Margarete Schütte -Lihotzky, „die erste Frankfurter Architektin auf dem Hochbauamt“ – nach Ansicht zeitgenössischer Kritiker gut genug für Küchenentwürfe Foto: DAM

Erstmals widmet das Deutsche Architekturmuseum den Architektinnen eine eigene thematische Schau. Viele Frauen sind heute in dem Beruf erfolgreich, um Anerkennung ringen sie aber immer noch.

Frankfurt am Main - Warum hätte es Frauen ausgerechnet in diesem Beruf besser ergehen sollen als ihren Geschlechtsgenossinnen in anderen Bereichen? Ob Wissenschaftlerin, Künstlerin, Ärztin, Juristin, Unternehmerin, Politikerin oder eben Architektin – von „männlichen“ Professionen waren Frauen bis ins 20. Jahrhundert, als sie erstmals an den Universitäten zugelassen wurden, generell aus­geschlossen. Auch die Begründungen, mit denen sich die Herren Männer die weib­liche Konkurrenz vom Hals hielten und halten, gleichen sich: Frauen haben es einfach nicht so drauf, lautet eine noch immer verbreitete Behauptung, jüngst vorgebracht unter anderem von einem pol­nischen EU-Politiker zur Rechtfertigung der geschlechtsspezifischen Verdienst-Schere (worauf – der Wahrheit die Ehre – der EU-Parlamentspräsident eine empfindliche Geldstrafe gegen den Abgeord­neten verhängte).

In den architekturgeschichtlichen Annalen liest sich das zum Beispiel so: „Die Frau als Künstlerin“, eine der ersten Anthologien über weibliches Kunstschaffen, 1928 veröffentlicht von dem Kunst­historiker Hans Hildebrandt, pries zwar Architektinnen wie Margarete Schütte-Lihotzky oder Lilly Reich. Wie vergiftet dieses Lob in Wirklichkeit war, drückt sich in der Ansicht des Autors aus, dass Frauen am besten auf Gebieten abschnitten, die dem „primitiven“ femininen Naturell am ehe­sten entgegenkämen. Schütte-Lihotzy also, weil sie effizientere Küchen entwickelte, Reich, weil sie in der Zusammenarbeit mit Ludwig Mies van der Rohe ihren Platz „hinter der Kulissen“ akzeptierte. Alles in allem, befand Hildebrandt, hielten Architektinnen dem Vergleich mit den Männern aber nicht stand, so dass man sie letztlich als unproduktiv bezeichnen müsse.

An den Fakultäten sind die Frauen in der Mehrheit

Doch gemach! Kaum hundert Jahre nachdem sich die Pionierinnen des Fachs an den Hochschulen einschrieben, widmet das Deutsche Architekturmuseumden Frauen im Architekturberuf nun erstmals eine thematische Ausstellung. Zugleich muss man sich am Schaumainkai schuldbewusst an die eigene Nase fassen: Von den rund hundert monografischen Schauen, die seit dem Gründungsjahr 1984 einzelnen Vertretern des Fachs galten, zeigten ganze vier – in Worten: VIER – das Werk von Architektinnen. Nicht viel besser sieht die Bilanz in der Praxis aus. Heute stellen Studentinnen zwar die Mehrheit an den Architekturfakul­täten, aber längst nicht alle kommen im Beruf an. Ungefähr zwanzig Prozent beträgt die Verlustquote, und von denen, die bleiben, boxen sich die wenigsten ganz nach vorn. Auf dem Olymp ist Architektur auch heute noch „Männersache“, resümieren die Kuratoren Mary Pepchinski, Christina Budde und Wolfgang Voigt im Vorwort des Katalogs.

Ihre Ausstellung „Frau Architekt“ blättert 22 exemplarische Lebensläufe auf, von Therese Mogger (1875–1956) über die Bauhaus-Architektin Wera Meyer-Waldeck (1906–1964) und Grit Bauer-Revellio (1924–2013), die in Stuttgart das Wohn- und Atelierhaus des Künstlerinnenvereins Gedok baute, bis zu Gesine Weinmiller (geboren 1963), Planerin wichtiger Bauten wie des Bundesarbeitsgerichts in Erfurt. Wie viel Mut es anfangs brauchte, sich über Konventionen und Rollenmuster hinwegzusetzen, lässt Moggers Geschichte er­ahnen. Um 1900 ließ sie sich scheiden, gab ihre drei Söhne in ein Internat und begann als eine der ersten Frauen ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule in München. Später eröffnete sie ihr eigenes Büro in Düsseldorf. Um ins Geschäft zu kommen, war sie zeitweise Architektin und Bauherrin in Personalunion, plante also in eigener Mission Miets- und Einfamilienhäuser, um diese dann zu vermarkten, aber auch um potenziellen Auftraggebern zu demonstrieren, dass sie ihr Metier beherrschte. Almut Grüntuch-Ernst (geboren 1966), die Jüngste in dieser Auswahl, führt mit ihrem Mann Armand Grüntuch ein erfolgreiches Büro in Berlin, ist Professorin in Braunschweig und fünffache Mutter. Ein für die Situation von Frauen in diesem Beruf sehr sprechendes Foto zeigt sie in einer Arbeitssitzung – mit Baby auf dem Arm. Auf einer anderen höchst bezeichnenden Aufnahme ist Hans Poelzig 1929 im Kreis von Mitarbeitern und Handwerkern beim Richtfest für das eigene Wohnhaus zu sehen. Frohgemut sitzt die Männerrunde um einen Tisch voller Bierflaschen, in den Händen Zigarren. Von links ragt ein offensichtlich weiblicher Arm ins Bild. So wurde das Foto im Nachhinein veröffentlicht. Zu wem der Arm gehört, verrät das unbeschnittene Bild in der Ausstellung: zu Marlene Poelzig, der Ehefrau des Architekten, von der der Entwurf für das Wohnhaus der Familie in Wahrheit stammte.

Der Unterschied liegt in den Biografien und Stilen

Eine speziell „weibliche Handschrift“ verraten die Bauten der vorgestellten Architektinnen nicht. Der Unterschied liegt in den Biografien und den Stilen. Aber so wenig wie in der Architektur Mann gleich Mann ist, gleichen sich die weiblichen Lebensläufe und ästhetischen Auffassungen. Man begegnet Architektinnen wie Lucy Hillebrand (1906–1997), Tochter aus jüdisch-katholischem Elternhaus, die in Göttingen ihr eigenes Büro hatte und in ihrem Bauen auf gesellschaftliche Auf­gaben der Zeit reagierte. Ihr Werk umfasst Einrichtungen für Kinder und Jugend­liche, eine Kirche für Flüchtlinge, Schulen und Studentenwohnheime. Den Gegenpol zu dieser sozial engagierten Architektin verkörpert Sigrid Kressmann-Zschach (1929–1990), erfolgreiche Architektin, Unternehmerin und mondäne Society-Hummel mit 300-Mitarbeiter-Büro im West-Berlin der Sechziger und Siebziger, die mit ihrem Millionenprojekt Steglitzer Kreisel eine krachende Pleite hinlegte.

Ihrem Aufstieg entsprach auf realsozialistischer Seite die Karriere von Iris Dullin-Grund (geboren 1933), die es als (skandalfreie) Stadtarchitektin von Neubrandenburg zur Spitzenposition in diesem Beruf und zu einiger Prominenz auch in der Bundesrepublik brachte. Gerdy Troost (1904–2003), Ehefrau des NS-Architekten Paul Ludwig Troost und zeitlebens glühende „Nazisse“, entwarf die Inneneinrichtung für Hitlers Berghof und übernahm nach dem Tod ihres Mannes die Fertigstellung zahlreicher Münchner Bauten der NSDAP, darunter das Haus der Kunst.

Und heute? Steht noch längst nicht alles zum Besten, wie der Blick auf die Statistik beweist. Auch heute noch kann es einer Architektin passieren, dass sie als Wett­bewerbssiegerin nicht zum Zug kommt, weil der Bauherr ihr ein Millionenprojekt nicht zutraut. „The idea that women can’t think three-dimensionally is ridiculous“, hat Zaha Hadideinmal zu diesem Vorurteil bemerkt – lächerlich, dass Frauen angeblich nicht dreidimensional denken können. Sie, die einzige Frau in der internationalen Starriege, kommt in der auf deutsche Architektinnen beschränkten Ausstellung nicht vor, wird aber in einem Katalog­beitrag gewürdigt. Von ihr, die – wie man glauben könnte – keinen Grund zu klagen hätte, stammt aber auch der Satz: „Architektur ist ein sehr männliches Gewerbe. Die meisten Bauherren sind Männer, und die meisten von ihnen haben Schwierigkeiten damit, dass ich eine Frau bin.“

Bis 8. März: Di–So 11 –18, Mi bis 20 Uhr. Der ­Katalog (Wasmuth Verlag) kostet 39 Euro.

„Women in Architecture“ heißt eine Vortragsreihe an der Universität Tübingen im Winter­semester 2017/18. Noch ausstehende Termine: 16. Januar: Dorte Mandrup, Kopenhagen; 30. Januar: Nili Portugali, Tel Aviv; 6. Februar: Far­shid Moussavi, London. Beginn jeweils 20 Uhr, Kupferbau, Hörsaal 22.

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