Pendler gehen über einen Bahnsteig des Bahnhofs Saint Lazare in Paris. Wegen des Streiks kam es zu vielen Zugausfällen. Foto: AP

Eisenbahner, Lotsen und Beamte legen Frankreich lahm. Der Widerstand gegen Präsident Emmanuel Macron wächst.

Paris - Noch ist Hoffnung. Jacqueline wartet im Bahnhof Montparnasse geduldig auf den Zug. Mit ihrem Verein „Lourdes-Krebs-Hoffnung“ wollte die rüstige Rentnerin einen Ausflug nach Chartres unternehmen, um die weltberühmte Kathedrale zu besichtigen. Alles war seit Monaten geplant – nur der Zug fehlt seit einer Stunde. In dem Pariser Bahnhof, in dem die TGV-Züge aus der Bretagne und täglich Zehntausende von Vorstadtpendlern ankommen, herrscht auf einmal angenehme Ruhe

Zahlreich in dem riesigen Bahnhofgebäude sind die Rotwesten der Bahnauskunft. „Rot“ nicht im politischen Sinn: Dalila beteiligt sich nicht am Streik, obwohl sie auch das viel geschmähte Eisenbahnerstatut mit Vorzugsprämien, 50 Urlaubstagen und der Rente mit 51 genießt. Dieses Statut will Emmanuel Macron bei Neueinstellungen der Staatsbahn SNCF abschaffen; und es brockt ihm nun den ersten richtigen Härtetest mit den Gewerkschaften ein. Die „cheminots“ – Eisenbahner – organisieren bis Ende Juni, wenn die Reform durch das Parlament gehen soll, einen so genannten „Perlenstreik“: Zweitägige Blockaden werden von jeweils drei Arbeitstagen gefolgt sein. Zermürbungstaktik? Dazu will sich Dalila nicht äußern.

Die SNCF-Manager überlassen die Konfliktzone den Streikenden

Die SNCF-Manager überlassen die Konfliktzone des Gare Montparnasse derzeit dem Gegner. „Gleis 24, ganz hinten“, gibt ein Kioskverkäufer ihren Treffpunkt wie einen Geheimtipp an. In der Tat findet dort, auf dem oberen Deck einer Parkgarage, eine Vollversammlung statt. „Gegen die Privatisierung, gegen den Abbruch der SNCF“, steht auf einem Transparent der Gewerkschaft CGT.

Für Gesprächsstoff sorgt vor allem ein in den Medien verbreitetes Mail eines unbekannten CGT-Mannes, der die Kumpels zur „Desorganisation“ aufruft, gefolgt vom Zusatz: „Ich denke, ihr habt verstanden, was ich meine.“ SNCF-Boss Guillaume Pepy verurteilte erbost die verklausulierten „Sabotage-Drohungen“, doch Jöel zuckt nur die Schultern: „Wenn die Arbeiter immer schön brav geblieben wären, hätten sie nie die Bastille gestürmt und die Revolution ausgerufen.“

„Der Präsident kennt nur Worte wie Strukturreform, Verfassungsrevision, kopernikanische Wende oder Big bang – mit denen er den Um- und Abbau des Service Public vorantreiben will“, sagt Gewerkschafter Jean. „Damit wird Macron noch auf die Nase fallen wie Premier Alain Juppé 1995 mit seiner gescheiterten Renten- und Bahnreform.“ Damals war Frankreich wochenlang gelähmt gewesen. Doch weht heute nicht ein anderer Wind? Haben die Franzosen Macron nicht mit dem klaren Mandat gewählt, ihr Land zu reformieren? „Schon“, räumt Jean. „Aber nun greift er frontal die Eisenbahner und ihr Statut an. Da wird er auf Granit beißen.“

Die Störungen des Bahnverkehrs sind massiv

Der Streiktag bei der SNCF war an diesem Donnerstag jedenfalls gut befolgt. Die öffentliche Bediensteten, die parallel zu den „cheminots“ streikten und 140 Umzüge im ganzen Land organisierten, bewirkten ihrerseits massive Störungen im Flug- und Bahnverkehr, in den Gerichten, Schulen, Altersheimen und Krankenhäusern. Die Beamten fordern Lohnerhöhungen aufgrund der aufhellenden Konjunktur – wie das Personal der Fluggesellschaft Air France, das heute Freitag streiken wird.

Und die Demonstranten wirkten sehr entschlossen – anders als bei der Reform des Arbeitsmarktes im Herbst, die Macron ohne größere Widerstände über die Bühne brachte. Politisch geschwächt und mitgliederarm, hauen sie umso lauter auf die Pauke. Am Rande der Pariser Umzüge kam es am Donnerstag zu Zusammenstößen mit der Polizei. „Und das war nur eine Warmlaufübung“, sagte ein Demonstrationsteilnehmer in die TV-Kameras.

Macron weiß: Die nächsten Wochen werden darüber entscheiden, ob sein fünfjähriges Reformmandat zu einem Erfolg wird – oder nicht.

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