Von Armin FriedlFür die Überreichung des Georg-Büchner-Preises im November 2008 hat
Für die Überreichung des Georg-Büchner-Preises im November 2008 hat sich Josef Winkler mit einer sehr persönlichen Rede bedankt. Diese stellt er unter anderem am 28. März um 11 Uhr im Foyer des Staatsschauspiels in Niedlichs literarischem Salon vor.
Herr Winkler, um was geht es in Ihrer Rede, die von einigen Zeitungen unter der Überschrift "Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär" abgedruckt wurde?
Es ist ein poetischer Essay oder besser: ein literarischer Text, in dem ich die Sprachentwicklung eines Kindes zunächst zum Lesen und später zum eigenen Schreiben beschreibe, aufgewachsen in einer ländlichen katholischen Umgebung auf einem Bauernhof, in dem es keine Bücher gibt, nicht einmal eine Bibel. Es geht also um die Eroberung der Sprache, dahinter stecken vielfältige Geschichten. So muss der Zwölfjährige Geld stehlen, um an Bücher zu kommen. Das gilt erst recht für den 15- bis 16-Jährigen, der die Bücher von Hemingway, Sartre und Camus lesen will. Denn für Bücher gab es damals in dieser Umgebung kein Geld. Meine Besessenheit war damals so groß, dass sie zu einem Existenzproblem geworden ist.
Ist das dann eine Autobiografie?
Ich arbeite mit viel autobiografischem Material, versuche dabei Sätze zu finden, die in sich Sprache sind. Ich habe hier aber keine Memoiren geschrieben, das hätte mich zu Tode gelangweilt.
Um welche Aspekte haben Sie Ihre Rede inzwischen erweitert?
Bei der Büchner-Preisrede musste ich mich zurückhalten, ich konnte nicht eine oder gar eineinhalb Stunden reden. Dazu habe ich jetzt mehr Material entwickelt und ausgebaut. So nähere ich mich jetzt auf eine andere Weise an den französischen Dichter Jean Genet, über den ich ja bereits ein Büchlein geschrieben habe. Ich war inzwischen auf der Spurensuche, war an seinen Kindheitsorten, in einer Besserungsanstalt und im damaligen französischen Zentralgefängnis, wo er als junger Mann eingesessen ist. Mir geht es um die Wiederentdeckung dieses Autors. Zu diesem poete maudit, also einem verfluchten Dichter, gesellt sich ein verfluchter Maler. Denn ich bringe ihn in Verbindung mit dem russisch-jüdischen Maler Chaim Soutine, der 1913 im Alter von 20 Jahren mit dem Zug von Litauen nach Paris fuhr, um dort Maler zu werden. Er hat ein sehr skurriles und tragisches Leben gehabt. Ich beschäftige mich mit ihm eigentlich schon seit meinem 17. Lebensjahr. Er hat die schönsten Ministranten der Kunstgeschichte gemalt sowie die schönsten Gladiolen und Zuckerbäcker. Er ist für mich einer der ganz Großen in der Malerei. Diese Spurensuchen beschäftigen mich also: Meine eigene als verfluchter Alpenschriftsteller, ohne die es bei mir nicht geht, jene von Genet als verfluchtem Poeten und die von Soutine als verfluchtem Maler. In diesem Dreieck spinne ich mein Netz.
Nicht nur in der Rede, auch in Ihrem sonstigen Schaffen berichten Sie viel aus Ihrem Leben. Ist das Ihr Schreibprinzip?
Ja, in der Beschreibung des Kampfs, zu Wörtern und Buchstaben zu kommen, steckt viel von meiner Existenz. Da muss ich nicht viel dazuerfinden, da gibt es so viele intensive Geschichten, ich muss mich da nur hineinwühlen und die Atmosphäre von damals wiederentdecken. So läuft das bei mir beim Schreiben fast automatisch, das kann ich gar nicht aufhalten. Es geht darum, die eigene Seele aufzukratzen, um da reinzukommen.
Außer Ihrer Vergangenheit: Haben Sie noch weitere Inspirationsquellen?
Bilder sind für mich sehr wichtig, es liegen immer welche auf meinem Schreibtisch. Ich habe inzwischen 14 Bücher geschrieben, also mehrere 1000 Seiten. Man findet da nur wenige Sätze, die nicht aus einem Bild bestehen - Bilder innerhalb und außerhalb von mir. Momentan liegen die Bilder von Soutine vor mir, etwa die Gladiolen. Sie erinnern mich an den Tod meines Großvaters. Dessen Sarg mussten wir mit Hunderten von Gladiolen füllen. Das dauerte damals nicht lange, aber die Geschichte begleitet mich mein Leben lang. Das sind die Motive, die ich verfolge, wie ich von Bildern zu Geschichten komme. Ich will das weder erklären noch psychologisieren, für so etwas habe ich weder eine Sprache noch will ich so etwas lesen. Ich will diese besondere Atmosphäre schaffen, das gelingt mir mit allen Schwächen und Stärken, es darf nur keine fürchterlichen Sätze geben.
Gehen Sie öfters auf Spurensuche vor Ort wie bei Genet?
Ja, ich bin kein Schreibtischliterat. Ich benötige nicht Tausende von Büchern um mich herum. Einige genügen, in denen ich schmökere und von denen ich mich inspirieren lasse. Das sind dann Bücher von Autoren, die besser schreiben können als ich, sonst hätte ich ja nichts davon. Demnächst fahre ich nach Paris ins ehemalige Künstlerviertel Montparnasse auf den Spuren von Soutine. Ich fahre überall hin, wo es Hinweise auf Soutine gibt.
Wie schätzen Sie Ihr Gesamtwerk ein?
Also, gegenüber Peter Handke bin ich ein Analphabet, aber das ist mir egal, darunter leide ich nicht besonders. Ich bin froh, dass ich meine Bücher geschrieben habe, das ist meine Existenz. Außer Schreiben kann ich gar nichts, hat mein Sohn festgestellt, als ich etwas im Haus reparierte. Das hat mir gut gefallen. Das passt gut zu der Überschrift "Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär". Das passt auch zu Chaim Soutine.