Reine Geschmackssache: die Ausstellung in Basel Foto: Museum Tinguely, Basel © Daniel Spehr, Basel

In Basel kann man jetzt Kunst essen. Wie schmeckt sie? Ist der Augen- zugleich ein Zungenschmaus?

Basel - Kunstwerke soll man nicht be­rühren. Das weiß jedes Kind, ­sicherheitshalber weisen Schildchen den Museumsbesucher manchmal dezent darauf hin. Heute jedoch verleibt man sich – mitten im Museum! – ein Kunstwerk ein: buchstäblich und ungehindert. Genüsslich legt man es sich auf die Zunge, lässt es seinen Geschmack entfalten – und spürt, während es die Speiseröhre hinunter gleitet, den Aromen nach. Niemand schreitet ein. Der Museumswärter tut so, als habe er nichts gesehen. Und die Umstehenden sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Denn auch sie konsumieren Kunst.

Nouvelle Cuisine der verschärften Art

Wir sind im Tinguely-Museum in Basel, wo Marisa Benjamin Häppchen zubereitet hat. Häppchen ist eigentlich zu viel gesagt, so klein sind die je zwei vegetarischen Stückchen, die sie für Besucher auf Probierteller gelegt hat: geradezu winzig, man möchte von Nouvelle Cuisine der verschärften Art sprechen. Auf dem Teller hat Marisa Benjamin an einem orangefarbenen Fruchtstückchen und einer dunklen Beere Blütenblätter von zierlich kleinen Blumen appliziert. Das Kunstwerk, auch ein Augenschmaus, schmeckt: ein bisschen fruchtig, ein wenig blumig, und es entfaltet im Abgang eine leicht erdige Note.

A glimpse into the exhibition Amuse-bouche, Annja Müller-Alsbach from Museum Tinguely on Vimeo.

Nicht schlecht für den Anfang. Denn in der Ausstellung „Amuse-Bouche“ gibt es noch mehr zu sehen beziehungsweise zu schmecken. An verschiedenen Stationen des Parcours wird die Ausstellung zur Degustation. So kredenzt das Museum dem Besucher, wenn er eine „interaktive Führung“ in der Gruppe gebucht hat, Schokolade und Eiskonfekt, Sauerkrautsaft oder ein speziell gebrautes Bier. Der „gewöhnliche“ Museumsgast geht in Basel gustatorisch weitgehend leer aus. Nur am Zuckerrohrschnaps des brasilianischen Künstlerkollektivs Opavivará darf er nippen – ein Moment der Überwindung: Mit boshafter Pointe sprudelt die Spirituose in einem Bidet, Plastikbecher stehen bereit, um den Rachenputzer aufzufangen. Am Ende des Rundgangs darf sich jeder Besucher noch an einer Pyramide aus Orangen bedienen und eine Südfrucht mit nach Hause nehmen.

Ein Aha-Erlebnis bleibt aus

Wie ist es nun, Kunst mit der Zunge zu genießen? Welchen Geschmack hat sie? Kurz gesagt: einen ganz unterschiedlichen, aber um ehrlich zu sein, hat sich die Sensation rasch abgenutzt. Ein Aha-Erlebnis des vollkommen Neuen, anderen jedenfalls bleibt aus. Kunst schmeckt dann irgendwie doch so, wie man es schon kannte: der Zuckerrohrschnaps leicht süßlich, Elizabeth Willings Lebkuchen an der Wand (knusper, knusper, Knäuschen . . .) wie ein gewöhnlicher Lebkuchen. Das farblose Pflanzen- und Früchtedestillat von Claudia Vogels „Tastescape“ erfreut mit einer duftig-frischen Note, ohne gleich unsere Geschmacksnerven in Aufruhr zu versetzen.

Dennoch ist „Amuse-Bouche“ eine sehens- und erschmeckenswerte Ausstellung. Die Schau ist Teil einer Serie über die fünf menschlichen Sinne. Schon 2015 und 2016 fanden im Tinguely-Museum Präsentationen zum Geruchssinn („Belle haleine“) und Tastsinn („Prière de toucher“) statt. Dass auch der Geschmackssinn eine gewisse Relevanz für die Kunst hat, ist Folge der kontinuierlichen Grenzüberschreitung, wie sie die Kunst seit der Moderne praktiziert. Im interaktiven Kunstwerk etwa dehnte sie sich auf den Tastsinn aus, als Soundkunst auf den Bereich des Akustischen.

Barocke Früchtestillleben dürfen nicht fehlen

Nicht erst Roger Bürgel zielte mit seiner Einladung des katalanischen Molekularkochs Ferran Adrià zur Documenta 12 im Jahre 2007 auf den Geschmackssinn. Schon in den sechziger Jahren wurde Kunst kulinarisch: in Daniel Spoerris Eat-Art-Aktionen. Die werden in Basel dokumentiert, und auch mit seinen Fallenbildern ist der Schweizer vertreten. Selbstverständlich fehlt in der Schau nicht ein barockes Früchtestillleben. Der Anblick von Jan Davidsz de Heem Gemälde mit seinen kulinarischen Köstlichkeiten lässt einem buchstäblich das Wasser im Munde zusammenlaufen. Dagegen gammelt direkt neben seinem „Großen Schimmelbild“ von 1969 Dieter Roths „Literaturwurst“ vor sich hin.

Beim Passieren von Urs Fischers Installation „Noisette“ (2007) schnellt beim Vorübergehen aus einem Loch in der Wand lasziv das Emblem und Organ des Geschmackssinns: die Zunge. Die war für die Schweizerin Janine Antoni das Werkzeug, mit dem sie ihr Selbstbildnis aus Schokolade („Lick and Lather“, 1993) modellierte. Joseph Beuys’ „Ich kenne kein Weekend“ wiederum versöhnt das profan leibliche Bedürfnis mit dem hehren Geist, wenn einer Reclam-Ausgabe der „Kritik der reinen Vernunft“ eine Maggi-Flasche zur Seite gestellt ist.

Heute steht die Kochkunst in voller Blüte und – um im Bilde zu bleiben – nicht nur im Bratensaft. So verhandelt der in Berlin lebende Nigerianer Emeka Ogboh mit seinem von ihm selbst gebrauten Strout-Bier Themen wie kulturelle Herkunft und soziale Identität.

Und für den April war in der Jungen Kunsthalle Karlsruhe die Ausstellung „Iss mich!“ geplant – ehe uns allen das Coronavirus auf den Magen schlug. Verschoben ist nicht aufgehoben, 2021 sollen schon die kleinen Kunstgenießer auf den Geschmack gebracht werden.

Jean Tinguely, das Museum und die Ausstellung

Künstler Jean Tinguely, geboren 1925 in Fribourg, gestorben 1991 in Bern, war ein Schweizer Maler und Bildhauer und der Richtung des Nouveau Réalisme zuzuordnen. Besonders bekannt wurde er durch seine überdimensionalen, beweglichen Metallskulpturen und Plastiken. Der mehrfache Documenta-Teilnehmer Tinguely erhielt 1976 den Wilhelm-Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg und 1980 den Kunstpreis der Stadt Basel. Im Jahr 1990 fand in Moskau eine Tinguely-Ausstellung in der Tretjakow-Galerie statt.

Kunsthaus Das Museum Tinguely zeigt in seiner Dauerausstellung das Leben und die Werke des Künstlers sowie Wechselausstellungen. Das Haus wurde von dem Tessiner Architekten Mario Botta erbaut und im Jahr 1996 eröffnet.

Ausstellung Im Museum Tinguely, Paul Sacher-Anlage 1 in der deutsch-schweizerischen Grenzstadt Basel, ist die Schau jetzt vorerst bis zum 26. Juli verlängert worden und dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr für das Publikum zugänglich.

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