Peer Steinbrück als Besucher der „Eternauta“-Ausstellung Foto:  

Im Literaturhaus Stuttgart ist die Ausstellung „Mythos Eternauta“ eröffnet worden. Erstmals ist diese argentinische Graphic Novel ins Deutsche übersetzt worden, die dort ein Symbol der nationalen Geschichte ist. Der SPD-Politiker Peer Steinbrück war zur Eröffnung der Ausstellung anwesend.

Stuttgart – Der Held im Taucheranzug, der das Foyer des Literaturhauses überschaut, ist mehr als nur eine Comicfigur. Er heißt Juan Salvo, er kommt aus der Zukunft, er reiste durch alle Zeitalter auf der Suche nach seiner Familie, und er materialisierte sich auf einem Stuhl im Zimmer eines Comiczeichners, dem er seine Geschichte erzählte.

Die Zukunft, das war im Jahre 1957, als der Comicroman „Eternauta“ erstmals in Fortsetzungen erschien, das Jahr 1963 – leise fiel damals der Schnee, wie jetzt in Stuttgart zur Eröffnung der „Eternauta“-Ausstellung im Literaturhaus. Aber der argentinische Schnee des Jahres 1963 war tödlich, war das Vehikel einer außerirdischen Invasion. Viele Menschen starben, sobald sie diesen Schnee berührten, nur eine kleine Gruppe Bürger, die sich in Taucheranzüge kleidete, überlebte und bekämpfte die Bedrohung.

Comic als nationales Symbol

Auch Héctor Germán Osterheld, der Erfinder von „Eternauta“, starb 20 Jahre nachdem seine Comicserie erstmals erschien, entführt und ermordet durch die argentinische Militärjunta. Seine Familie, seine vier Töchter, die im Untergrund gegen die Junta kämpften, wurden ebenfalls ermordet. Auf grauenhafte Weise glich Oesterhelds Schicksal dem seines Helden – und sein leiser, tödlicher Schnee wurde zur Metapher, eine Comicerzählung, konzipiert für die Zwölfjährigen, zum nationalen Symbol.

Zu jenen, die „Eternauta“ in diesem Alter lasen, gehört José Antionio Muñoz, 1942 in Buenos Aires geboren und heute selbst ein preisgekrönter Comiczeichner. „Als kleiner Junge“, erzählt Muñoz, „habe ich mich von dem Comic unterhalten gefühlt.“ Erst viel später gewannen Oesterhelds Geschichten für ihn eine tiefere, prophetische Bedeutung: „Der Zeichner Solano López hat unsere Stadt damals wunderbar umgesetzt. Er hat die Seele unserer Stadt gezeichnet – das waren meine Straßen, und in ihnen war der Tod.“

Der Tod kam 1976 in diese Straßen. Während der Herrschaft der argentinischen Militärjunta verschwanden etwa 30 000 Menschen – Oppositionelle, Studenten. Die Deutsche Elisabeth Käsemann gehörte zu ihnen – an sie erinnert während der „Eternauta“-Ausstellung im Literaturhaus ein Film der Elisabeth-Käsemann Stiftung.

Der künstlerische Anspruch

Héctor Germán Oesterheld nahm mit seiner großen Comicerzählung die Entwicklung des Genres hin zu ernsteren Stoffen, zum künstlerischen Anspruch, zur heutigen Graphic Novel weit vorweg – und die Zeitgeschichte ließ aus „Eternauta“ retrospektiv ein Werk von politischem Gewicht werden. Peer Steinbrück, Bundesfinanzminister von 2005 bis 2009, SPD-Kanzlerkandidat 2013, ist auch ein Comicfan, ein Sammler. Héctor Germán Oesterheld war Steinbrück ein Begriff, obwohl „Eternauta“ bislang nicht ins Deutsche übertragen worden war – Oesterhelds Comic „Mort Cinder“ der ähnlichen Erzählstrukturen folgt, erscheint schon seit Jahrzehnten auf deutsch im Carlsen-Verlag. Als Kind begeisterte sich Steinbrück für den alterslosen Prinz Eisenherz mit dem Pagenschnitt und seine ebenfalls nicht alternde Gattin Altea – „Ich fand das faszinierend“, so Steinbrück. Auch Jacques Tardi und Enki Bilal sind ihm selbstverständlich ein Begriff. Anlässlich der Stuttgarter Ausstellung zu „Eternauta“ spricht Steinbrück jedoch nicht nur von der Faszination der Bildergeschichten, sondern auch von Politik. „Es ist Zeit, zuzugeben, dass die Rolle der Bundesrepublik damals ziemlich beschämend war“, meint er mit Blick auf die Jahre der argentinischen Militärjunta.

Wohlwollendes Vernachlässigen

Im Gegensatz zu Frankreich oder Großbritannien setzten sich Deutschland und die USA nicht nachdrücklich ein, für eigene Staatsbürger, die in Argentinien der Verfolgung durch die Junta ausgesetzt waren. Steinbrück spricht von einem „wohlwollenden Vernachlässigen“ solcher Interessen durch Helmut Schmidt und Henry Kissinger, auch von wirtschaftlichen Interessen. So fand 1978 in Argentinien die Fußballweltmeisterschaft statt – „durch diplomatischen Druck hätte man das Leid derer zumindest mindern können.“

Der Eternauta, jener Mann im Taucheranzug, der die Besucher des Literaturhauses nun anblickt, versichert Muñoz, ist in Argentinien unvergessen. Dass man ihn nun auch auf Deutsch lesen kann, ist ein Verdienst des Stuttgarter Literaturhauses: Stephanie Hofmann, Mitarbeiterin des Hauses, las vor wenig mehr als einem Jahr einen Artikel im Wochenmagazin „Die Zeit“, in dem die Journalistin Anna Kemper über das Schicksal der Witwe Oesterhelds berichtete. Anna Kemper ist nun Kuratorin der Stuttgarter Eternauta-Ausstellung und sitzt neben Muñoz, Steinbrück und Johann Ulrich, der in seinem Avant-Verlag in Jahresfrist die erste deutsche Ausgabe des Werkes veröffentlichte, auf dem Podium.

Kein erotischer Roman

Um sie an den Wänden des Literaturhauses sind große Tafeln, die Ausschnitte aus Oesterhelds Erzählungen mit den präzisen dramatischen Zeichnungen zeigen. Der portugiesische Sänger Fernando Dias Costa und der argentinische Gitarrist Anibal Civilotti tragen Lieder vor, die von Lateinamerika erzählen, vom Fluss Rio de la Plata, in den die Opfer geworfen wurden.

Und Steinbrück spielt mit dem Gedanken, Szenarist zu werden: „Eigentlich wollte ich einen erotischen Roman schreiben. Aber eine Graphic Novel, die von der deutschen Politik zu Zeiten der Finanzkrise erzählt, das ist doch auch keine schlechte Idee.“ Muñoz gibt ihm dazu einen guten Rat: Auch der Politik bekommt die Erotik gut.

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