Das neue Bundeskabinett zeigt Solidarität mit Israel. Derweil wachsen in Deutschland die Kritik am Kriegskurs der israelischen Regierung – und der Antisemitismus.
Richtig, dass Außenminister Johann Wadephul, kaum im Amt, persönlich in Israel ein Signal enger Verbundenheit setzt. Mutig ist das auch. Denn unübersehbar greift in Deutschland eine wachsende Entfremdung von diesem Land um sich, für das die Deutschen eine große, historische Verantwortung tragen.
Der heimtückische Terrorüberfall der palästinensischen Hamas auf Israel liegt gut 580 Tage zurück. In Deutschland scheint er, wie absurd, fast vergessen. Hier dominiert der Eindruck des Leids und der massiven Verwüstung, die Israels Gegenschläge hinterlassen haben. Die Regierung um Benjamin Netanjahu irritiert mit Endsieg-Rhetorik. Auch damit, dass sie aktuell auf totale Offensive setzt.
Die Hintermänner sind in Schockstarre
Dabei wäre zu fragen: Gibt ihr der Erfolg nicht Recht? Die Hauptdrahtzieher des Hamas-Überfalls – alle tot. Die Hisbollah im Libanon hat ihre Einmischung in diesen Krieg mit ihrer so verdienten wie totalen Niederlage bezahlt. Die iranischen Hintermänner von Hamas und Hisbollah, zwischenzeitlich selbst unter den Angreifern, befinden sich seit Israels Gegenangriffen in Schockstarre.
Aber gewonnen ist nicht viel. Von den rund 250 zu Kriegsbeginn als Geiseln in den Gazastreifen verschleppten Israelis befinden sich noch 59 in Terroristen-Gewalt. Nicht einmal der Beschuss Israels hat aufgehört. Keineswegs wurde die Gewaltherrschaft der Hamas über den Gazastreifen gebrochen.
Der Hamas näher als der Hisbollah
Israel hat heute weltweit weniger Freunde denn je. Die Hisbollah mag am Boden liegen. Aber wie lange? Entstehen aus ihren Trümmern Gruppierungen, die der zutiefst kriminellen Hamas ähnlicher sein werden, als der eher militärisch strukturierten Hisbollah? Solche Risiken sind real.
Netanjahu wirkt getrieben von seinen extrem nationalistischen Koalitionspartnern. Getrieben auch von Eigennutz. Als im Kriege nicht ablösbarer Regierungschef bleibt er von den ihm drohenden Korruptionsermittlungen oder gar Urteilen verschont.
Wie tief die Kluft in Israel geworden ist zwischen einer abgekämpften Armee und einer kriegsmüden Bevölkerung einerseits und den Kriegstreibern um Netanjahu andererseits, hat kürzlich der Tag der Erinnerung an die Gefallenen und die Terroropfer des Landes gezeigt. Begeisterung findet sich wenig.
Dass die Rettung der noch lebenden Geiseln auf der Kriegsziel-Liste der Regierung immer weiter nach unten rutscht, dafür neue, klar völkerrechtswidrige Ziele wie die Vertreibung von Palästinensern aus dem Gazastreifen nach oben, sehen auch viele Israelis kritisch. Trotzdem folgen der erneuten Einberufung zigtausender Reservisten wieder fast alle. Was wiederum an der Hamas liegt. Sie hätte vielfach Gelegenheit gehabt, mit der Freilassung der restlichen Geiseln die Waffen zum Schweigen zu bringen. Schäbigerweise gibt sie nicht einmal die Toten heraus.
Wer ist Angreifer, wer Angegriffener?
Das wird gern ausgeblendet im Rest der Welt. Die Entrüstung darüber, dass Israel dem UN-Palästinenser-Hilfswerk UNRWA, einer Vorfeldorganisation der Hamas, die Verteilung humanitärer Hilfe nicht überlassen will, stellt böswillig auf den Kopf, wer in diesem Krieg der Angreifer ist.
Wie weit rund um Israel die Verblendung geht, offenbart sich gerade in Deutschland. Da mag sich manche Parallele aufdrängen zwischen dem schrecklichen Schicksal der Palästinenser 2025 mit dem schrecklichen Schicksal der Deutschen 1945. Wenn hierzulande aber 42 Prozent der Befragten die These teilen, die Israelis gingen mit den Palästinensern so um wie einst die Nazis mit den Juden, wenn sie also eine im Kern völlig legitime Gegenwehr mit industriell betriebenem Völkermord in eins setzen, dann ist das nur eines: ekelhafter Antisemitismus.