Braucht Urban Art Haltung? Ja, sagen die beiden Stuttgarter Künstlerinnen Şerife Zor und Céline Jeskulke. Sie stellen diese Woche im Transit/Bergamo aus. Foto: Céline Jeskulke

Faszination Street Art: Wer malt die Straßenbilder? Was steckt hinter den bunten Werken – und wieso haben Frauen es in der Szene so schwer?

Ein Spaziergang durch den Leipziger Stadtteil Connewitz führt vorbei an Häuserzeilen, die mit Graffiti und Streetart übersät sind – ein wildes, urbanes Kunstbild. Wer in Bad Cannstatt mit der U-Bahn zum Wasen fährt und an der Haltestelle Mercedesstraße an der sogenannten „Hall of Fame“ vorbeikommt, wird von der bunten Vielfalt der gesprühten Bilder förmlich überwältigt. Banksy? Den kennen alle. Doch was steckt eigentlich hinter dieser urbanen Kunstform, die uns so fasziniert? Oder anders gefragt: Wer hat nicht schon einmal den Reiz verspürt, eine Wand zu bemalen?

 

Im Rahmen der Hip-Hop- and Art-Ausstellung „Urbane Kunst mit Haltung“ am 28. August im Transit/Bergamo am Hans-im-Glück-Brunnen haben wir Akteurinnen und Akteure der Urban Art gefragt, wie sie auf diese Kunstform blicken: die ausstellenden Künstlerinnen Şerife Zor und Xeas, Graffiti-Artist Jeroo und Streetart-Forscher Ulrich Blanché. Wie viel Haltung steckt heute in urbaner Kunst?

Ulrich Blanché: „Die Frage nach der Haltung in der Urban Art ist eine zeitgenössische“

Ulrich Blanché ist Kunst- und Kulturwissenschaftler an der Universität Heidelberg und forscht seit vielen Jahren zum Thema, unter anderem zu Banksy.

Er sagt, nach außen würden Graffiti und Urban Art oft als dasselbe erscheinen. Doch für die Künstlerinnen und Künstler gäbe es große Unterschiede. Graffiti-Writer betonen immer, dass sie sich von der Street Art und den offiziellen, legalen Murals abgrenzen möchten. Graffiti können politisch oder sozialkritisch sein, müssen es aber nicht. Während das breite Publikum diese verschiedenen Ausdrucksformen oft als einfache Sprühkunst auf der Straße wahrnimmt, sei die Realität um einiges vielschichtiger.

Zwischen Zensur und kreativer Freiheit

„Die Trennung zwischen legaler und illegaler Kunst ist wesentlich“, sagt Blanché. Während diese Unterscheidung für das breite Publikum oft unsichtbar bleibt, sei sie für Kunstschaffende und Kritiker wichtig. Die Grenze verlaufe dann auch zwischen Zensur und kreativer Freiheit.

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Offizielle, genehmigte Urban Art sei häufiger von Selbstzensur geprägt. Im Gegensatz dazu biete illegale Kunst mehr Raum für unkonventionelle Ausdrucksformen, unterliege jedoch auch bestimmten Szenekonventionen. „Die Underground-Art kann dabei oft als weniger ansprechend oder gar trashig wahrgenommen werden“, sagt er. Hastig angebrachte Tags und Schmierereien seien nicht immer ästhetisch, sondern spiegeln häufig Frustration oder gesellschaftliche Gewalt wider. Diese Facetten der Urban Art zeigten dann eine komplexe Beziehung zwischen Kreativität, Identität und dem urbanen Raum.

Gibt es Zeiten, in denen das ein oder andere stärker ausgeprägt ist?

Politische Botschaften in der Urban Art kämen in Wellen, sagt der Wissenschaftler, und spiegeln den jeweiligen Zeitgeist wider. Beispielsweise erlebte nach den 68er-Bewegungen die Kunstszene in den 1980er-Jahren einen Wandel hin zu individualistischen Ansätzen. Künstler begannen, ihre Werke zu signieren. Ab Mitte der 1980er-Jahre konzentrierte sich das Style-Writing dann zunehmend auf den individuellen Ausdruck.

„Die Frage nach der Haltung in der Urban Art ist eine zeitgenössische“, sagt er. Die jüngere Generation fordere heute mehr Engagement und suche dafür nach Ausdrucksmöglichkeiten. „Die Botschaften auf Demos, finden sich oft auch in der Urban Art wieder“, was die Relevanz politischer Inhalte in der aktuellen Kunstszene unterstreiche.

Jeroo: „Urban Art ist sehr demokratisch“

Der Stuttgarter Graffiti-Künstler Christoph Ganter (45), besser bekannt als Jeroo, ist seit 33 Jahren eine feste Größe in der urbanen Kunstszene. Seine Arbeiten, die die Stadt an Orten wie der Hasenbergsteige und der U-Bahnstation Echterdingen zieren, sind nicht nur Kunstwerke, sondern auch Ausdruck seines Engagements. Als Autodidakt hat Jeroo nie eine Kunstschule besucht; er studierte Sport und Englisch auf Lehramt und hat mit seinem Buch „Graffiti School“ ein Standardwerk herausgegeben, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde und als Leitfaden für angehende Graffiti-Künstler dient.

In der Hall of Fame kann man in Bad Cannstatt die Werke von Xeas in Großformat sehen. Foto: Xeas

„Es gibt viele verschiedene Motivationen, warum jemand zur Sprühdose greift“, sagt er. Während einige Künstler eine klare politische Haltung einnehmen, streben andere danach, ihre Viertel zu verschönern oder sich künstlerisch auszudrücken. Diese Diversität verleihe der Urban Art eine lebendige Präsenz im öffentlichen Raum. „Urban Art ist sehr demokratisch und hat die Aufgabe, für alle da zu sein“, ist seine Meinung. Das sehe man etwa, wenn Unterführungen in Bahnhöfen bemalt sind, um den Ort weniger schmuddelig zu machen. Mit Urban Art sieht er eine Möglichkeit, Menschen zu erreichen. Das dürfe dann auch gefällig sein. In Stuttgart gäbe es viele talentierte Malende, doch die Förderung urbaner Kunst komme seiner Meinung nach leider viel zu kurz.

Şerife Zor und Xeas: „Nur fünf Prozent der Urban Artists sind Frauen“

Und worum geht es bei der kommenden Ausstellung im Transit/Bergamo? Şerife Zor (36) und Céline Jeskulke (24, Künstlerinnenname: Xeas) sind seit sie 14 Jahre alt sind in der Szene aktiv. Beide arbeiten heute als Grafikdesignerinnen und Fotografinnen. Zor hatte unter anderem Stationen bei Jung von Matt und der Stuttgarter Kunstakademie. Für beide spielt das Thema Frauen und Urban Art eine wichtige Rolle und ist nun auch Teil ihrer Ausstellung im Transit/Bergamo in der Stuttgarter Innenstadt.

„Für eine Frau ist das gar nicht so schlecht“

„Die Szene sei ziemlich männerdominiert“, sagt Jeskulke. Ihrer Schätzung nach, seien nur fünf Prozent weiblich und wenn man anfängt, mit der Sprühdose zu arbeiten, würde man oft nicht ernst genommen, erzählt sie. Jungs würden sich auch öfter lustig machen. Dann käme auch der Spruch: „Für eine Frau ist das gar nicht so schlecht.“ Als Frau müsse man sich mehr behaupten, wenn man dabei sein will, sagen sie: „Da dachten wir, möchten wir eine Veranstaltung machen, bei der sich sowas ändern kann.“

Jeskulke porträtiert in ihren Arbeiten oft prägende Frauen aus der Hip-Hop-Szene, die sie als Vorbilder sieht und Zor, hat sich der Gruppe „Ladies Dance – women for women“ angenommen sowie auch Keith Haring, der für Offenheit, Anti-Rassismus und gegen Aids-Stigmatisierung steht.

Selbstverwirklichung, Sichtbarkeit und Toleranz

Eine große Arbeit von Xeas mit dem Titel „Selbstverteidigung“ ist zum Beispiel in der „Hall of Fame“ in Bad Cannstatt zu sehen. Wer will, kann die beiden dort auch mal beim Live-Malen antreffen. Mehr Sichtbarkeit ihrer Kunst wünschen auch sie sich. Und Haltung in der Urban Art bedeutet für sie: Selbstverwirklichung, Sichtbarkeit und Toleranz.

Hip-Hop & Art – Urbane Kunst mit Haltung, Transit/Bergamo, Geißstr. 5, Vernissage: 28.8. ab 18 Uhr