Nach dem blutigen Streit in der Innenstadt hat die Polizei in der Nacht zum Freitag mehrere Verdächtige festgenommen. Foto: 7aktuell/Simon Adomat

Zwei mit Messern und Schusswaffen ausgetragene Auseinandersetzungen haben die Bevölkerung in den beiden Städten aufgeschreckt. Einiges deutet darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen den Taten gibt.

Plochingen/Nürtingen - Zwischen der blutigen Auseinandersetzung in Plochingen am Donnerstag und der Messerstecherei in Nürtingen am Samstag, 8. Februar, besteht offensichtlich ein Zusammenhang. Dem Vernehmen nach ist mit beiden Fällen jene Ermittlungsgruppe befasst, die nach der Auseinandersetzung in Nürtingen eingesetzt wurde. Heiner Römhild, der Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart, bestätigt dies nicht. „Das ist spekulativ“, erklärte er am Freitag auf Anfrage. Auch zu der Information unserer Zeitung, dass nach der Tat in Nürtingen ein Tatverdächtiger kontrolliert worden sei, der eine geladene, vorgespannte Pistole griffbereit in der Tasche bei sich hatte, erklärt Römhild nur: „Dazu sagen wir aktuell nichts.“

Vier Tatverdächtige vorläufig festgenommen

Dazu, dass es sich bei den Übergriffen in den beiden Innenstädten von Plochingen und Nürtingen um die Fehde zwischen rivalisierenden Banden handeln könnte, äußert sich der Sprecher der Anklagebehörde ebenfalls nicht. Die Staatsanwaltschaft teilt lediglich mit, dass es sich in Plochingen um einen Streit unter mehreren Männern gehandelt habe. Bei diesem wurden ein 29-Jähriger sowie ein 21 Jahre alter Mann durch Messerstiche verletzt. Letzterer, der an dem Angriff auf den 29-Jährigen beteiligt gewesen sein soll, habe zudem eine „mutmaßliche Schussverletzung“ erlitten. Die beiden Opfer werden noch in einer Klinik behandelt. Sie seien nicht bereit, zu dem Vorfall auszusagen. Auch der 19-Jährige, der am Samstag, 8. Februar, in Nürtingen durch Messerstiche lebensgefährlich verletzt worden war, schweigt eisern zu der Tat.

Im Plochinger Fall, der am Donnerstag einen Großeinsatz der Polizei bis in den späten Abend hinein ausgelöst hatte, wurden laut der Polizei kurz nach der Tat und in der Nacht zum Freitag vier tatverdächtige Männer im Alter von 19, 20 und zweimal 29 Jahren festgenommen. Auch gegen den 21 Jahre alten Verletzten, der den 29-Jährigen attackiert haben soll, sei ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. Während der 19-Jährige am Freitag wieder auf freien Fuß gekommen sei, sitzen ein 20 Jahre alter Mann, der verletzte 21-Jährige sowie die beiden 29-Jährigen seit Freitagmittag in Untersuchungshaft. Die Beschuldigten seien der Polizei unter anderem wegen Gewaltdelikten bekannt. Die Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat dauern an. Die Kriminalpolizei, Telefonnummern 07 11/39 90-142 und 07 11/39 90-153, hofft auf Hinweise.

„Große Aufregung“ in der Bevölkerung

Nach dem Großeinsatz in Plochingen hat sich auch der Bürgermeister Frank Buß zu dem vorübergehenden Ausnahmezustand in seiner Stadt geäußert. Wegen des Einsatzes, an dem zahlreiche Beamte des Sondereinsatzkommandos, weitere schwer bewaffnete Spezialkräfte und ein über der Innenstadt kreisender Polizeihubschrauber beteiligt waren, habe in der Bevölkerung „eine große Aufregung“ geherrscht, sagt der Rathauschef auf Anfrage. Frank Buß ist „froh, dass die Polizei mit starken Kräften und großer Umsicht“ vorgegangen sei. Zunächst sei nicht klar gewesen, ob für die Bürger eine Gefahr bestehe. Gerade bei dieser Unsicherheit sei „der Schutz der Bevölkerung ein wichtiger Aspekt“ des groß angelegten Einsatzes gewesen. Die Polizei habe in dieser Situation „sehr gut und im Sinne unserer Bürger gehandelt“.

„Natürlich wollen wir, dass es bei uns ruhig ist“, sagt Buß und betont, dass sich die Verwaltung diesbezüglich im stetigen Austausch mit der Polizei befinde. Wegen des Großeinsatzes darauf zu schließen, Plochingen sei per se ein Hort der Kriminalität, sei falsch. Im Bereich der Gewalttaten weise die Stadt in der Kriminalstatistik eine unterdurchschnittliche Zahl auf. Der Einsatz vom Donnerstag habe freilich einen „großen Hype ausgelöst“, sagt Frank Buß, „aber das ist nicht das normale Leben in Plochingen“.

Einwohner geben sich nach dem Vorfall gelassen

Die Normalität kehrte am Tag nach der Tat indessen wieder in Plochingen ein. Die Fußgängerzone war am Freitagvormittag gut frequentiert, Familien mit Kindern besuchten den Wochenmarkt. Die rot-weißen Absperrbänder der Polizei, die Streifenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht, die Polizisten mit schweren schusssicheren Westen und Maschinenpistolen, der über der Stadt kreisende Hubschrauber – das waren nur noch Erinnerungen an eine kalte, regnerische Nacht, die vielen Plochingern wohl noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Das Gesprächsthema Nummer eins waren die Ereignisse des Vorabends. „Da hat man ja gemeint, der Dritte Weltkrieg bricht aus“, wurde auf dem Markt vor dem Alten Rathaus während eines Gesprächs kundgetan. Ein anderer Passant meinte: „Da geht es im Stuttgarter Rotlichtviertel zivilisierter zu.“ Gleichzeitig wurde eifrig über die Hintergründe der Auseinandersetzung spekuliert.

Mischung aus Gelassenheit und Resignation

Immer wieder rückte in Gesprächen eine mögliche Verstrickung der Beteiligten ins Drogenmilieu in den Fokus. Die Gegend um den Plochinger Bahnhof scheint von vielen Einwohnern schon lange als ein Schwerpunkt von Drogenkriminalität angesehen zu werden. Angst oder Unsicherheit waren am Freitag dennoch kaum zu spüren. Die Menschen gingen mit einer Mischung aus Gelassenheit und Resignation bereits wenige Stunden nach der Ausnahmesituation wieder ihrem Alltag nach. Einen Satz, den man immer wieder hörte: „Das ist halt Plochingen.“

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