Zwetschgenholz und Stacheldraht: Otto Beer arbeitet viel mit der Kettensäge Foto: Horst Rudel

„Lasst die Volksseele kochen“ lautet der Titel einer Ausstellung in Backnang. In der Galerie im Helferhaus beziehen fünf Kunstschaffende eindeutig Stellung – und wählen dafür ganz unterschiedliche Ausdrucksformen.

Backnang - Kaum hat Uli Olpp angefangen, Hölderlins Gedicht „Stimme des Volkes“ zu zitieren, da ertönen am Sonntagvormittag auch schon laute Zwischenrufe. „Querdenken“ schallt es im Markgrafenhof in Backnang, „Deutschland erwache“ und „Weg mit der BRD“. Eine Trillerpfeife schrillt. Doch der Vorsitzende des Kunst- und Heimatvereins Backnang spricht unbeirrt weiter – die Störung der Vernissage ist geplant und Teil der Leseperformance, mit der die neue Ausstellung in der Galerie im Helferhaus eröffnet wird.

Unter dem Titel „Lasst die Volksseele kochen“ zeigt sie Arbeiten von Otto Beer, Oliver Herrmann, Klaus Koppal, Peter Schmidt, Margit Stäbler-Nicolai und Günther Zitzmann, die sich durchweg mit dem Thema Rechtspopulismus beschäftigen, das aber in völlig unterschiedlicher Form. Beim Rundgang durch die Galerieräume erwartet Besucher daher buchstäblich hinter jeder Tür etwas Überraschendes – Installationen, Objekte, Zeichnungen, Fotografien und Videokunst.

Zwetschgenbaum trifft Kettensäge

Letztere stammt vom Stuttgarter Oliver Herrmann. Er zeigt auf zwei Monitoren das unendlich scheinende Mittelmeer, auf dem linken Bildschirm läuft parallel dazu ein Ticker, der die allein in den Jahren 2000 bis 2016 auf der Flucht übers Meer zu Tode gekommenen Menschen auflistet. „Das Video ist fünfeinhalb Stunden lang“, sagt Herrmann.

Gleich daneben steht eine 2,40 Meter lange Skulptur, die Otto Beer mit einer Kettensäge aus einem Zwetschgenbaumstamm gefertigt hat. Ein Boot, in dem dicht gedrängt Menschen sitzen, vor ihnen türmen sich Wellen. In ihrem Rücken, auf dem Festland bedroht ein Panzer die Zurückgebliebenen. Und was macht Europa? Es verschanzt sich hinter Stacheldraht.

Europäer schotten sich ab

„Festung Europa“ hat Peter Schmidt seine Arbeit betitelt, die ein ähnliches Szenario zeigt: In einem Wasserbecken treiben winzige gefaltete Papierboote mit Menschen darin. Vor ihnen aus dem Wasser ragt eine trutzige Burg mit hohen Mauern, aus deren Innenhof ein gläserner Turm emporsteigt. Darin tummeln sich winzige Figürchen in Anzug und Kostüm – die Europäer, die sich abschotten.

Margit Stäbler-Nicolai hat unter dem Titel „Leah, Layla, Lisbeth“ in einer Zimmerecke einen fahrbaren Infusionsständer platziert. An ihm baumeln auf den ersten Blick identische durchsichtige Säckchen, gefüllt mit roter Flüssigkeit. Laut der Aufschrift handelt es sich um Blutkonserven der seltenen Gruppe AB Rhesus negativ. Erst der zweite Blick offenbart, dass das Blut von drei verschiedenen Spenderinnen stammt – auf einem Beutel prangt ein Davidstern, auf den anderen ein Halbmond mit Stern und ein Kreuz.

Christus am Kreuz – darauf spielt der Bayer Günther Zitzmann in seiner Arbeit „Große Klappe, dicker Arm, im Hirn lauwarm“ an: Die Skulptur aus Fundstücken vom Strand schaut von oben auf die Besucher herab, ihr rechter Puppenarm zeigt steil nach oben.

Klaus Koppal, von Haus aus Historiker, sucht im Internet nach Bildern, die er bearbeitet und mit Texten versieht. Heraus kommt dabei beispielsweise ein Porträt der AfD-Frau Alice Weidel, versehen mit dem Kommentar „Messerstechermädchen ohne Kopftuch“. „Wer einen Bezug zur Gegenwartspolitik hat, wird es kapieren“, sagt Koppal über sein Werk: „Die Leute überzeugen kann ich nicht, aber ich kann meine Meinung zum Ausdruck bringen“.

Rechtspopulismus als Thema

Ausstellung:
„Lasst die Volksseele kochen“ zeigt Werke von Otto Beer, Oliver Herrmann, Klaus Koppal, Peter Schmidt, Margit Stäbler-Nicolai und Günther Zitzmann aus den Bereichen Objekt, Installation, Zeichnung, Fotografie und Video. Alle beziehen Position gegen rechte Gesinnungen. Die Ausstellung ist bis zum 4. Oktober in der Galerie im Helferhaus, Petrus-Jacobi-Weg 5, in Backnang zu sehen. Die Öffnungszeiten sind dienstags bis freitags von 17 bis 19 Uhr, samstags und sonntags von 14 bis 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Regeln:
Ein Besuch ist nur mit Mund- und Nasenschutz und unter Einhaltung der Abstandsregeln möglich. Es darf nur eine begrenzte Zahl von Besuchern gleichzeitig in die Räume der Galerie.

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