Unter dem Mott „Ortswechsel“ zeigt das Schauwerk Sindelfingen derzeit eine sehenswerte Fotoausstellung. Das Museum zeigt eine Auswahl von 250 herausragenden Arbeiten aus der Sammlung der Modernen Galerie Saarbrücken.
Sindelfingen - Das Wort „Photographieren“ stammt ursprünglich aus dem Griechischen. Photós heißt „Licht“ und Graphein steht für „Schreiben“, „Malen“ und „Zeichnen“. Seit es die Fotografie gibt, wird die Frage diskutiert, ob es wirklich eine der vollklassischen Kunstgattung ist.
Die älteste erhaltene Fotografie entstand allerdings nicht mit einem Fotoapparat, sondern man kann sie durchaus als Zeichnen mit Licht definieren. Es ist Joseph Nicéphore Niépces „Blick aus dem Arbeitszimmer“, 20 mal 25 Zentimeter, auf ölbehandeltem Asphalt. Durch die achtstündige Belichtungszeit erscheinen die abgebildeten Gebäude sonnenbestrahlt. Es entstand 1825 und sieht aus wie ein unscharfes Gemälde.
Faszinierender Überblick über die Geschichte der Fotografie
Einen faszinierenden Überblick über die fast 200 Jahre alte Geschichte dieser darstellenden Ästhetikvariante bietet die aktuelle „Ortswechsel“-Ausstellung im Schauwerk. Man sollte sie sich nicht entgehen lassen, es sei denn, man möchte einen Ausflug nach Saarbrücken machen. Die Moderne Galerie Saarbrücken verfügt über eine herausragende Sammlung von Fotoarbeiten, von denen 250 in Sindelfingen gezeigt werden.
Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg war die saarländische Hauptstadt, die ja erst 1957 wieder zur BRD wechselte, ein Hotspot künstlerischer Fotografie. Der Ruf der Fotoklasse der Hochschule zog auch etliche französische Künstler an, die sich mit Fotografie beschäftigen wollten und in Paris nicht ihre Vorstellung verwirklichen konnten.
Arbeiten der avantgardistischen Fotoform-Gruppe
In Saarbrücken war 1949 die avantgardistische Gruppe Fotoform gegründet worden, zu der überragende Fotografen gehörten, unter ihnen auch der Baden-Württemberger Siegfried Lauterwasser. Er machte sich auch einen Namen als Opern- und Theaterfotograf sowie als Schöpfer von 350 Fotos für Schallplatten- und CD-Hüllen.
Ein kleines Juwel sind – auch kulturhistorisch – die Fotografien des Amerikaners Arnold Newman, dem es gelang, einige der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts in Fotoporträts festzuhalten: darunter Igor Strawinsky, Marc Chagall, Georges Braque, Man Ray oder Piet Mondrian.
Subtiles Spiel mit Linien, Licht und Schatten
Zu den frühen Künstlern der Sammlung zählt Albert Renger-Patzsch, dessen Werke stilistisch der Neuen Sachlichkeit verbunden sind und einer feinsinnigen, kühlen Ausdruckswelt den Vorzug geben. Wie die meisten Exponate sind sie in Schwarz-weiß gehalten und überzeugen durch das subtile Spiel mit Linien, Licht und Schatten. Zu den Ikonen der Fotografie des 20. Jahrhunderts zählt natürlich auch Henri Cartier-Bresson, der zusammen mit Robert Capa und anderen die berühmte Agentur Magnum gründete. Cartier-Bresson gilt als Vorreiter der Straßenfotografie. Images à la sauvette – schnelle Bilder im Vorübergehen. Unbedingt sehenswert die Fotografie von Alberto Giacometti, der eine Straße überquert.
Einen ganz eigenen Akzent setzt auch der gebürtige Ungar Laszlo Moholy-Nagy, der einige Jahre am Bauhaus arbeitete, und dessen Werke dem Konstruktivismus zuzuordnen sind. Seine Motive sind häufig komponierte Stillleben. Moholy-Nagy machte sich auch einen Namen als Grafikdesigner im Bereich der Werbung.
Manche Fotografien wirken wie abstrakte Bilder
Einen besonderen Schwerpunkt bildet die Gruppe Fotoform rund um ihren künstlerischen Kopf Otto Steinert, die mit herausragenden Arbeiten vertreten ist. Unter dem Schlagwort Subjektive Fotografie war man bemüht, alles Dokumentarische aus der fotografischen Kunst zu verbannen. Manche seiner Fotoarbeiten wirken wie reduzierte, abstrakte Bilder, wenn etwa parallel verlaufende Drähte luftige Leichtigkeit andeuten.
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Da Teile des Saarlands durch Kohle- und Stahlproduktion geprägt waren, liegt es nahe, dass optische Strukturen von Industrieanlagen zu den Motiven gehören. Ein Kontrast dazu bedeuten die Veduten von durch den zweiten Weltkrieg zerstörter Städte. Einen ganz eigenen Akzent setzte Steinert mit den foto-optisch verfremdeten Bäume vor seinem Fenster, die durch Spiel mit der Belichtungszeit fast wie ein impressionistisches Gemälde wirken.
Prägende Figur: Otto Steinert
Ausdrucksstark sind Steinerts Porträtfotografien von Schauspielerinnen, ebenso die äußerst strenge, aber doch auch unregelmäßige Struktur eines Schwarzwalddaches. In Paris entstand ein fantasievolles Luminogramm, indem er mit einer Lampe Linien und andere abstrakte Figuren durch die Luft schwenkte, deren Leuchtspuren in der Fotografie ins Schwarze verändert worden. 1950 organisierte Steinert die erste Fotokino-Ausstellung in Köln, die später als Photokina Bedeutung erlangte. Seit 1979 wird der Otto-Steinert-Preis von der Deutschen Gesellschaft für Photographie verliehen.
Faszinierende Überblicksschau
Der Gang durch die reichhaltige Schau vermittelt eine faszinierende Tour d’Horizon durch wichtige Kapitel der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags 15 bis 19 Uhr, samstags, sonntags 11 bis 17 Uhr, Sonderführungen auf Anfrage.