Die Schau „Catwalk: The Art of the Fashion Show“ erzählt weit mehr als die Geschichte der Modenschau. Warum die Zeitreise des Vitra Design Museums so ungemein spannend ist.
Ideen hatte er, dieser Karl Lagerfeld (1933–2019), aber nicht nur als Modeschöpfer. Der Designer war auch ein Marketing- und Inszenierungsgenie. In der kurzen Geschichte der Modenschau – sie beginnt um 1900 – setzt der Fashion-Zar mit dem weißen Pferdeschwanz und der schwarzen Sonnenbrille neue Maßstäbe.
So verwandelt er 2014/15 in Paris das ehrwürdige Grand Palais, das mit seinen imposanten Glaskuppeln die Weltausstellung von 1900 überspannte, in einen Konsumtempel der besonderen Art: Er lässt die in die neuesten Chanel-Kreationen gehüllten Modells Einkaufswagen durch die Korridore eines nachgebauten Supermarkts schieben. An ihren Armen baumeln Handtaschen in Form von Eierkartons, und die Lebensmittel- und Haushaltwaren-Imitate in den Regalen sind mit dem berühmten Chanel-Logo versehen. „Der Supermarkt ist ein Ausdruck unserer Zeit, die Pop-Art des täglichen Lebens“, so Lagerfeld über seine Inspiration.
Eine Rakete hebt ab bei Chanels „Rocket“-Show
Noch bizarrere Blüten treibt die Inszenierungskunst der Branche bei Chanels „Rocket“-Show drei Jahre später, als das Luxusmodelabel ebenfalls im Grand Palais zu Elton Johns „Rocket Man“ eine 35 Meter hohe Rakete mit der Inschrift „Gabrielle Chanel Agence Spatiale“ in Richtung Glasdach aufsteigen lässt, während darunter die Models defilieren. Die Rakete stoppte, kurz bevor sie das Dach durchbrochen hätte.
Der Hintergrund dieser Spektakel: Großkonzerne wie LVMH und Kering mischen um die Jahrtausendwende das Modebusiness auf und machen Millionen locker, um den Konkurrenzkampf der Edelmarken anzuheizen und die Schauen zu medialen Großereignissen zu pimpen.
Ganz anders agiert in dieser Zeit der Rebell Martin Margiela, wie die Schau „Catwalk: The Art of the Fashion Show“ im Vitra Design Museum in Weil am Rhein erzählt. Der Belgier bricht mit den damaligen gängigen Codes der Schauen und verleiht ihnen subversive Kraft, indem er sie etwa auf Parkdecks oder in verlassene Metrostationen verlagert. Statt um Perfektion geht es ihm um den Prozess und um Disruption, das Mode-Defilee wandelt sich zum performativen Akt. In der Ausstellung künden davon etwa die doch eher unschönen grünlichen Farbspuren auf einem bodenlangen Kleid, die eine Halskette aus gefärbten Eiswürfeln hinterlassen hatte – sie waren während einer Margiela-Schau geschmolzen. Die Kollektion war damals quasi vor den Augen des Publikums entstanden.
Alle Welt schaut hin
„Zwischen Spektakel und Subversion“ lautet eines von vier spannenden Kapiteln, welche die Ausstellung über die Geschichte und Bedeutung der Modenschau aufblättert. Eine Fashionshow dauert nur zehn, vielleicht fünfzehn Minuten, und doch können sich die Luxuslabels von Balenciaga und Dior über Gucci und Prada bis zu Louis Vuitton und Yohji Yamamoto der Aufmerksamkeit der ganzen Welt sicher sein, erst recht natürlich in Zeiten von Social Media.
Modeschauen mit ihren Catwalks – den ins Publikum hineinragenden erhöhten Laufstegen – sind eine perfekt durchchoreografierte Symbiose von Mode, Kunst, Kultur; ein soziales Ritual, das ehernen Gesetzen folgt; sie sind Spektakel von globaler Reichweite, an denen über Monate hinweg gearbeitet wird; Gesamtkunstwerke, in denen neben der Mode eine Vielzahl an Disziplinen zusammenwirken: Architektur, Szenografie, Grafik, Choreografie, Licht, Ton, Make-up. Und so spiegeln die Defilees seit jeher eben nicht nur den der Mode inhärenten Wandel des Geschmacks- und Stilempfindens, sondern sind immer auch komprimierter Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen. Damit erweist sich die von Katharina Krawczyk und Jochen Eisenbrand kuratierte Schau auch als kurzweiliger Parcours durch die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Das Kuratoren-Duo und sein Team hat in aufwendiger Recherchearbeit Unmengen an Filmausschnitten, Fotomaterial, Bühnenobjekten und Requisiten zusammengetragen, wobei etliche Objekte in den vier Räumen überhaupt erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen sind. Aber, Achtung Mode-Aficionados: Die Mode selbst ist nicht das Thema der Ausstellung, und dennoch versammelt das Museum eine erkleckliche Anzahl an spektakulären Kollektionsstücken, die es zu bewundern gilt, etwa Paco Rabannes revolutionären „Mirror Dress“ (1966) aus Metall, Plastik und Papier.
Schon der Blick zurück auf die frühen Anfänge fesselt. Damals führen Designer wie Charles Frederick Worth und Paul Poiret ihre Entwürfe erstmals eben nicht mehr an Puppen vor, sondern kleiden Mannequins damit ein und lassen die Schönheiten in ihren Modeateliers vor den Kundinnen herumspazieren. Schnell werden die Couturiers bei der Wahl des Orts erfindungsreicher und machen Pferderennen und Ozeandampfer zu ihrer Bühne. In den fünfziger und sechziger Jahren löst industriell gefertigte Prêt-à-porter-Mode die elitäre Haute Couture ab, die Schauen schwärmen aus in die Stadt, in Cafés, Brasserien und Boutiquen. Die Sixties befreien vom Korsett der Konventionen – bei der britischen Designerin Mary Quant hüpfen die Models zu Popmusik der Beatgruppe The Hi-Fis über den Laufsteg, rauchen und lutschen am Daumen.
Einfach unwiderstehlich – die Supermodels der Neunziger
Die Neunziger sind die Epoche der Supermodels, die Namen und Gesichter von Naomi Campbell, Cindy Crawford, Linda Evangelista, Claudia Schiffer und Christy Turlington sind Legende. Ein vierminütiger Film nimmt den Betrachter mit hinter die Kulissen von Azzedine Alaïas Herbst/Winterschau 1990/91 und kommt den übermenschlich schönen Frauen ganz nah bei ihren Vorbereitungen. Ihre Aura, ihr Charisma und die Atmosphäre zwischen Anspannung und Lässigkeit sind unwiderstehlich. Dass der Erfindungsreichtum der Modeleute keine Grenzen kennt, dass auch der kleinste Papierschnitzel nicht vor ihrem Gestaltungswillen sicher ist, das macht die Schau ebenfalls deutlich. So sind die Einladungen zu den Fashionshows in Paris, Mailand, New York, Berlin und London mindestens so originell und thematisch passend zur Kollektion gestaltet wie jedes Accessoire. Ein Aspekt, der sich durch die ganze Ausstellung zieht; am Ende des Rundgangs erhalten besonders ausgefallene Einladungen – ein iPhone mit gebrochenem Screen, ein vermeintlich verlorener Geldbeutel samt Inhalt – eine eigene Vitrine.
Heute haben sich Glamour und Glitter verflüchtigt, ein Spektakel aber bleibt die Modenschau dennoch. Inzwischen verhandeln Designer in ihren Shows gesellschaftspolitisch virulente Themen wie etwa Körperideale und sich auflösende Geschlechtergrenzen. Gucci klemmt in der „Cyborgs“-Show“ den Models die Wachsreplik ihres eigenen Kopfes unter den Arm. Bei Balenciaga waten die Mannequins durch Wasser, ein anderes Mal kämpfen sie sich durch einen künstlichen Schneesturm – die Klimakrise ist auf dem Catwalk angekommen. Digitalisierung und Social Media machen die Schauen zu Zwittern, sie sind jetzt virtuell und analog, sie sind exklusiv und erreichen doch die Massen. So oder so: The Show must go on, die Geschichte der Modenschau wird weiter gehen.
Catwalk: The Art of the Fashion Show. Vitra Design Museum, Weil am Rhein. Bis 15. Februar. Geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr. Weitere Informationen unter www.design-museum.de