Fledermaus-Experte: Während der Bauarbeiten an den Hesse-Bahn-Tunneln hat Christian Dietz regelmäßig nach den Fledermäusen geschaut. Foto: privat

Christian Dietz ist der Fledermaus-Experte der Herrmann-Hesse-Bahn zwischen Calw und Weil der Stadt. Er hat auch die weltweit einzigartige Tunnel-in-Tunnel-Lösung mit ausgearbeitet.

Heiko ist ein ganz besonderer „Mitarbeiter“ der Hermann-Hesse-Bahn (HHB). Er hat es sich in einer Ecke gemütlich gemacht und hängt einfach ab. Doch die Bauarbeiter, die seit Monaten an den Gleisen und den Tunneln der Bahnstrecke werkeln, haben ein wachsames Auge auf ihn.

 

Heiko trägt jedoch keine grell orangefarbene Schutzkleidung. Denn Heiko ist eine Fledermaus. Genauer gesagt ein Großes Mausohr, das ist die größte Fledermaus-Art, die es in Deutschland gibt. Und eigentlich sollte er gar nicht in seiner Ecke an der Decke hängen, sondern hinter der Schutzwand in der sogenannten Fledermaus-Kammer.

Die Strecke der reaktivierten Hermann-Hesse-Bahn verläuft zwischen Calw und Weil der Stadt

Die sogenannte Tunnel-in-Tunnel-Lösung, die für die Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Calw und Weil der Stadt gefunden wurde, ist bisher einzigartig auf der Welt. Durch eine Betonwand wurde jeweils in den 1871 fertiggestellten Bahntunneln Hirsau und Forst im Landkreis Calw eine Röhre für den Bahnverkehr geschaffen und dazu ein Zwischenraum, in dem bis zu 1000 Tiere in Ruhe und Sicherheit überwintern können.

Bauarbeiter der Hesse-Bahn-Baustelle haben dieser Fledermaus den Namen Heiko verpasst. Foto: privat

An dieser Lösung mitgewirkt hat auch Christian Dietz. Der promovierte Biologe und seine Frau Isabel sind quasi „die“ Fledermaus-Experten in Baden-Württemberg. Mit den Fledermäusen der Hesse-Bahn-Tunnel hat er sich zunächst im Auftrag des Naturschutzbundes Nabu Baden-Württemberg befasst. Dieser hatte 2016 gegen den Planfeststellungsbeschluss für die HHB geklagt und damit ein zweijähriges Mediationsverfahren ausgelöst, an dessen Ende die Tunnel-in-Tunnel-Lösung stand.

Die Strecke der Hesse-Bahn und der Anschluss ans Stuttgarter S-Bahn-Netz Foto: STZN-Grafik

„Es ist schon sehr selten, dass sich Kontrahenten einigen und ein Projekt gemeinsam zu Ende bringen“, sagt Christian Dietz, der mittlerweile vom Zweckverband der Hesse-Bahn beauftragt ist und regelmäßig nach den fliegenden Säugetieren schaut.

Dass jetzt viel über die 80 Millionen Euro diskutiert werde, die beim 207-Millionen-Euro-Projekt Hesse-Bahn für Artenschutz veranschlagt sind, sei verständlich. „Das wären ja quasi 8000 Euro pro Fledermaus“, sagt Dietz. Doch die anfänglich angegebenen Kosten seien einfach nicht realistisch und viel zu niedrig angesetzt gewesen.

Auch nicht alles, was unter dem Stichwort gezählt wird, betrifft die Tiere direkt. Denn ein Großteil der Summe sind die Gesamtbaukosten für die zwei Bestandstunnel. „Da sind dann auch Brandschutzauflagen und Anforderungen der Eisenbahnverordnung mit drin, die ausschlaggebend sind für die häufig genannten Kostensteigerung“, erklärt Andreas Knörrle, der Infrastruktur-Dezernent im Calwer Landratsamt.

Die zwei Jahre, in denen der Kompromiss mit dem Nabu ausgehandelt worden sei, seien zwar anstrengend gewesen. „Aber es war ein vertrauensbildender Prozess, auf den man stolz sein kann, mit einem einzigartigen Ergebnis“, sagt Knörrle.

Statt die Bahnreaktivierung aufzugeben oder gegen europäische Artenschutzrichtlinien zu verstoßen und damit den Fortbestand geschützter Arten zu gefährden, habe man gemeinsam nach einer Lösung gesucht. „Das, was wir entwickelt haben, ist zwar teuer. Aber es ermöglicht, dass die Bahn überhaupt fahren kann“, erläutert der Biologe Dietz, der regelmäßig nach den Tieren in den Tunneln schaut.

Die Tunnel der Hermann-Hesse-Bahn sind wichtig für den Fortbestand der Fledermäuse

„Diese beiden Tunnel sind ein ganz zentrales Element der Fledermaus-Populationen“, sagt Christian Dietz. 18 verschiedene Arten sind rings um die beiden Tunnel nachgewiesen. Der Tunnel Forst gehöre zu den Top-10-Winterquartieren in Süddeutschland. Vier bis sechs Monate halten die Tiere Winterschlaf, je nach Art und Witterung. Davor findet die Paarungszeit statt.

Das Revier um die Hesse-Bahn-Strecke ist also essenziell wichtig für den Fortbestand der Populationen. Damit die Fledermäuse auch den richtigen Eingang in ihren Tunnelteil finden, wird mit Ultraschall gearbeitet. Denn so orientieren sich die Tiere. An den Tunnelportalen wurden die Röhren jeweils verlängert. Ultraschallgeräte sorgen dafür, dass das Tunnelportal auf die Fledermäuse wie eine Wand wirkt. Sie sollen weiterfliegen zur Öffnung der Fledermauskammer. Das Ganze wird ständig überwacht.

Hermann-Hesse-Bahn: Ultraschall soll Fledermäusen den richtigen Weg weisen

Das hat während eines Tests 2024 schon gut funktioniert. Auch im Herbst 2025 haben fast alle Tiere den richtigen Weg genommen. „Es gab nur ein, zwei Tiere jeweils, die doch in die Bahnröhre geflogen sind“, berichtet Dietz. Solange diese sich von den Bauarbeiten nicht stören ließen, habe man sie hängen lassen.

Eine der Fledermäuse wurde von den Bauarbeitern auf Heiko getauft. „Einmal hat sich einer ganz besorgt an mich gewandt, weil ihm aufgefallen war, dass sich Heiko überhaupt nicht mehr bewegt hat. Er wollte wissen, ob alles in Ordnung ist“, erzählt Christian Dietz. War es.

Die Hermann-Hesse-Bahn geht offiziell am 1. Februar zwischen Calw und Weil der Stadt in Betrieb

Kurz vor Weihnachten ist Heiko doch noch umgezogen. „Bevor die erste Probefahrt stattfinden konnte, mussten die Tiere, die sich noch im falschen Tunnelteil befanden, abgehängt und umgesetzt werden“, berichtet der Fledermaus-Flüsterer.

So intensiv Planungen, Vorbereitungen und Begleitung der Bauarbeiten auch waren, die Stunde der Wahrheit schlägt bald. An diesem Wochenende sollen bei Probefahrten die Signalanlagen getestet werden, in der kommenden Woche werden dann die Zugführer der batterieelektrischen Züge auf der neuen Strecke geschult. Nach der Jungfernfahrt am Samstag, 31. Januar, unter anderem mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) beginnt dann am Sonntag, 1. Februar, der offizielle Betrieb.

Hermann-Hesse-Bahn

Reaktivierung
1988 fuhren die letzten Güterzüge zwischen Calw und Weil der Stadt, 1989 wurde die Strecke offiziell stillgelegt. 1994 kaufte der Kreis Calw die Strecke. Seit 2001 wurde eine Reaktivierung überlegt, erst 2015 fiel die Entscheidung dafür. Seit 2018 wird gebaut. Die Gesamtkosten werden mittlerweile mit 207 Millionen Euro angegeben.

Fledermäuse
Von den deutschlandweit vorkommenden 24 Fledermausarten sind 18 rund um die alten Eisenbahntunnel bei Calw nachgewiesen, davon überwintern dort acht Arten in größerer Zahl. Der Hirsauer Tunnel hat mit etwa 1000 überwinternden Fledermäusen eine bundesweite Bedeutung. Viele Mausohren, Fransen-, Bart- und Zwergfledermäuse sowie Braune Langohren verbringen dort den Winter, selten auch Wimperfledermäuse und die Große Hufeisennase.