Schon 2004 warb die Hochschule der Medien in Stuttgart gemeinsam mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst mit Plakaten für das Studieren im Ausland – offenbar mit Erfolg. Foto: StN

Die Zahl hat sich binnen 30 Jahren verdreifacht – Aufenthalte im Ausland werden aber kürzer.

Stuttgart - Den Amazonas und die Karibikküste nicht nur aus Büchern, sondern hautnah vor Ort zu studieren, diese Gelegenheit haben nicht viele Geografiestudenten. Viola Hoffmann hatte sie im Rahmen eines Auslandssemesters in Kolumbien. Auch für ihr zweites Fach Volkswirtschaftslehre konnte sie während ihres Auslandssemesters viele Studien vor Ort betreiben. Die 22-Jährige ging als erste Studentin von der Uni Heidelberg an die Universidad Nacional in Bogotá. Gleich in der ersten Woche lernte sie ihren Freund kennen, der sie bei der Rückkehr nach Deutschland im März begleitete. Im Juni kam bereits der gemeinsame Sohn Jakob auf die Welt. Nicht jeder Auslandsaufenthalt wird so viele neue Weichen im Leben stellen, wie es bei der jungen Mutter der Fall war. Die Möglichkeit, in einem anderen Land neue Einblicke zu gewinnen, nutzen jedoch immer mehr Studenten.

An der Uni Heidelberg wählen pro Semester 800 Studenten den Weg über Austauschprogramme. „Wir suchen unsere Partnerhochschulen sehr sorgfältig aus“, sagt Joachim Gerke, Leiter des Akademischen Auslandsamtes in Heidelberg. „Ein Professor von mir hat auf einem Infoabend von einem Austauschprogramm erzählt, dass er aufbauen wolle. Ich habe ihn gleich angesprochen, und er hat mir die Kontakte nach Kolumbien besorgt“, beschreibt Bachelorabsolventin Hoffmann den Ablauf. Etliche Studenten organisieren sich einen solchen Aufenthalt selbst oder mit Hilfe anderer Systeme wie dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD). Neben diesen Stipendienprogrammen erhalten viele Studenten auch Auslands-Bafög. Der Antrag kann sich lohnen: Denn wer im Inland keine Chance auf Bafög hat, kann im Ausland gefördert werden, weil die Berechnungsgrundlage eine andere ist.

Das am häufigsten gewählte Zielland war mit 20,5 Prozent Österreich

Von den 115 500 deutschen Auslandsstudenten im Jahr 2009 blieben 82,1 Prozent in Europa. Das am häufigsten gewählte Zielland war mit 20,5 Prozent Österreich. Für den amerikanischen Kontinent entschieden sich 9,4 Prozent. Die an der Uni Konstanz beliebtesten Zielländer Frankreich, Spanien, Großbritannien sowie die USA, Kanada und Australien sind auch in Heidelberg regelmäßige Favoriten. Einen hohen Nachfragezuwachs gab es im letzten Jahrzehnt nach Lateinamerika und vor allem Ost- und Südostasien.

Innerhalb Europas ist Skandinavien derzeit sehr beliebt. Dies liegt vor allem am breiten Angebot englischsprachiger Lehrveranstaltungen. Ein gutes Viertel (24 029) aller Auslandsstudien entfiel allein auf das Stipendienprogramm Erasmus. Hier ist Spanien am beliebtesten. Die im Bildungsprogramm der EU-Kommission „Erasmus für alle“ geplante Erhöhung des Budgets auf 19 Milliarden der kommenden Förderperiode von 2014 bis 2020 ermöglicht gut fünf Millionen Studenten in Europa einen Auslandsaufenthalt.

„Erasmus“ ist auch in Heidelberg das beliebteste Austauschprogramm. Pro Semester nehmen etwa 600 Studenten teil. Allein ihnen ist der Abschluss eines sogenannten „Learning Agreements“ vorgeschrieben. Damit werden gleichwertige Lehrveranstaltungen der Gasthochschule für das Studium an der Heimatuni anerkannt. Den anderen wird zur freiwilligen Absprache mit der Studiengangsleitung geraten. „Die Kurse werden mir alle angerechnet, sowohl in VWL als auch in Geografie“, freut sich Viola Hoffmann. Manche Studenten würden allerdings auch bewusst im Ausland Inhalte belegen, die sie an der Heimatuni nicht angeboten bekämen, erzählt Joachim Gerke vom Akademischen Auslandsamt.

Mehr weibliche als männliche Konstanzer Studenten gehen ins Ausland

Julia Wandt, Sprecherin der Uni Konstanz glaubt, dass sich der Trend in Konstanz auch in Zukunft fortsetzen wird. „Bei uns ist der Anteil der Absolventen, die einen Auslandsaufenthalt während des Studiums verbracht haben, mit über 40 Prozent bereits über dem Bundesdurchschnitt. Wir sind zuversichtlich, dass wir diesen Anteil auch künftig steigern können.“

In Konstanz haben in den letzten fünf Jahre weibliche Studenten im Vergleich zu ihren männlichen Kommilitonen mit 64 Prozent fast doppelt so häufig an Austauschprogrammen teilgenommen.

Studienaufenthalte im Ausland dienen oft dazu, Sprache und Kultur des Gastlandes besser kennenzulernen. Gerade in Frankreich ist der Fachbereich Sprach- und Kulturwissenschaft unter deutschen Studenten sehr stark vertreten. Die reisefreudigste Gruppe insgesamt bilden Studenten der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. In Natur- und Ingenieurswissenschaften planen angehende Akademiker seltener ein Auslandssemester ein. Sie nutzen eher Forschungsaufenthalte oder Laborpraktika. Ausnahmen bilden Länder wie Ungarn, wo etwa Humanmedizin ohne Zulassungsbeschränkung angeboten wird. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich Studiengänge mit doppelten Abschlüssen. Dabei ist ein Auslandsaufenthalt automatisch integriert. Das Statistische Bundesamt hat auch für Studiengänge, die ganz im Ausland absolviert werden, einen deutlichen Nachfragezuwachs festgestellt. Dabei sind besonders Österreich, die Niederlande und die Schweiz beliebt.

Im Gegenzug wird Deutschland auch für ausländische Studenten immer attraktiv: Im Wintersemester 2010 waren bereits 185.000 hierzulande eingeschrieben.

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