Einst war die Textilindustrie ein Schrittmacher der Industrialisierung in Esslingen. Namhafte Unternehmen hatten hier ihren Sitz. Eine Ausstellung im Stadtmuseum blickt zurück in die Historie und zeigt den Wert des Textilen.
Aktuell zählt die baden-württembergische Textilindustrie rund 200 Betriebe. Das ist eine stattliche Zahl, doch kein Vergleich mit früheren Zeiten. Textilunternehmen haben lange Zeit die Wirtschaft im Ländle geprägt. Vieles lässt sich über die ruhmreiche Vergangenheit der Textilindustrie in Esslingen und anderswo in Württemberg erzählen, zahlreiche Geschichten ranken sich um Firmen, deren Namen heute oft nur noch Erinnerung sind. Museen in Sindelfingen, Mössingen, Albstadt, Reutlingen, Heubach und Esslingen wollen in einer Wanderausstellung Schätze aus ihrem jeweiligen Fundus zeigen, die die Geschichte der südwestdeutschen Textilindustrie lebendig werden lassen. Und nach dem Besuch der Ausstellung „Garne. Stoffe. Waren. Vom Wert des Textilen“, die das Esslinger Stadtmuseum bis 2. Juni 2024 zeigt, bleibt der Eindruck, dass man in früheren Zeiten längst nicht so inflationär von Nachhaltigkeit gesprochen, dafür jedoch viel nachhaltiger gelebt hat.
Prägende Branche
Die Textilindustrie prägte lange Zeit Esslingens Industrialisierung. 1812 nahm die erste Baumwollspinnerei den Betrieb auf. 1830 gründeten Johannes Merkle, Conrad Wolf und Ludwig Kienlin eine Tuchfabrik, die Kamm- und Strickgarne herstellte. Und die Württembergische Baumwollspinnerei und -weberei, die 1856 mit 450 Beschäftigten auf dem Brühl ihren Betrieb aufnahm, sollte sich zum größten Textilbetrieb im Königreich Württemberg entwickeln. Manche Unternehmen wie die Tuchfabrik der Gebrüder Hardtmann verschwanden. Andere wie Merkel & Kienlin mit ihrer Esslinger Wolle, deren prägnantes gelb-rotes Wollweibchen-Signet zum weithin geschätzten Markenzeichen wurde, blieben unvergessen. „Wie an anderen Orten ist auch die Geschichte der Esslinger Textilindustrie geprägt von einer raschen Internationalisierung der Rohstoffmärkte“, heißt es in der Ausstellung über die Anfänge im 19. Jahrhundert. „Wurden anfangs noch regional erzeugte Rohstoffe verarbeitet, kaufte man um die Jahrhundertmitte die Wolle bereits aus dem europäischen Ausland. Um 1900 war der Markt globalisiert: Die Wolle wurde überwiegend aus Australien und Südamerika bezogen.“
Wer den Wert des Textilen in einer Ausstellung vermitteln möchte, sollte anschaulich dokumentieren, was es heißt, Wolle, Garne und Stoffe herzustellen. Genau das zeigt das Esslinger Stadtmuseum. Da erfährt der Besucher etwa, welche unterschiedlichen Fasertypen verarbeitet werden, wie aus Fasern ein Faden wird, was eine Flügel- von einer Ringspinnmaschine unterscheidet, wie man durch spezielle Spinnverfahren Farb-, Struktur- und Glanzeffekte erzielt und wie aus einem Faserstrang ein Knäuel entsteht. Und dass moderne synthetische Endlosfasern gar nicht mehr gesponnen werden.
Von der Faser zum Verbraucher
Als Beispiel für technischen Fortschritt und modernes Marketing dient die Einführung der sogenannten Trockenwolle, mit der die Kammgarnspinnerei Merkel & Kienlin in den 1930er Jahren auf sich aufmerksam machte – nicht zuletzt dank der Empfehlungen damaliger Promis wie der Sportfliegerin Elly Beinhorn oder der Kletter-Legende Luis Trenker („Der Berg ruft!“). Die Ausstellungsmacherinnen und -macher zeigen die einzelnen Stationen der textilen Kette von der Faser bis zum Verbraucher. Sie präsentieren das Modell eines Webstuhls aus dem 19. Jahrhundert, der einst zur Ausbildung von Weberinnen und Webern genutzt wurde, und sie erläutern verschiedene Techniken, mit denen aus Fäden und Garnen textile Flächen entstehen.
Besonders interessant wird die Ausstellung im Stadtmuseum immer dann, wenn die Esslinger Textilindustrie in den Fokus rückt. Da findet sich etwa eine Musterkarte der früher in Esslingen ansässigen Filzwarenfabrik Bernhard Voigt, deren Bohnerfilze Hausfrauen in unterschiedlichsten Farben beim Hausputz zu schätzen wussten. Gleich nebenan gibt die Ausstellung Einblick in die serielle Bekleidungsherstellung abseits der aufwendigeren Maßschneiderei. Und natürlich in Techniken wie Stricken, Sticken oder Nähen, die früher in vielen Familien intensiv gepflegt und von Herstellern wie denen der „Esslinger Wolle“ durch Musterhefte und Handarbeitskarten intensiv begleitet wurden.
Der Fluss färbt sich rot
Die Ausstellung beschränkt sich nicht nur auf historische Reminiszenzen. So zeigt eine Fotografie, wie Färberei-Abwasser einen Fluss in Bangladesch rot und violett färbt. Ältere Zeitgenossen erinnern sich, dass man solche Umweltsünden einst auch im Neckartal beobachten musste. Im Handel hat sich ebenfalls viel verändert: Kleiderbügel und Einkaufstüten von Esslinger Geschäften wie Röhner, Roschmann, Zimmermann oder Mehl dokumentieren den Wandel der Branche, der sich in einer globalisierten Welt weiter beschleunigt hat: So hat sich der Textilkonsum seit dem Jahr 2000 mit 100 Milliarden weltweit neu produzierten Kleidungsstücken mehr als verdoppelt – Tendenz steigend. Die Kehrseite: Allein in Deutschland wird jährlich gut eine Million Tonnen Textilien entsorgt. Die viel beschworene Nachhaltigkeit sieht anders aus.