Kirsten Hellsten zieht aus ihrem Laden in der Eberhardstraße aus. Foto: Simon Granville

Erst reiste die US-Amerikanerin Kirsten Hellstern als Opernsängerin durch die Welt, jetzt betreibt sie einen Einrichtungsladen in Ludwigsburg. Obwohl die Zeiten als Einzelhändlerin schwer sind, macht Hellstern im September einen mutigen Schritt.

Der Laden Heim & Seele ist eine angenehme Reizüberflutung. Tassen, Lampen, Pfeffermühlen und Möbel füllen den kleinen Raum in der Eberhardstraße bis unter die Decke – es ist dunkel und heimelig. Das wohlige Gefühl ist Ladenbesitzerin Kirsten Hellstern wichtig, wie selbstverständlich spricht sie jeden Kunden mit Du an. „Ich bin keine gute Verkäuferin, aber eine gute Begeisterin“, sagt Hellstern über sich selbst.

 

17-mal ist die 50-Jährige laut eigener Aussage schon umgezogen. Über Indianapolis, New York, Amsterdam und London landete sie letztendlich in Ludwigsburg. Als Opernsängerin trat sie auf großen Bühnen auf, tauschte dieses Leben aber gegen einen kleinen Laden in der Eberhardstraße – und will nun noch sichtbarer werden.

Dayjob und Nightjob

Mit 15 Jahren habe sie gewusst, dass sie Opernsängerin werden will, sagt Hellstern, die ihre Kunden gerade mit Kaffee versorgt hat und sich nun in einen ihrer ausgestellten Sessel gleiten lässt. Hellstern wuchs in den 1980er Jahren im mittleren Westen der USA auf, sie sang schon immer viel und ging nach ihrem High-School-Abschluss auf die Jacobs School of Music der Indiana University – eine der besten Adressen in den USA.

Wer groß werden will, muss nach Europa, wusste Hellstern schnell. Nach dem Uni-Abschluss ging es für sie aber erst einmal nach New York. Mit Anfang 20 sang sie im Big Apple in Chören und Orchestern, leben konnte sie davon aber nicht. „Ich hatte meinen Dayjob, beispielsweise in Werbeagenturen, und abends habe ich gesungen.“

Auch um ihre Karriere voranzubringen verließ Hellstern nach fünf Jahren New York in Richtung Amsterdam. Sie machte sich als Opernsängerin selbstständig und bekam immer mehr Jobs. „Von der Selbstständigkeit konnte ich aber erst leben, als ich nach Deutschland gezogen bin.“

Nach einem Jahr Amsterdam und fünf Jahren in London zog Hellstern 2005 nach Marbach, ihr damaliger Mann hatte ein Jobangebot an der Staatlichen Hochschule für Musik in Stuttgart. Nach Jahren in den aufregendsten Städten der Welt sei sie froh gewesen, ländlicher zu wohnen und ein Haus zu haben, in dem sie ungestört proben konnte.

„Es war mein Traumjob, ich wollte aber auch Mutter sein“

Hellsten trat zu dieser Zeit unter anderem im Pariser Théatre du Châtelet, im Goldenen Saal in Wien und bei den Schlossfestspielen Ludwigsburg auf. Teilweise war sie zwei Monate am Stück unterwegs, ihre zwei Kinder bekam sie immer seltener zu Gesicht. „Es war mein Traumjob, ich wollte aber auch Mutter sein“, sagt Hellstern. Sie sehnte sich nach einem echten Zuhause – einem Nest – 2016 hängte sie die Opernkarriere an den Nagel.

In den folgenden Jahren probierte sich Hellstern als Englischlehrerin und als Leiterin eines Fitnessstudios aus. „Was alle Jobs verbindet, ist die Lust, mit Kunden zu arbeiten und meine Begeisterung auf andere zu übertragen.“ Dann folgte die Pandemie, das Fitnessstudio musste schließen, und zum ersten Mal steckte Hellstern fest. Was nun?

„Ich hatte nie das Gefühl, dass ich etwas nicht schaffen werde“, sagt Hellstern über sich. Mit dieser Überzeugung eröffnete sie mitten in der Pandemie ihren Einrichtungsladen in der Ludwigsburger Eberhardstraße. Ein kühner Schritt, den sie jedoch nie bereut hat. Sie habe etwas Geld auf der hohen Kante gehabt, wollte nicht länger tatenlos rumsitzen und hatte eine klare Vorstellung, was ein Zuhause – ein wärmendes Nest – ausmacht.

Aktuell kämpfe sie mit sinkenden Umsätzen, „ich merke, dass sich die Kunden zurückhalten“, sagt Hellstern. Es ist wieder Krisenzeit, und wieder geht Hellstern ins Risiko. Im September zieht sie mit ihrem Laden in die Seestraße. Ein „scary“ Schritt, den sie aber unbedingt brauche, um mehr Laufkundschaft zu erreichen. Der Umzug und die Renovierung kosten viel Geld, der Einzelhandel kämpft – „aber irgendwie hat es ja immer geklappt“, sagt Hellstern und lacht.