Das Eintreten von Außenminister Heiko Maas für Geimpfte zeugt von Disziplinlosigkeit, meint unser Kommentator Michael Trauthig.
Berlin - In einer Zeit, in der die Lust an der Selbstdarstellung immer mehr zählt, ist es ein frommer Wunsch, dass Debatten nicht zur Unzeit geführt werden. Trotzdem sollte ein Bundesminister den Mund halten, Kabinettsdisziplin üben und sich vorrangig zu den Themen äußern, für die er zuständig ist. Außenminister Heiko Maas hat so viel Selbstbeherrschung nicht aufgebracht. Gegenüber der „Bild“ redet er nicht nur über den Machtwechsel in den USA, sondern auch über die Rechte von Geimpften. Für die sollten die pandemiebedingten Einschränkungen bald nicht mehr gelten, meint Maas.
Maas ist auf dem Holzweg
Doch der ehemalige Justizminister ist damit auf dem Holzweg. Erstens ist noch unklar, ob Geimpfte das Virus weitertragen und damit die Pandemie befördern können. Zweitens haben diese Personen – momentan aus guten medizinischen Gründen – ohnehin ein großes Privileg: Sie erhalten nämlich den Impfstoff, während alle anderen in der Warteschlange stehen. Drittens wird es noch Monate dauern, bis so viele Menschen geimpft sind, dass sie eine für das Wirtschaftsleben relevante Gruppe darstellen. Viertens müsste Maas dann auch jene Bürger von den Einschränkungen befreien, die die Erkrankung schon durchgemacht haben. Und fünftens litte der ohnehin schon brüchige gesellschaftliche Frieden weiter unter solchen Unterschieden.
Zu guter Letzt weiß niemand sicher, ob die Infektionslage in ein paar Monaten nicht entspannter ist als heute. Womöglich können Auflagen dann ohnehin fallen, so dass sich die Debatte über „Privilegien“ für Geimpfte erübrigt. Bis dahin gilt es, den Kampf gegen das Virus zu führen. Maas’ Zwischenruf stört da nur.
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