesetz als Erlebnis“ lautet stattdessen der Titel. Deshalb teilen Hopper und das Projektteam vom CVJM den Saal durch schwarze Tücher in voneinander abgetrennte Räume auf. Dort sollen die einzelnen Stationen unterschiedliche Episoden aus der Geschichte des inzwischen 75 Jahre alten Grundgesetzes veranschaulichen.
Der Glaube als treibende Kraft
Nach den Reden von Goebbels folgt zum Beispiel ein Diorama. In ihm sind drei Szenen aus der Zeit unmittelbar nach Kriegsende abgebildet. Sie zeigen einrückende US-amerikanische Soldaten, Geflüchtete aus den früheren deutschen Ostgebieten und die sogenannten Trümmerfrauen, die maßgeblich am Wiederaufbau zerbombter Städte beteiligt waren. „Dort stellen wir auch die Frage, warum Esslingen nach dem Krieg nicht so aussah wie andere Orte“, erzählt Hopper. Die Stadt blieb trotz bedeutender Industrieanlagen größtenteils von Luftangriffen der Alliierten verschont. Hopper zufolge hat das einen ganz bestimmten Grund – und zwar einen mit Bezug zum CVJM. Genaueres erfahre man in der Ausstellung.
Tim Behrensmeier, ein Pastor aus der Gemeinde Wüstenrot, hat die Schau kuratiert. „Der jüdisch-christliche Glaube als eine treibende Kraft beim Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg“ ist für ihn eines der Hauptthemen. Das verdeutlicht unter anderem ein Raum mit drei symbolischen Gegenständen: eine Justitia-Figur, ein Telefon und ein Rucksack voller Steine. Sie beziehen sich auf ein Zitat des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss, der die Bundesrepublik Deutschland und das moderne Europa auf drei Hügeln gebaut sah. Die Justitia steht für das von Heuss genannte römische Kapitol und damit die abendländische Rechtsordnung. Das Telefon repräsentiert den Austausch und die Demokratie, die Heuss anhand der Akropolis in Athen veranschaulichte.
Mit dem Rucksack ist es komplizierter. Er ergänzt ein Bild der religiösen Stätte Golgatha – für Heuss ein Symbol für Frieden und jüdisch-christliche Werte. Die Steine im Rucksack sollen die Last der eigenen Schuld und der Kriegserfahrung, die deutsche Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg mit sich herumtrugen, vergegenständlichen. Hopper sagt: „Das ist verbunden mit der Frage: Wo finde ich Befreiung?“ Bei der Antwort darauf, so eine Botschaft der Ausstellung, könnten sowohl der Glaube an Gott als auch der Einsatz für eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen.
Die Schau thematisiert aber auch spätere Abschnitte der deutschen Geschichte. So veranschaulicht ein Raum zum Beispiel den Fall der Mauer. Dort geht es um den historischen Moment, als die heutigen ostdeutschen Bundesländer das Grundgesetz übernahmen. „Die letzte Station ist dann noch einmal ein emotionaler Höhepunkt, der mit der Nationalhymne zu tun hat“, sagt Hopper. Dieser Abschluss zeige, was unsere Demokratie ausmache.
Raum für Austausch
Wer die Ausstellung besichtigen will, kann sich für eine Führung anmelden. Ehrenamtliche und Hauptamtliche des CVJM leiten die Rundgänge. Einer von ihnen, der 27-jährige Sebastian Hagmüller, sagt: „Es ist ein großer Unterschied, ob man etwas vor Tafeln anschaut, oder ob man etwas selbst durchschreitet.“ Durch den Erlebnischarakter der Ausstellung erhoffen sich die Verantwortlichen, unterschiedliche Altersgruppen zu erreichen. „Es ist wichtig, dass gerade die jüngeren Generationen wertschätzen, welchen Schatz wir mit dem Grundgesetz haben“, sagt Rainer Hopper.
Während seiner früheren Tätigkeit als Pastor in Gaildorf betreute er die Ausstellung schon einmal. „Dabei habe ich erlebt, dass viele Menschen nach dem Besuch das Bedürfnis haben, über die Inhalte zu sprechen“, sagt er. Deshalb richtet der CVJM gegenüber des Ausstellungsraums ein Bistro ein. Dort soll es die Möglichkeit geben, sich bei einem Getränk über das Erlebnis Grundgesetz auszutauschen.
Gottesdienste und Schulklassen
Programm
Die Ausstellungseröffnung beginnt am Freitag, 27. September, um 18 Uhr beim CVJM in der Kiesstraße 3-5 in Esslingen. Bürgermeister Ingo Rust, der Bundestagsabgeordnete Markus Grübel (CDU) und Mitglieder des Esslinger Gemeinderates halten Grußworte. In einem Gottesdienst am Sonntag, 29. September, sowie bei einer Veranstaltung mit Stadtrat Andreas Koch (SPD) am Freitag, 11. Oktober, geht es um lokale Themen. Und bei einer weiteren Messe am Sonntag, 13. Oktober, spricht Rainer Hopper über die christlichen Bezüge des Grundgesetzes.
Führungen
Der Besuch der Ausstellung ist vom 27. September bis zum 11. Oktober bei mehrmals täglich startenden Führungen möglich. Dafür können sich Gruppen und Einzelpersonen anmelden. Drei Vormittage sind für Schulen geblockt. Auf Anfrage veranstaltet der CVJM Rundgänge außerhalb der auf seiner Webseite angegebenen Zeiten. Weitere Informationen und Anmeldung unter www.cvjm-esslingen.de/aktuelles/erlebnisausstellung-grundgesetz.